Alltag mit Flüchtlingen in der Polizeiakademie

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Essen und Treffen im Zelt: Im Innenhof der Polizeiakademie ist ein winterfestes Zelt aufgebaut worden, dass als Speisesaal und Info-Börse dient.

Hann. Münden. Aus der Ausnahmesituation ist ein bunter Alltag geworden: In der Polizeiakademie Hann. Münden sind über 100 Flüchtlinge untergebracht. Die Landeseinrichtung dient als Außenstelle des Erstaufnahmelagers Friedland.

„Hallo, Chef!“ - so begrüßen die Kinder Jörg Henne, Leiter des Führungsstabs Flüchtlinge an der Polizeiakademie in Hann. Münden. Meistens werde er dabei auch gleich „abgeklatscht“, erzählt er schmunzelnd. Nicht anders erging es Dieter Buskohl, Direktor der Bildungseinrichtung, als er gestern aufs Gelände kam. In fröhliche Gesichter blicke er in diesen Tagen, so Henne weiter, ganz anders als noch Ende August als die ersten Flüchtlinge sehr verängstigt ankamen.

Jörg Henne

Buskohl und Henne berichteten gestern über die Situation in der Polizeiakademie, die seit Ende August als Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung Friedland Flüchtlinge beherbergt. Konflikte gab es dort bisher keine, allenfalls gelegentlich „Gesprächsbedarf“, so Buskohl, der Mitarbeiter und Studierende lobt, wie gut sie die außergewöhnliche Situation meistern.

Hilferuf: Eine Anfrage, ob die Polizeiakademie dem Lager Friedland aushelfen könne, kommt im August. Am Freitag, 28. August heißt es mittags, dass am Wochenende 137 Menschen eintreffen.

Vorbereitung über Nacht: Mitarbeiter und Studierende bieten an, mitzuhelfen, die Unterbringung vorzubereiten. Die Polizeiakademie muss sofort Matratzen, Bettdecken, Kissen besorgen und kauft das in der Nachbarschaft gelegene Bettenlager leer.

Die mobile Einsatzküche der Polizei in Hannover rückt an, um die Ankommenden mit Essen zu versorgen. Ab Montagnachmittag übernimmt ein Caterer die Versorgung, zuerst in der hauseigenen Grillhütte, dann in einem winterfesten Zelt.

Das Zelt ist inzwischen auch zum Treffpunkt und zur Anlaufstelle für den Informationsaustausch geworden.

Sicherheitsmaßnahmen: Jeder Flüchtling erhält einen Hausausweis mit Passfoto - nicht, um die Flüchtlinge zu kontrollieren, sondern um erkennen zu können, wer sich sonst auf dem Gelände aufhält, eine Sicherheitsmaßnahme. Auch baulich wird der Zugang zum Gelände gesichert. Die Flüchtlinge können kommen und gehen wie sie möchten.

Medizinische Versorgung: Die Johanniter-Unfallhilfe kümmert sich von Anfang an um die medizinische Versorgung. Anfängliche Ängste vor ansteckenden Krankheiten kann man nach einer Erstuntersuchung ausräumen, berichtet Henner Bechtold, ärztlicher Einsatzleiter. Auch die intensivere Untersuchung ergibt: Keiner der Flüchtlinge hat eine meldepflichtige ansteckende Krankheit.

Soziale Betreuung: Eine fachliche Betreuung für Traumatisierte gibt es vor Ort zwar nicht, aber durch die Johanniter kann Hilfe geholt werden, sobald nötig. Geschulte niedergelassene Ärzte stehen bereit. Manches Trauma versteckt sich hinter einem medizinischen Notfall.

Akademiebetrieb: Der Studienbetrieb läuft uneingeschränkt weiter, betont Buskohl. Lediglich einige wenige Fortbildungsmaßnahmen hatten ausfallen müssen. Die Lösung jetzt: Die Weiterbildungs-Seminare finden in der Einrichtung statt, die Seminarteilnehmer übernachten in umliegenden Hotels.

Studierende bringen sich ein, etwa: Mizgin Uzun spricht Kurdisch und übersetzt, Philip Dönnecke bringt als ehemaliger Bundeswehrsoldat Auslandserfahrung mit, gemeinsam wird Beachvolleyball gespielt.

Registrierung: Zwei Mitarbeiter der Akademie registrieren mit Hilfe von Dolmetschern die hier ankommenden Flüchtlinge und unterstützen damit die Einrichtung in Friedland. Diese Erstregistrierung hat nichts mit der Registrierung durch das Bundesamt für Migration zu tun, die danach folgt.

Verteilung: Nach der Erstregistrierung können die Flüchtlinge auf die Landkreise in Niedersachsen verteilt werden - was auch schon geschehen ist: 17 Flüchtlinge haben die Polizeiakademie bereits wieder verlassen, 15 von ihnen kamen in den Landkreis Lüneburg, zwei nach Wittmund. Man rechnet damit, das bald Neue nachkommen.

Spenden: Die Spendebereitschaft war riesig, Kleidung ist in der Polizeiakademie ausreichend vorhanden und kann nicht mehr angenommen werden, berichtet Beate Kosubeck, Einsatzabschnitt Spenden. Die Polizeiakademie arbeitet mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Hann. Münden zusammen. Das DRK hat Kleidung, die in der Akademie nicht benötigt wurde, angenommen und bietet seinerseits den Flüchtlingen die kostenlose Nutzung der DRK-Shops an.

Gebraucht werden jetzt Tragetaschen und Koffer für die Weiterreise der Flüchtlinge. Außerdem werden auch noch Hygieneartikel angeommen - außer Zahnpasta, davon haben die örtlichen Zahnärzte ausreichend gespendet.

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