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Feier: 125 Jahre Realgemeinde Lippoldshausen

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Von: Christian Mühlhausen

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Feier im Wald: Mit Treckern und Hängern zogen etwa 100 Menschen durch den Wald bei Lippoldshausen.
Feier im Wald: Mit Treckern und Hängern zogen etwa 100 Menschen durch den Wald bei Lippoldshausen. © Christian Mühlhausen

Die Realgemeinde Lippoldshausen feierte vor Kurzem ihren Geburtstag. Zahlreiche Besucher kamen, um sich über die Wälder zu informieren.

Lippoldshausen – Ein Wald, der der Dorfgemeinschaft gehört. Waldbesitzer, die ideelle Anteile am ganzen Wald besitzen statt einer konkreten Parzelle – so lässt sich wohl eine Realgemeinde oder Forstgenossenschaft am besten umschreiben. Die Realgemeinde Lippoldshausen ist eine von vielen in der Region und am Wochenende hat sie ihr 125-jähriges Bestehen gefeiert. Wobei 125 Jahre nicht ganz korrekt ist. Vielmehr ist sie auf dem Papier schon 126 Jahre alt, in Wahrheit noch viel älter. Doch die Coronasituation erlaubte es bislang nicht, dass das Jubiläum auch gefeiert wurde.

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Das wurde am Wochenende nachgeholt. Mit Treckern und Wagen fuhren 100 Leute vom Sportplatz aus durch die Lippoldshäuser Wälder. Die Waldgemarkungen Rust, Kegelbahn, Frauenschuhweg, Dirkes Grund, Rauheberg und Lichtleitung – dort spielten die Brackenberger Jagdhornbläser –, Sudholz und Deponie waren nur einige der Stopps.

Dort berichteten Förster Raimund Weber, der seit nunmehr drei Jahren die Forstgenossenschaft betreut sowie Günter Lehne als langjähriger Vorsitzender der Realgemeinde Lippoldshausen den Teilnehmern Wissenswertes über ihren Wald. Etwa, dass dieser in den vergangenen Jahrzehnten durch Aufforstungen im Dirkes Grund, im Sudholz, in der Abfindung und auf der Deponie deutlich gewachsen ist. Dass mehrere Trockenjahre dazu geführt haben, dass der Fichtenanteil im Wald nahezu verschwunden ist und es auch die sonst so robuste Rotbuche besonders auf den trocken flachgründigenen Bergkuppen ziemlich erwischt hat. Und dass mit Neuanpflanzungen von Douglasien, Küstentannen, Roteichen und Elsbeeren die nächste Waldgeneration bereits begründet worden ist.

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Auch die deutlich ausgeweitete Brennholznutzung und die großflächige Ausweisung des europäischen FFH-Schutzgebietes – dieses überlagert drei Viertel der Lippoldshäuser Waldfläche nördlich und östlich des Dorfes – sowie die daraus resultierenden Konsequenzen für die Waldbewirtschaftung wurde thematisiert. Ebenso die derzeit gerade im Bau befindliche Erneuerung der Stromleitung mit neuen Mastenstandorten im Wald. Zu guter Letzt war auch die Sicherung des Steilhangs an der B 80 ein Thema.

Wissenswertes zur Realgemeinde Lippoldshausen. Die Teilnehmer erfuhren in den einzelnen Waldgemarkungen interessante Details.
Wissenswertes zur Realgemeinde Lippoldshausen. Die Teilnehmer erfuhren in den einzelnen Waldgemarkungen interessante Details. © Christian Mühlhausen

Heute umfasst die Realgemeinde Lippoldshausen 220 Hektar, davon sind 95 Prozent Laubholz, und hat sich - forciert auch durch die Waldschäden der vergangenen Jahre - von einem Abbau- zu einem Aufbaubetrieb entwickelt. Das bedeutet, dass in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Bereichen die alternden Waldbestände genutzt und durch die Erlöse beispielsweise auch größere Wegebauprojekte angegangen werden konnten.

In vielen dieser Waldbestände ist mittlerweile die nächste Waldgeneration – vor allem aus natürlicher Verjüngung der Buche und Edellaubhölzer, aber auch durch Anpflanzungen – durchgestartet. Diese muss nun mit finanziellem Aufwand gepflegt werden, damit sich auch die qualitativ guten Wälder in der gewünschten Baumartenmischung entwickeln können.

Hann. Münden: Wurzeln der Realgemeinde reichen bis ins Mittelalter

Die Realgemeinde hat im Kern eine viel längere Geschichte als 126 Jahre, sie geht auf die mittelalterliche Flurverfassung zurück: Die eingesessenen Bauern in Lippoldshausen – im Jahr 1583 waren das 13 volle Bauernhöfe und 22 so genannte Kötnerstellen, also kleine Höfe –hatten mit ihrem Hof auch ein gemeinsames Nutzungsrecht am Lippoldshäuser Wald, im Jahr 1813 wurde zudem eine weitere Berechtigung für den Schullehrer eingerichtet.

Damals wie heute galt der symbolische Grundsatz, dass der Realgemeindeanteil an ein Herdfeuer im Ort gebunden ist: Wer aus dem Ort wegzieht, kann seinen Anteil nicht mitnehmen, er verbleibt im Dorf und so ist der Wald immer in den Händen der Dorfgemeinschaft.

Diese alten Markgenossenschaften, die über mehrere Hundert Jahre das organisierte, gemeindliche Miteinander von Grundstücksnutzungen wie Wald, Wege, Gewässer, Weideflächen organisierten, waren selten niedergeschrieben worden, die Regeln also mündlich und von Generation zu Generation weitergegeben. Das änderte sich 1888, als die damalige Provinz Hannover ein Gesetz auf den Weg brachte, nach dem sich die alten Markgenossenschaften einen eigenen Status geben konnten: Die Geburtsstunde der Realgemeinden, wie wir sie heute kennen mit Vorstand, Mitgliederversammlung und gemeinsamen Grundvermögen. In Lippoldshausen war diese Geburtsstunde der 16. Oktober 1896.

Offizielle Gründung in Preußen im Jahr 1896

Seit dem Niedersächsischen Realverbandsgesetz von 1969 ist die Realgemeinde Lippoldshausen eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die über 60 Mitglieder teilen sich heute 34,5 Berechtigungen. Der Wald ist in 25 Abteilungen aufgeteilt, also räumlich zusammenhängenden Forstorten mit ähnlichen Voraussetzungen oder Bewirtschaftungen. Früher war die Arbeit in der Realgemeinde – vor allem der Holzeinschlag und die Durchforstung – eine typische Winterarbeit der Landwirte. Durch die Veränderungen in der Landwirtschaft, aber auch den gestiegenen Anforderungen an die Waldarbeit, vor allem bei der Sicherheit, wurden zunehmend professionelle Forstunternehmer eingesetzt.

Durchforstungen von dünneren Waldbeständen oder anderweitig nicht als hochwertiges Sägeholz verwertbare Bäume werden bevorzugt an sogenannte Brennholzselbstwerber abgegeben, die einen Motorsägenführerschein nachweisen müssen und sich dann die angezeichneten Bäume als Brennholz fällen können. Früher wie heute wird ein Teil der anfallenden Pflanzarbeiten von Vorstandsmitgliedern und Helfern erledigt.

Die Realgemeinde hatte lange Zeit aus ihren Reihen einen Forstaufseher, der den Förster bei der Arbeit unterstützte und kleine anfallende Arbeiten erledigte. In der Vergangenheit waren dies Dieter Bürmann, Helfried Lindner, Willi Weitemeyer, Georg Göbel und Hermann Linne. Als langjährige Förster wirkten vor dem aktuell betreuenden Förster Raimund Weber seine Vorgänger Uwe Wilke, Gerhardt Mundt, Günther Kaerger und Rudolf Lange. (Christian Mühlhausen)

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