Klärwerke sind nicht für die Keime ausgelegt

Gefährliche Keime in Flüssen: Erreger in Fulda und in Werra-Zulauf gefunden

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Nachweis von resistenten Bakterien: Im Diagnostiklabor ist das mit einer Indikatorkulturplatte möglich.

Sie sind mit dem bloßen Auge nicht zu sehen und bergen eine große Gesundheitsgefahr: multiresistente Keime. Sie wurden nun auch in einem Werra-Zulauf und der Fulda nachgewiesen. 

Eine gemeinsame Recherche des Hessischen Rundfunks und von Wissenschaftlern vom Karlsruher Institut für Technologie hatte kürzlich die gefährlichen Erreger, die gegen mehrere Antibiotika-Wirkstoffklassen resistent sind, in hessischen Gewässern nachgewiesen. 

Unter anderem im Werra-Zufluss Alte Wehre bei Eschwege (Werra-Meißner-Kreis) und in der Fulda bei Kassel. Kann mit den Flüssen auch eine Infektionsgefahr bis nach Hann. Münden gelangen?

Die Gefahr nimmt durch Verdünnung ab 

Das Gesundheitsamt Göttingen verweist auf eine Stellungnahme des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes von 2017, die deutlich macht, dass im Falle einer solchen Verkeimung die Gefahr im Fluss sich rasch verringere.

Zunächst werde das Abwasser aus der Kläranlage durch den Fluss sehr stark verdünnt, die Anzahl der Keime, gemessen an einer bestimmte Menge Wasser, verringere sich dabei um mehrere Zehnerpotenzen. Staphylokokken stürben aufgrund der für sie lebensfeindlichen Bedingungen im Fluss nach einiger Zeit ab.

Bakterien aus dem Bereich der Coliformen Bakterien, E.Coli und Enterokokken hätten zwar trotz Nährstoffmangels ein gewisses Potenzial, in der Umwelt länger zu überdauern. Im Flusswasser sind aber auch noch Einzeller unterwegs, Protozoen, die Bakterien fressen.

Auch Sonneneinstrahlung wirke ähnlich einer UV-Desinfektion in den oberen Gewässerschichten, was die Zahl der Bakterien weiter um ein Vielfaches verringere.

Das Gesundheitsamt überwacht nur offizielle Badestellen

Das Gesundheitsamt muss nur das Wasser offizieller Badestellen (EU-Badestellen) überwachen, dort also, wo auch viele Badende zu erwarten sind.

Im Landkreis Göttingen sind das zum Beispiel der Wendebach-Stausee bei Niedernjesa und der Seeburger See, skizziert es Pressesprecherin Cordula Dankert. Die Flüsse werden hingegen nicht überprüft.

Das Gesundheitsamt in Göttingen verweist auf eine Untersuchung, die 2018 für Niedersachsen erstellt wurde, und eine Stellungnahme des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes aus dem April.

Darin heißt es: „Das Umweltbundesamt ist der Auffassung, dass beim Schwimmen in EU-Badegewässern mit ausgezeichneter oder guter Qualität ein Kontakt mit Bakterien mit erworbener Antibiotikaresistenz unwahrscheinlich ist.“

„Die vom Niedersächsischen Umweltministerium veranlasste Untersuchung ergibt keine Gesundheitsgefahren für die allgemeine Bevölkerung“, sagt auch Landkreis-Sprecher Ulrich Lottmann. Als Wasser- und Untere Naturschutzbehörde orientiere sich der Landkreis an der Einschätzung des Ministeriums.

Klärwerke sind nicht für die Keime ausgelegt

Der Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin sowie in der Tiermast gilt als Hauptverursacher für das Vorkommen von multiresistenten Keimen in der Umwelt, aber auch aus privaten Haushalten können sie ins Abwasser gelangen. 

Laut Michael Draeger, Sprecher des Hessischen Rundfunks, wurde die Probe der Fulda in der Nähe des Klärwerks an der Gartenstraße in Kassel entnommen – unweit des Klinikums Kassel. Er betont: „Die Klärwerke erfüllen die gesetzlichen Aufgaben. 

Für die Filterung dieser Keime sind sie nicht ausgelegt, daher wird aktuell debattiert, weitere Klärstufen einzuführen.“ 

Angelverbot wegen solcher Keime gab es noch nie

Ronald Schminke, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Münden, hat kürzlich den Niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies (SPD) bei dessen Besuch in Hemeln auf die Rechercheergebnisse des Hessischen Rundfunks zu den Keimen in den Flüssen Fulda und Werra hingewiesen. 

Eine Antwort des Ministers stehe noch aus, so Schminke auf Nachfrage der HNA. Ein Angelverbot wegen multiresistenter Keime habe es in der Region seines Wissen nach aber noch nicht gegeben, so Schminke. Würde eine Gefahr von der Fulda ausgesehen, hätten die Ämter längst Alarm geschlagen, ist sich Schminke sicher. 

So war es beispielsweise bei der Belastung von Aalen mit Dioxin. „In solchen Fällen gibt es Verzehrempfehlungen, zum Beispiel nur einmal in der Woche Fisch zu essen“, sagt Schminke.

Fleisch für zwei Minuten auf 70 Grad erhitzen 

In der Umwelt könnten auch Fische mit multiresistenten Keimen in Kontakt kommen und damit wiederum ein Reservoir für resistente Keime und Antibiotikaresistenzen sein, sagt Hildtrud Schrandt, Pressesprecherin des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. 

„Durch eine ausreichende Erhitzung der Fische vor dem Verzehr werden pathogene (Krankheiten versursachende, Anm. d. Red.) Keime abgetötet“, sagt Schrandt. 

Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfehle die Erhitzung von Fleisch auf 70 Grad für zwei Minuten, um Keime abzutöten. Das gelte selbstverständlich auch bei Fischgerichten, so Schrandt. 

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