Mündener Ansichten

Fotos von Kriegsgefangenen: Stadtarchiv Hann. Münden erhält neue Unterlagen

Das Fotoalbum eines Mündener Kriegsteilnehmers zeigt einen Gefangenentreck bei Horki, Weißrussland, im Dezember 1941.
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Das Fotoalbum eines Mündener Kriegsteilnehmers zeigt einen Gefangenentreck bei Horki, Weißrussland, im Dezember 1941.

Am Sonntag ist Volkstrauertag. Zeit auch denen zu gedenken, die sonst weitestgehend vergessen werden. Die Rede ist von sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg.

Hann. Münden – Viele Soldaten sammelten Fotografien in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Dem Hann. Mündener Stadtarchiv wurden nun drei Alben eines verstorbenen Kriegsteilnehmers aus Münden zur Verfügung gestellt. Bilder, die teilweise als Urlaub in Uniform in Frankreich fehlinterpretiert werden könnten. Dann Bilder, die den Schrecken des Krieges erahnen lassen.

Aus dem Gesamtzusammenhang ist zu schließen, dass im Herbst 1941 die 3. Kompanie des Infanterie-Regiments 692 in Horki in Weißrussland im Bezirk Mogilev lag. Am 12. Juli 1941 wurde die Stadt von den Deutschen Truppen erobert, nachdem am 22. Juni 1941 mit dem „Russlandfeldzug“ der Überfall auf die Sowjetunion begann. Die Bildunterschrift: „Gefangenentransport Dezember 1941 berührt Horki im Dezember 1941“.

Wir können heute den Fotografen und die Hintergründe zu den Fotografien nicht mehr erfahren. Wir wissen aber, dass die Wehrmacht sich nicht an die Haager Landkriegsordnung gebunden fühlte und dieser Krieg als beispielloser Vernichtungsfeldzug geführt wurde. Allein in der Sowjetunion starben Schätzungen zu Folge mehr als 20 Millionen Menschen, einige amtliche Untersuchungen gehen deutlich darüber hinaus. Mehrheitlich starben Zivilisten. Die Zahl der an der Ostfront gefallenen deutschen Soldaten wurden mit 2,7 Millionen Soldaten angegeben.

Lange wurde das Thema der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen gesellschaftlich und politisch wenig beachtet, obwohl mindestens 2,6 Millionen von rund 5 Millionen Gefangenen nicht überlebten. Unterernährt und geschwächt wurden die Gefangenen gen Westen geführt, in Viehwagen gepfercht und in den Wehrkreisen in Stammlagern (Stalag), umgangssprachlich „Russenlager“, zusammengefasst. Für den Wehrkreis Hannover waren diese bei Wietzendorf, Oerbke und Bergen-Belsen.

Weder Behausungen noch Latrinen waren vorhanden, sodass die Gefangenen in selbstgegrabenen Erdhöhlen vegetierten. Anlass für den Transport der Gefangenen nach Deutschland war die Erkenntnis, dass der Vormarsch in Eis und Schnee stecken blieb und die Sowjetunion nicht kapitulierte. Die nicht auf den Winter vorbereitete Wehrmacht musste nun auch gegen die Unerbittlichkeit des Klimas kämpfen. Die Wehrmacht nutzte die Gefangenen als Arbeitskräfte, auch in Betrieben. Zunächst mussten sie erst die Stalags, die der Wehrmacht unterstellt waren, die Sammelplätze aufbauen.

Einer dieser Transporte hielt auf den Gleisen des Mündener Güterbahnhofes im November 1941 zu einem „Verpflegungshalt“. Aus den überfüllten Waggons wurden sieben (in anderen Quellen ist von acht die Rede) leblose und nackte Körper verstorbener Kriegsgefangener herausbefördert. Die hiesige Standortverwaltung des Pionierbataillons sammelte die Leichen ein und verlud sie auf ein Fuhrwerk. Nur dürftig mit einer Zeltplane bedeckt, fuhr das Gespann zum neuen jüdischen Friedhof am Westhang des Blümer Berges, wo die Toten bestattet wurden. Ihre Namen wurden nie ermittelt.

Dieses Ereignis ist aus zwei unterschiedlichen mündlichen Berichten und einer Aktennotiz überliefert und steht als Beispiel für Unmenschlichkeit, der auch der kommende Volkstrauertag gewidmet ist. (Stefan Schäfer)

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