„Ich war 14 und sie hieß Monika“

Landschulheim Pelzerhaken: Jugendschwarm aus Hann. Münden

Dirk Cremer vor dem Gelände des ehemaligen Schullandheims Pelzerhaken
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Vor dem Gelände des ehemaligen Schullandheims: Dirk Cremer in Pelzerhaken.

Generationen haben Erinnerungen an Pelzerhaken, jenen Ostsee-Ort, an dem das Landschulheim des Landkreises Münden stand. Christian Mühlhausen hat vor Ort Zeitzeugen getroffen, die wir in loser Folge vorstellen.

Ur-Pelzerhakener Dirk Cremer erinnert sich an die frühen 70er Jahre „Pelzerhaken war damals ein Dorf, wir hatten vielleicht 150 Einwohner“, sagt Dirk Cremer. Wenn er „damals“ sagt, dann meint er die frühen 60er Jahre, seine Kindheit. Er wuchs quasi am Meer auf, in einem Haus an der Pelzerhakener Straße mitten im Altdorf, sein Vater war Schulleiter in Neustadt. Der kleine Dirk wurde schon als Kind zum Spielen an den Strand geschickt. Irgendjemand passte schon auf den Lütten auf.

Ferienwohnungen oder gar Ferienhaussiedlungen und -dörfer kannte man in dieser Zeit der nach wie vor großen Wohnungsnot noch nicht. Stattdessen vermietete man Fremdenzimmer. Die Familie rückte zusammen, freie Zimmer wurde an Touristen vermietet, Familienanschluss häufig inklusive. Die flächenmäßige Ausdehnung des Ortes setzte erst in den 70er Jahren ein, als der Tourismus richtig Fahrt aufnahm.

So beschaulich das Dorf, so aufregend war es für die Dorfjugend, wenn die „Mündener“ kamen. Das sprach sich schnell rum im Ort, denn das Ankommen anderer Jugendlicher war immer eine Bereicherung: „Das bedeutete für uns Abwechslung“, sagt Dirk Cremer, Baujahr 1957, der heute als selbstständiger Programmierer arbeitet. Er kennt das spätere Landschulheim noch als Zeltlager, zu dem lediglich ein bescheidenes Haus für die Verpflegung und ein Haus mit Toiletten und Duschen gehörte. Von Ostern bis Oktober kamen immer wieder Gruppen an, meist für zwei Wochen.

Für Monika schwänzte er die Schule

Mit den auswärtigen Jungs maß man sich im Fußball spielen oder beim Schwimmen im Meer, gern auch mit gewagten Sprüngen von der Seebrücke. Und die Mädchen versuchte man zu beeindrucken mit Bonanza-Fahrrad, später mit der Mofa. „Beatles, Kings und Rattles waren damals angesagt, ich war eher für die Rolling Stones“, sagt Cremer.

Es wurde sich begutachtet, es wurde geflirtet – und mindestens einmal funkte es mit einem Mädchen aus Südniedersachsen. „Ich war 14 und sie hieß Monika“, erinnert sich Cremer an das Mädchen mit den tollen Locken. Für sie schwänzte er sogar die Schule und auch Monika löste sich so oft wie möglich von ihrer Gruppe, um gemeinsame Zeit mit ihrem Dirk zu verbringen. Denn viel zu schnell, so war den beiden klar, gehen die zwei Wochen um.

Viele Pelzerhaken-Gäste dürften sich auch noch an „Paaps Eck“ erinnern, der früheren und einzigen Diskothek im Ort. „Da war immer gut was los und da ging man gerne hin, wenn Jugendliche ankamen, die schon im Disko-Alter waren“, sagt Cremer, der auch Stadtverordneter von Neustadt ist, dort auch Vorsitzender des Tourismus-Ausschusses ist und im Ortsbeirat Pelzerhaken sitzt.

Landschulheim wurde abgerissen

Das Landschulheim sei ein fester Bestandteil des Ortes, das Ende dann aber unschön gewesen, sagt Cremer. Erst sei der Betrieb eingestellt worden, dann folgten Leerstand, Verkaufsgerüchte, Vandalismus, Brandstiftung. „Am Ende war es nur noch ein Schandfleck und gut, als es dann weggerissen wurde. Die Gebäude hatten praktisch auch keinen Wert mehr.“ Den Abriss hat er bei seiner täglichen Gassi-Runde mit dem Hund dann live erlebt. Und auch die Planungen für das Areal hat er als Stadtverordneter direkt mitbekommen. „Wir wollten hier keine Zweitwohnungen von Leuten, die nie hier sind, die auch keinen laufenden Umsatz bringen“, sagt er. Für diese Art von Bebauung, die zu toten Vierteln führe, gebe es an der Ostsee genug Beispiele. „Stattdessen wollten wir eine Bebauung mit touristischen und damit wirtschaftlichen Nutzen für Pelzerhaken.“

Das Konzept der Wulff Bau aus Hamburg überzeugte dann. 88 Ferienwohnungen, die zwar sechs Wochen im Jahr selber bewohnt werden können, aber ansonsten in einen Miet-Pool kommen und Auswärtigen zur Verführung stehen. Dazu zehn Ferienhäuser auf dem Gebiet, wo früher das „Haus am Meer“ und die Sportanlagen des Landschulheims waren. Darauf angesprochen, dass heute keinerlei Spuren der Mündener und Göttinger Zeit zu sehen seien, reagiert Cremer überrascht. „Das stimmt. Darüber hat sich offenbar keiner so richtig Gedanken gemacht, das waren ja doch 50 prägende Jahre für uns.“ Der Gedanke, in irgendeiner Form an diese Epoche zu erinnern, findet auch er sympathisch – nicht nur wegen Monika.

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