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Flucht von Polen nach Scheden: Siegfried Kossert erinnert sich

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Von: Margitta Hild

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Porträt von Siegfried Kossert
Siegfried Kossert © Margitta Hild

Im Altkreis fanden schon vor vielen Jahrzehnten Geflüchtete ein neues Zuhause. Einer von ihnen ist Siegfried Kossert, der von seinen Erfahrungen berichtet.

Volkmarshausen – Als Reaktion auf den Bericht in der HNA vom Flüchtling Rainer Fuchs schrieb Thomas Kossert: „Mein Vater, der 1947 auch nach Scheden geflüchtet ist, ist auch auf dem Klassenfoto im Artikel zu finden. Nachdem er den Artikel gelesen hatte, hat auch er gleich wie ein Wasserfall von der damaligen Zeit erzählt“.

Sein Vater Siegfried Kossert begann vor drei Jahren, durch die Anregung seines Sohnes Andreas Kossert die Geschichte seiner Familie aufzuschreiben, die 1945 aus Polen vertrieben worden ist. 1942 wurde Siegfried Kossert im polnischen Lodsch geboren.

„Damals wurde Lodsch das Manchester Polens genannt, denn dort war in großen Teilen die Tuchindustrie angesiedelt. Unsere Vorfahren waren aus Bayern ausgewandert und hatten dort Arbeit gefunden“, begann Kossert zu erzählen.

„Wir mussten unsere Heimat verlassen, hatten große Angst“

Nach dem Ende des Krieges wurde die Familie 1945 aus Polen vertrieben. „Wir mussten unsere Heimat verlassen, hatten große Angst“, so Kossert.

Mit Mutter und Oma waren sie zwei Jahre lang auf der Flucht, von Beginn an wurde den Kindern eingebläut, sich nicht als Deutsche erkennen zu geben, stets in der Angst entdeckt zu werden. „Wenn ihr um Brot bittet: Sagt nicht Brot, sagt Chleb“, beschwor ihre Mutter die Kinder.

Siegfried Kossert mit seiner Mutter auf dem Weg von der Molkerei Müller in Oberscheden nach Hause. Er kam als Flüchtling dort hin.
Siegfried Kossert mit seiner Mutter auf dem Weg von der Molkerei Müller in Oberscheden nach Hause. Er kam als Flüchtling dort hin. © Privat

Das Essen war stets Mangelware und wenn die Mutter verbunden mit großen Risiken in ihrer Kleidung ein paar Pellkartoffeln aus der Gutsküche für die beiden Jungs geschmuggelt hatte, war es für sie ein Festmahl. Große Angst, wieder aufgegriffen zu werden und in ein russisches Lager zu kommen, Hunger und das Auftreiben von Nahrungsmitteln bestimmten jeden einzelnen Tag.

Ein russischer Offizier half der kleinen Familie zu fliehen. Als er sich an einer bestimmten Stelle positionierte, wie vereinbart die Zigarette ansteckte, war das das Zeichen, dass „Die Luft rein war“ und der Start zu ihrer weiteren Odyssee. Schlesien, Thüringen, durch das niedergebrannte Dresden.

Vater wurde in Oberscheden einquartiert

„Teilweise sind wir betteln gegangen, bei kleinen Bauernhöfen bekamen wir öfter etwas zu essen, bei den größeren wurden teilweise die Hunde auf uns gehetzt“, erinnert sich Kossert.

Über das „Rote Kreuz“ erfuhr Kosserts Mutter 1947, dass ihr Mann Paul aus der britischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden und in Oberscheden einquartiert worden war. Er arbeitete als Knecht auf einem Bauernhof.

Noch heute kann er ganz genau seine Eindrücke als mittlerweile damals Fünfjähriger beschreiben, die er auf dem Weg zu seinem Vater durch Scheden wahrnahm.

Bei extremer Hitze am kleinen Backsteinbahnhof in Scheden angekommen, sah er die Kohlehalden, die zum Betrieb der Zuckerfabrik „Katerbau“ gehörten.

Viele Menschen hatten auf der Suche nach Vater geholfen

Es habe auch sehr viele gute Menschen gegeben, die ihnen in Scheden auf der Suche nach ihrem Vater geholfen hatten, den verschwitzten Kindern ein Glas Wasser und ihnen die Möglichkeit gegeben, sich mit Seife zu waschen, bevor sie ihren Vater wiedersahen.

Der Weg zu Fuß entlang der unbefestigten Bahnhofstraße, vorbei an der alten Molkerei, der großen Eiche, weiter auf der Dorfstraße die durch die Schede geteilt war, das große Schild der Gaststätte „Waidmannsruh“, der Trum der steinernen Dorfkirche bis in die Knechtkammer, Kossert hat all die Bilder noch vor Augen und kann sie genau beschreiben, wie auch das Knechtzimmer in dem sie einquartiert worden.

Stolz auf seine Familie

Ein Bett, ein Tisch, ein einziger Stuhl für vier Personen, keine Möglichkeiten den Raum zu heizen. Der Vater, einst angesehener Geschäftsmann war nun durch die Kriegserlebnisse ein wortkarger Knecht geworden.

„Ich erinnere mich nur an seine immer freundlichen, aufmerksamen Augen, die uns den Stolz auf seine Familie zeigten, wie er meine Hand hielt, als wir nachts den Sternenhimmel beobachteten“, erzählt Kossert.

In Oberscheden wurden die Flüchtlinge kategorisiert, erzählt er. Die Guten waren die Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien, die Schlechten aus Polen. „Ich habe immer verschwiegen aus Polen zu sein und sagte, ich komme aus „Litzmanstadt“.

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