Stumme Zeitzeugen

Geschäft mit dem "Geschäft"

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"Hinterhofstillleben", in schwarz-weiß aufgenommen von Walter Sterner um 1960, Foto aus dem Stadtarchiv Hann. Münden. 

 Alle müssen kleine oder große Geschäfte machen. Innerlich dankbar sind wir dafür, wenn wir uns in ein stilles Örtchen zurückziehen können.

In der heutigen Tanzwerderstraße 14 befand sich auf halber Treppe ein kleines Kabuff: ein Brett in Sitzhöhe mit kreisrundem Loch, darunter Platz für einen verzinkten Eimer und einen dazugehörigen Deckel.

Kübel und Deckel wurden dem Verfasser (geleert) übergeben, um ihn der Nachwelt zu erhalten. Der Nagel an der Wand deutete auf Zeitungen hin, die in Streifen geschnitten, einen letzten nachhaltigen Nutzen zu erfüllen hatten.

Schon seit dem Mittelalter war die Versorgung mit Wasser und die zeitgleiche Behandlung der Abwässer eines der zentralen Probleme, die mit der Wohnraumverdichtung infolge Bevölkerungswachstums im 19. Jahrhundert zu einem hygienischen Kollaps der Innenstädte führte. Die Cholera-Epidemie von Hamburg im Jahre 1892, an der rund 16.000 Menschen erkrankten, von denen die Hälfte verstarb, führte im Verbund mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Verbesserung der Hygiene in den Städten.

In der Mündener Altstadt glichen vielerorts die Verhältnisse noch dem Mittelalter. Überbesiedlung, Fäkalgruben, die regelmäßig von Hand geleert werden mussten, keine Durchlässigkeit in das Grundwasser haben durften und wenige Meter vom Brunnen entfernt waren. Auf den Straßen wurden Dreck und Unrat in die Gosse gekehrt. Nachttöpfe morgens auf der Straße geleert. Alle paar Tage kam dann ein Schwall Wasser aus den Feuerteichen. Mittels Reisigbesen wurde die Brühe Richtung Werra aus der Stadt gekehrt. 

Die Behandlung der „menschlichen Auswurfstoffe“ wurde nach der Hamburger Katastrophe zum Thema in der Stadt, doch vor der allgemeinen Einführung der Spül-Aborte geschah ein Zwischenschritt. Man gründete 1894 eine städtische Abfuhranstalt. Diesen Betrieb siedelte man hinter dem Bahndamm an der heutigen Adalbert-Stifter-Straße an. Die Bewohner der Altstadt wurden verpflichtet, ihre Hinterlassenschaften in beweglichen und deckelverschließbaren Behältern zu den Abfuhrtagen an die Straße zu stellen. Dazu zählten auch Straßenkehricht und Hausmüll. 

Der Umsicht von Bernd Demandt ist es zu verdanken, dass bei der Sanierung des Hauses Tanzwerderstraße 14, dieser stumme Zeitzeuge nicht verloren ging.

Während in der Anstalt städtische Bedienstete arbeiteten, wurde der Transport öffentlich ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielt die Spedition Carl Dörnte (heute Postscheune). Die Müllkutscher durften weder schwach noch zartbesaitet sein. Ihnen wurden mehrfach üble Zurufe sogar Beschwerdebriefe hinterhergeschickt. Zu den oft wiederholten Beschwerden gehörte, dass das Gespann vor der Tür eines Geschäftsmannes verweilte und der Kutscher nach geraumer Zeit erst wieder selig und ruhig bei seinem Gefährt erschien, nachdem er sich in einer Kneipe einen hinter die Binde gegossen hatte. Das dargebotene Bild und vor allem der Gestank wirkten wenig verkaufsfördernd. Um nicht noch eine Extratour fahren zu müssen, war der Wagen auch mal überfüllt, sodass er über das Kopfsteinpflaster eine Spur durch die Gassen zog.

Die Fracht kam zur Abfuhranstalt, wo das Ganze in Sickergruben entleert wurde. Torf wurde beigemengt, so wurde ein sogenannter Düngetorf erzeugt, dessen Abnehmer Gartenbau und Landwirtschaft waren, der Verkauf brachte Geld in die Stadtkasse.

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