Geschichte Hann. Münden

Der Schrecken vor dem Sturm - Zwei Luftangriffe vor 75 Jahren

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Blick in die Böttcherstraße: Die volle Wucht der Explosion ist noch am rechten Haus zu erkennen. Das gegenüberliegende, nicht im Bild befindliche Haus der Familie Panse wurde gänzlich zerstört. Im linken Haus ist die Wiederherstellung weit fortgeschritten. Hier starb am 30. März 1945 der pensionierte Forstmeister Axel Roth. Foto ca. 1946.

Vor 75 Jahren endete mit der Besetzung Mündens durch amerikanische Truppen die über zwölfjährige NS-Herrschaft, doch Münden sollte nicht kampflos kapitulieren.

Hann. Münden – Nachdem die Landung der Alliierten in der Normandie geglückt war, der Rhein an mehreren Stellen überschritten, sollten Weser und Werra den ungebremsten Vormarsch aufhalten. Münden wurde zur Festung erklärt. An einen Erfolg dieses Unternehmens glaubten die Wenigsten. Die Sorgen um das eigene Leben, Hab und Gut wurden am 30. und 31. März 1945 auf eine erste schwere Probe gestellt, auf Münden fielen Bomben!

Bis in den Marburger Raum hatten sich die US-Truppen vorgeschoben, der Vorstoß über Kassel in die Mitte Deutschlands zeichnete sich ab. In Münden herrschte rege Betriebsamkeit, die auch der amerikanischen Luftaufklärung nicht entgangen war. Waggons wurden auf dem Güterbahnhof beladen. Züge verließen die Stadt mit ungeklärtem Ziel. Personalstellen des Oberkommandos des Heeres wurden zuvor im Januar 1945 aus Lübben im Spreewald vor der vorrückenden Roten Armee nach Münden verlegt. Die Dienststellen waren in der Gneisenau-Kaserne (Polizeischule) und in der Planschule (Geschwister Scholl Haus) hastig eingerichtet worden. Es waren vor allem verwundete und nur bedingt kriegsverwendungsfähige Soldaten und zahlreiche Nachrichtenhelferinnen, also junge Frauen, an dieser Dienststelle beschäftigt. Angesichts der herannahenden Front war eine hinreichende Alarmierung über den bevorstehenden Bombenangriff nicht möglich. Über die Sirenen wurde Voralarm gegeben und schon fielen auf das Gimter Feld gegen 15 Uhr am Karfreitag, dem 30. März 1945 zahlreiche Sprengbomben und verwandelten den heutigen Wasserübungsplatz in ein Trichterfeld. Schicksalhaft war der Einschlag von Sprengbomben in den ersten großen Block der Kaserne und dem gegenüberliegenden Gebäude, die Betondecken stürzten ein und begruben Wehrmachtsangehörige unter sich. 70 Schwerverletzte und 63 Tote wurden gezählt.

Ein Wohnhaus brannte vollständig aus. Eine weitere Angriffswelle traf fast zeitgleich das Bahnhofsviertel. In der Nähe der Planschule schlugen Bomben ein. Drei Häuser wurden durch Volltreffer zerstört, zahlreiche beschädigt. Es starben 15 Zivilisten. Der Angriff war nur ein Ereignis weniger Minuten, sprengte aber eine Gruppe von Hitlerjungen auf dem Schlossplatz auseinander, die dort zu einem Appell zusammengekommen waren. Sie sollten als die letzten Krieger Hitlers noch Richtung Harz verlegt werden, was in dem Chaos nicht mehr geschah.

Keine 24 Stunden später ein weiterer Angriff, diesmal auf den Bahnhof in Münden. Einschläge im Bereich des Botanischen Gartens und auf den Güterbahnhof hallten durch den Talkessel. Gleisanlagen wurden zerfetzt, ein Zivilist, der sich in dem Bachdurchlauf des Molkenbrunnens versteckte wurde verschüttet und starb. Die Flugzeuge waren längst abgeflogen, da erschütterten weitere Explosionen den Bahnhof und die Stadt. Güterwagen mit Munition beladen gerieten in Brand. Das Schicksal dieser Stadt war es, nicht den Flächenbombardements in der Spätphase des Krieges zum Opfer zu fallen, die auch Mittelzentren wie Pforzheim oder auch Halberstadt fast pulverisierten, den höchsten Preis des entfesselten Krieges mussten jedoch auch hier Menschen zahlen. Bomben unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse. Elisabeth Panse wurde mit ihrer 22-jährigen Tochter Rosemarie in ihrem Wohnhaus Böttcherstraße 1 von dem Bombenangriff überrascht. Das Haus erhielt einen Volltreffer und riss beide in den Tod. Nur Tochter Erika, die Karfreitag und über Ostern zu Besuch kommen wollte, sah von diesem Plan kurzfristig ab und überlebte.

VON STEFAN SCHÄFER

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