Tanzen über den Dächern der Stadt

Geschichte in Hann. Münden: Tanzen im Bergschlösschen

Eine gezeichnete Ansichtskarte von 1926 zeigt das zum Hotel ausgebaute „Bergschlösschen“. Repro: Stefan Schäfer
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Eine gezeichnete Ansichtskarte von 1926 zeigt das zum Hotel ausgebaute „Bergschlösschen“.

Das Bergschlösschen in Hann. Münden dürfte vielen noch bekannt sein. Die Disko lockte zahlreiche Besucher und erlebte ein wechselvolle Geschichte.

Hann. Münden – Für die „Generation Fünfzig plus“ verbindet sich der Name „Bergschlösschen“ mit einer Diskothek, einer Bundeskegelbahn und zu guter Letzt mit einem Gaststättenbetrieb. Nun ist das Gebäude abgerissen, eine Wohnbebauung ist vorgesehen und das Entfernen der Werbeanlage am Kattenbühl ist nur eine Frage der Zeit.

1876 in Hann. Münden eröffnet

Am Himmelfahrtstag des Jahres 1876 begann dieses Kapitel mit der Eröffnung von Gottschalks Berggarten, der dort mit Tanzmusik gefeiert wurde. Justus Heinrich Gottschalk, ein aus Oberode stammender Schneidermeister, versuchte sich als Gastwirt eines stadtnahen Ausfluglokals, umgeben von zahlreichen Obstgärten und einem beschaulichen Blick auf die Stadt. Doch schon im Februar 1878 wurde das eben aufgebaute ein Raub der Flammen.

„Großes Kostümfest“. So wurden Veranstaltungen im „Bergschlösschen“ früher beworben.

Sogleich machte sich Gottschalk an den Wiederaufbau heran, doch Glück war ihm nicht beschieden. Stadtchronist Gustav Blume erinnerte in seinem 1935 erschienenen Buch „Münden vor 50 bis 60 Jahren“, dass die Mündener das Anwesen in Anspielung auf seinen Schneiderberuf die „Goldene Nadelspitze“ nannten, da Gottschalk dem Wahn verfallen sei, hier Reichtümer zu verdienen.

Hotel „Bergschlösschen“ ab 1925

Unter dem Gastwirt Max Riemann wurde 1887 eine Veranda angebaut. 1925 erfolgte der Ausbau zum Hotel „Bergschlösschen“ und ab 1929 frönte gar der Mündener Tennisclub hier dem weißen Sport mit einem Tennisplatz. 1937 entstand, an Stelle der nun abgerissenen Veranda, ein Gesellschaftsraum, in dem ganzjährig Tanzveranstaltungen stattfinden konnten. Hier wurden auch zarte Bande zwischen den Mündenerinnen und dem Herrenüberschuss der Soldaten beider Pionierbataillone geknüpft.

Anders als im Ersten Weltkrieg, gab es im Zweiten Weltkrieg kein Tanzverbot. 1946 war das Bergschlösschen durch ein Feuer beschädigt worden. Alsbald wiederaufgebaut, erfüllte es erneut die Sehnsüchte nach Ablenkung und Geselligkeit in einer noch nicht von Fernsehen und Internet dominierten Zeit. Ob Karneval oder Tanz in den Mai, hier traf sich die Mündener Jugend und die Junggebliebenen zum Gesellschaftstanz. Die Tanz-Kapelle wurde nach und nach von der Schallplatte ersetzt und der Diskjockey sorgte nun für Stimmung und eine volle Tanzfläche. Ende der 1960er -Anfang der 1970er Jahre traten hier sogar bekannte Show-Größen auf, was für volle Veranstaltungen sorgte. Doch konnte das auf Dauer in einem dicht bebauten Wohngebiet Bestand haben? Zu dem wuchsen die Anforderungen des Brandschutzes und an die Gebäudetechnik. 1977 endete das Kapitel des großen Tanzsaales zu Gunsten einer Kegelbahnanlage.

Adresse der Popper in den 1980er-Jahren in Hann. Münden

Der Diskothekenbetrieb verlagerte sich auf das Haupthaus. In den 1980er Jahren galt das „Bergschlösschen“ als Adresse der Popper, wo musikalisch die Charts rauf und runter gespielt wurden. Doch die letzten Jahre der Disko im klassischen Sinne waren eingeläutet. „Schützeneck“, „Lord Nelson“, „Bastille“, teilten das Schicksal des „Bergschlösschens“.

Immer mehr strebte die Jugend mit dem „Führerschein ab 18“ in die deutlich größeren und moderneren Diskotheken nach Kassel und Göttingen. Schon in den 1970ern driftete die Jugendkultur auseinander, für die Einen gab es den „Rockpalast“ eine Sendung des WDR für die Anderen die „Disko“ (unter der Hinzufügung der Jahreszahl), moderiert von Ilja Richter.

Die Musikkultur wurde diverser: auf der Technowelle reitend, musste man auch mal im „Omen“ in Frankfurt a. M. und im „Tresor“ in Berlin gewesen sein. Zumindest aber in der „Factory“ in Kassel. „Musiktheater“ und „Outpost“ hießen die mittlerweile verschwundenen Großdiskotheken in Kassel und Göttingen. Heute verbergen sich hinter der Jugendkultur zahlreichere Strömungen, die meist über das Internet vermarktet und konsumiert werden. Die Zeiten, in denen sich die Jugend in Münden unter Glitzerkugel und Lichtorgel traf und dabei ihr kleines Glück fand, sind Kapitel aus vergangenen Tagen. (Stefan Schäfer)

Leseraufruf:

Haben auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, Erinnerungen an lange Diskonächte im Bergschlösschen und anderen Diskos in Hann. Münden? Berichten Sie von Ihren Erlebnissen, vielleicht haben Sie ja auch noch Fotos von damals, die wir veröffentlichen dürfen. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften per Mail: hann.muenden@hna.de, Post: Kirchstraße 3, 34346 Hann. Münden oder der Telefon 0 55 41/98 39 15.

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