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Geschichten aus Hann. Münden: So kam der Fisch in die Stadt

Das um 1938 entstandene Plakat gegenüber dem Rathauseingang war mehrfach Passanten-Stopper und bot Anlass zu Spekulationen.
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Das um 1938 entstandene Plakat gegenüber dem Rathauseingang war mehrfach Passanten-Stopper und bot Anlass zu Spekulationen.

Wie kam der Fisch nach Hann. Münden? Die Antwort: Mit Expresszügen. Werner Niemeyer handelte mit Frischfisch und Südfrüchten, die seinerzeit keine Massenware waren, sondern ausgesprochene Delikatessen.

Hann. Münden – Das von einem Wasserschaden vergangenen Winter geschädigte Wohn- und Geschäftshaus Lange Straße 40 (ehemals Juwelier Deutsch), bot auf dem Dachboden eine Überraschung: Ein farbiges, in einem Holzrahmen gefasstes Plakat mit der Aufschrift „Fischfang ist not!“. Kurzerhand wurde das Plakat in das rückwärtige Schaufenster zur Lotzestraße platziert.

Gerücht in Hann. Münden: Kommt neues Fischgeschäft?

Genau gegenüber dem Eingang zum Rathaus zu sehen, spekulierten schon einige Betrachter, ob denn ein Fischgeschäft die Angebotspalette der Altstadt bald bereichern könnte. Dieses war allerdings nur zurückliegend hier der Fall. Neben dem stadtbekannten Fischgeschäft Einatz, handelte Werner Niemeyer hier auch mit Frischfisch und Südfrüchten, die seinerzeit keine Massenware waren, sondern ausgesprochene Delikatessen.

Es gibt fast alles auf ein paar Quadratmetern! Werner Niemeyer (2. v. l.) in seinem Feinkostgeschäft mit zufriedenen Kundinnen. Undatiertes Foto. (Repro)

Die Voraussetzungen, dass diese auf der Mündener Speisekarte landen konnten, wurden im Wesentlichen in den 1920er und 1930er Jahren geschaffen. 1924 wurde die Deutsche Reichsbahn Gesellschaft gegründet, die den Schienenverkehr in Deutschland zentral organisierte. Ein wichtiger Bestandteil war es, die deutschen Seehäfen als Umschlagplatz besser und schneller an die binnenländischen Absatzmärkte anzubinden.

Bei verderblichen Waren musste es schnell gehen und so wurden leistungsfähige und schnelle Güterzuglokomotiven, zum Beispiel der Baureihe 41, beschafft und spezielle Kühlwagen eingesetzt. Selbst Behälterwagen für den Lebendtransport von Fisch gab es. Als Durchgangsgüterzüge mit durchgehender Kunze-Knorr-Luftdruckbremse steuerten sie die bedeutenden Bahnhöfe im Reich, so auch Kassel, an. Die zweite Hälfte der 30er Jahre galt als das Zeitalter der Beschleunigung des Bahnverkehrs.

Ab 1933 gab es Güterwagen, die mit bis zu 100 km/h bewegt werden durften

Ab 1933 gab es Güterwagen, die mit bis zu 100 km/h bewegt werden durften. Von Kassel gingen die Transportgüter, auf Nahgüterzüge verladen, zum Mündener Güterbahnhof (heute BHG). Wer konnte, fuhr den Nordbereich des Kasseler Hauptbahnhofes direkt mit einem Lieferwagen an, um noch schneller über die verderblichen Waren zu verfügen.

Apfelsinen und Bananen waren selten auf dem Speiseplan und unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 kaum bezahlbar. Trotz alledem wagte Werner Niemeyer am 15. November 1932 in der Langen Straße 40 den Sprung in die Selbstständigkeit und betrieb bis 1963 hier einen Lebensmitteleinzelhandel.

Fund in Haus wurde dem Stadtarchiv Hann. Münden übergeben

1938/39 ließ er das Haus auf die damaligen Erfordernisse umbauen, um auch Frischfisch anbieten zu können. Das Werbeschild zierte die Rückwand des Verkaufstresens. Doch viel Freude an seiner Investition konnte Werner Niemeyer nicht haben. Von 1940 bis 1945 war er als Soldat der Wehrmacht einberufen. Dem schlossen sich die Jahre der Rationierung mit Lebensmittelmarken an. 1963 schloss Werner Niemeyer im Alter von 54 Jahren sein Geschäft. Die Zukunft sollten Selbstbedienungsmärkte, sprich Supermärkte, haben.

Neben dem Werbeplakat für Seefisch befanden sich auch noch weitere Zeugnisse und Fotografien des Ladens im Haus, die das Innenleben anschaulich illustrieren. Am Tresen bedient zu werden war normal und es gab hier wie anderenorts auf der Langen Straße nahezu alles für den täglichen Bedarf, vorausgesetzt man hatte Geld. Bernd Demandt stellte dem Stadtarchiv diese Zeitzeugnisse zur Durchsicht dankenswerterweise zur Verfügung und ergänzt humorvoll, dass er kein Fischgeschäft eröffnen wolle. (Stefan Schäfer)

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