Niedersächsische Fachkräfte sind skeptisch

Göttinger Pfleger: "Die Pflegekammer nützt uns nichts"

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Proteste gegen die Niedersächsische Pflegekammer: Pflegedienstleitung Barbara Braune-Eisenberg und ihr Team, unter anderem Anja Dörhage aus Hann. Münden, Evgenia Gerber, Petra Hoffmann, Ludmilla Schlüter, Tobias Pohl, Agnieszka Consoli, Andrea Linne, Elena Schwarz, Elisabeth Steinbauer und Mario Weber, gingen in Hannover auf die Straße.

Den Stein ins Rollen brachte die Forderung nach Geld: Kurz vor Weihnachten schickte die niedersächsische Pflegekammer, die sich im August vergangenen Jahres erst konstituiert hatte, Bescheide über 140 Euro für 2018 an die Mitglieder der Pflegekammer.

Die Folge: Die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer im Bereich der Pflege kochte hoch, eine niedersachsenweite Protestwelle erfasste die Landeshauptstadt Hannover. Seit Januar gehen Pflegefachkräfte auf die Straße, um sich Gehör zu verschaffen. Eine Online-Petition gegen die Zwangsmitgliedschaft in der Pflegekammer Niedersachsen mit über 50 000 Unterstützern, mehr als 45 000 aus Niedersachsen, wurde an die Niedersächsische Sozialministerin Carola Reimann übergeben.

Auch die Pflegefachkräfte des Seniorenzentrums Göttingen sind mit der Pflegekammer, so wie sie momentan sei, überhaupt nicht einverstanden.

Denn sie sehen mehr Nach- als Vorteile, fühlen sich durch die Einrichtung nicht repräsentiert und glauben nicht daran, dass die Kammer die Interessen der Arbeitnehmer angemessen vertreten wird.

Ihre Kritik: Die erzwungene Mitgliedschaft in der Pflegekammer, die horrenden Gebührenforderung, ein intransparentes Programm – keine Visionen, kein klar erkennbares Ziel, keine Stimme in der Politik.

Gefragt, ob sie der Kammer beitreten wollen, wurden die Pflegefachkräfte nicht. Die Pflichtmitgliedschaft gilt für alle examinierten Gesundheits- und Krankenpfleger, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger und Altenpfleger. Die hohen Gebührenbescheide wurden errechnet anhand angenommener Jahreseinkommen von 70 000 Euro.

Der individuelle Beitrag erfolge über eine Selbstauskunft an die Kammer. Wer keine erteile, für den wird ein jährlicher Höchstbeitrag von etwa 217 Euro fällig. „An diesem Tisch hier verdient keiner 70 000 Euro im Jahr“, erklärt Tobias Pohl, Pfleger im Senioren Zentrum Göttingen, bitter und blickt in die Runde. Seine Kollegen, Pflegerinnen und Pfleger, Krankenschwestern, nicken.

Der Aufbau der Pflegekammer erscheine wie ein Versuch, Löcher in der kriselnden Pflege zu stopfen, die die Politik seit Jahrzehnten nicht beachtet hat, erklärt Pflegedienstleiterin Barbara Braune-Eisenberg. „Die Pflegekammer nützt uns nichts“, stellt sie fest. Zwar ist die zentrale Aufgabe der Kammer, die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer zu verbessern.

An vielen Punkten, wo man sich eine starke Stimme für die Pfleger wünsche, werde die Kammer aber nicht aktiv – wie bei den Löhnen, bei der Altersversorgung der Beschäftigten, bei der Verbesserung des Berufs-Image für die Politik und Gesellschaft. „Wir brauchen beispielsweise einen besseren Pflegeschlüssel“, meint Braune-Eisenberg. Und man wolle, dass der Beruf endlich den nötigen Respekt erhalte. Pfleger aus Asien zu rekrutieren, Arbeitslose mit lediglich einem Praktikum in der Pflege zu qualifizieren – das helfe nicht, den Beruf aus der Image-Krise zu holen. „Pflegen kann eben nicht jeder, wie es oft heißt“, kritisiert Braune-Eisenberg. „Es ist der größte Fehler, von so einer Voraussetzung auszugehen.“ 

Mit den Demonstrationen wollen sie endlich für sich und ihren Beruf einstehen. „Gesehen und gehört wurden wir allerdings noch kaum“, so die Pfleger, auch weil ihre Prosteste viel zu wenig in den Medien gezeigt würden. „Dabei ist es ein Thema, dass alle etwas angeht.“

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