Pathos und die blutige Wahrheit

Hann. Münden 1870: Vom Krieg ins Deutsche Kaiserreich

Schwarz-Weiß-Foto zeigt den Sedantag am 2. September 1895 in Hann. Münden. Von der Langen Straße biegen die Honoratioren und Mitglieder der Kriegervereine in die Marktstraße ein.
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Mit Musik und mit Kapelle: der Sedantag am 2. September 1895 in Hann. Münden. Von der Langen Straße biegen die Honoratioren und Mitglieder der Kriegervereine in die Marktstraße ein.

Historische Quellen berichten, wie die Bürger von Hann. Münden 1870 den Krieg gegen Frankreich erlebten.

Im Sommer 1870 spitzte sich die Politik in Europa zu. Frankreich erklärte am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg. Der äußere Anlass war die Frage der Thronfolge in Spanien, die auf einen Hohenzollern fiel. Tatsächlicher Zündfunke war der Kampf um die Vorherrschaft in Kontinental-Europa zwischen Frankreich und dem aufstrebenden Preußen. Fürst Bismarck hatte dabei geschickt seine Hand im Spiel im Sinne der Provokation Frankreichs und vor allem auch, um die süddeutschen Staaten zu einem Kriegseintritt gegen Frankreich zu bewegen.

Damit war nicht nur eine starke Abwehrfront gegen Frankreich geschaffen, es gelang vor allem eine schnellere Mobilmachung. Hier half das in den Jahren zuvor geschaffene Eisenbahnnetz dabei, die Truppenverlegung nach Westen zu erreichen. Fast alle Kampfhandlungen fanden auf französischem Boden statt. Für Frankreich wurde der Albtraum wahr, dass die zuvor bekämpfte deutsche Einigung nun unter dem Anlass eines Krieges Gestalt angenommen hatte.

Münden war erst seit dem Deutsch-Deutschen Krieg von 1866 zum preußischen Staatsgebiet geworden, nachdem das Königreich Hannover, an der Seite von Österreich stehend, annektiert wurde. Nur wenige Zeitungsnachrichten standen zur Verfügung. Die öffentliche Meinung wurde vom Bürgermeister und dem Amts-Hauptmann vertreten, vor allem aber vom Königshaus: „Das Vaterland erwartet, daß alle Frauen bereit sind, ihre Pflicht zu thun! Hülfe zunächst an den Rhein zu senden“, schrieb Königin Augusta. So fanden sich Frauen ein, die bereit waren, Binden und Verbandmaterial herzustellen. Angesichts der durchfahrenden Militärzüge forderte Bürgermeister Stölting Spenden ein, um den Kämpfern eine „Erquickung mit Bier und Zigarren“ am Bahnhof zu reichen, „die die Ehre Deutschlands und Preußens im Felde verteidigen sollten.“

Doch neben all dem Hurra, fällt noch eine Bemerkung auf: Bürgermeister Stölting mahnte all diejenigen, die von einer Niederlage Preußens sprächen. Er könne es nicht glauben, dass Mitbürger derart ehrvergessen sein könnten, dem Vaterlande den Untergang zu wünschen. So sicher und so fest verankert war das Preußentum bei den Hannoverschen „Neupreußen“ demnach noch nicht, oder spielte er auf „vaterlandslose Gesellen“ an, deren Begeisterung für den Krieg noch allzuhoch war?

Die Botschaft gilt wohl beiden Lagern. Die Zeitungen brachten neben den offiziellen Nachrichten auch Briefe von eingezogenen Mündenern. Carl Bornträger schrieb am 19. August 1870: „Nachdem wir morgens vier Uhr ausgerückt und fortwährend marschiert waren, kamen wir nachmittags auf dem Schlachtfelde an und sofort ins Feuer. Das war bei Thionville. Wir sollen an jenem Tage 6 bis 8 Tausend Tote und Verwundete gehabt haben. Der Feind wurde geworfen. Das Granat- und Mitrailleusen-Feuer war schrecklich.“

In der Tat entschied sich dieser frühindustrielle Krieg nicht mehr allein im Kampf Mann gegen Mann, sondern mit der Macht der Waffen. Die Mitrailleusen, ein Salvengeschütz, ähnlich einem MG, auf französischer Seite. Krupp´sche Geschütze aus Gussstahl auf deutscher Seite waren die Symbole dieser Hochrüstung. „Welch eine Wendung von Gottes Fügung!“, so König Wilhelm als am 2. September 1870 die französischen Truppen in Sedan in Folge einer Einkesselung kapitulierten und Kaiser Napoleon III in preußische Gefangenschaft geriet.

Das kaiserliche Frankreich war geschlagen. Stadtchronist Lotze schrieb: „…überall freudige Begeisterung. Die Häuser waren in Nu beflaggt und es wurde Victoria geschossen. Vier Stunden lang, mit kurzen Unterbrechungen, ertönte das Geläut sämtlicher Glocken.“ Der Krieg war noch nicht zu Ende. In Paris wurde die Republik ausgerufen, der Widerstand organisiert. Münden befand sich wie anderenorts in einem Siegestaumel und der Sedantag wurde künftig als Feiertag des Kaiserreiches hochstilisiert.

Von Stefan Schäfer

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