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Hann. Münden: Aufstieg und Fall als Gummistadt - Aus für Werk nach fast 150 Jahren

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Blick von der Kunth´schen Villa auf das Firmengelände um etwa 1949. Heute ist die Villa ein Teil des Verwaltungssitzes der Firma an der Kasseler Straße.
Blick von der Kunth´schen Villa auf das Firmengelände um etwa 1949. Heute ist die Villa ein Teil des Verwaltungssitzes der Firma an der Kasseler Straße. © stadtarchiv/repro: stefan schäfer

Hann. Münden, die Gummistadt. Das Geschäft mit dem Stoff war lukrativ. Mit der Schließung des Conti-Werkes ab 2024 enden 150-Jahre Geschichte.

Hann. Münden – Schlechter konnte die Nachricht in der Mündener Allgemeinen vom 25. Juni nicht ausfallen: die Pforten des Continentalwerkes sollen 2024 schließen. In einer Presseerklärung erklärte Continental unter dem Titel „Transformation der deutschen Produktionsstandorte im Geschäftsfeld Mobile Fluid Systems“ die Schließung des Produktionsortes Hann. Münden. Ein kleinerer Teil der Arbeitsplätze soll in Oedelsheim auf der „grünen Wiese“ angesiedelt werden.

Hann. Münden Werk kann auch lange Geschichte blicken

Konzern, Belegschaft und Stadtgesellschaft könnten 2024 auf eine 150-jährige Geschichte des Produktionsstandortes Münden zurückblicken. Feierlaune steht nicht in Aussicht.

Gummiwaren eroberten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Welt und sind ein Teil weltwirtschaftlicher Verflechtungen, denn der Rohstoff Naturkautschuk wurde zunächst als Latexsaft aus den Kautschukbäumen des Tropengürtels gewonnen. Ein zunehmend wichtigerer Stoff, der zumeist in den europäischen Kolonien angebaut wurde. Die Kaufleute Gebrüder Wetzell beantragten schon 1859 den Bau einer Gummiwarenfabrik in der Ziegelstraße (heute Penny-Markt). 1892 erfolgte die Schließung und Verlagerung nach Hildesheim, nachdem eine Brandkatastrophe des Jahres 1878 verdeutlichte, wie gefährlich es für die Altstadt kommen konnte.

Mit besonderem unternehmerischen Mut bewertete Albert Kunth (1819-1899), ein Kaufmann aus einer Mündener Familie, die Chancen und entschloss sich zum Aufbau einer eigenen Gummifabrik, die vom Volksmund später als Gummibude bezeichnet werden sollte. Die Frage nach dem richtigen Standort wurde nach einigem Hin und Her zu Gunsten des an der Kasseler Straße gelegenen familieneigenen Gartens gewählt. 1873 begann der Aufbau des Werkes, in dem die Herstellung von Bällen, Schläuchen und Platten vorgesehen war.

1877: Brand in der Altstadt setzte Produktion zu

Am 28. März 1874 konnte die Produktion aufgenommen werden. Immerhin schon mit einer Belegschaft von 60 Mann. Aber auch vor Rückschlägen war man hier gefeit. Wenige Monate bevor es bei Wetzell brennen sollte, brach am 9. September 1877 ein Feuer aus. „Brennende Bälle flogen wie Raketen bis zur alten Bahnhofstraße“ (heute Feuerteich), berichtete ein Zeitzeuge. Walzwerk und schwere Maschinen hatten wenig Schaden erlitten, so dass die Produktion nur kurz ruhte.

Albert Kunth arbeitete nicht nur mit hohem Einsatz am Aufbau- und Wiederaufbau seines Unternehmens, sondern war auch politisch für die Stadt verantwortlich. Bereits Bürgervorsteher wurde er 1879 als Senator der Stadt vereidigt. 1884 hat er dieses Amt niedergelegt.

Als er im Alter von fast 80 Jahren 1899 starb, traten die Söhne Georg Carl und Rudolf Kunth in die Geschäftsführung ein und firmierten unter dem Namen „Gummiwarenfabrik Gebr. Kunth“. Mit dem Engagement der Mündener Familie Stöckicht wurde das Unternehmen in eine GmbH umgewandelt. Der Holzgroßhändler Georg Fehrensen erwarb 1935 größere Besitzanteile und führte mit Ludwig Stöckicht den Betrieb.

Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Mehrfach war das Werk durch Grundstückszukäufe, Um- und Ausbauten erweitert worden, obwohl die Wirtschaftskrise von 1929 tiefe Einbrüche brachte. Vielleicht ist die Wirtschaftswunderzeit nach 1949 das schönste Kapitel in der Firmengeschichte. Ein Wort eroberte den deutschen Wortschatz: „Camping“. MÜGUFA Luftmatratzen, Gummiboote und Blasebälge waren Verkaufsschlager und ließen sich etwa im VW-Käfer für den Ausflug ins Grüne leicht verstauen. 630 Personen fanden Ende der 1950er-Jahre im Werk ihren Arbeitsplatz.

In diesem Unternehmen übernahm Dr. Georg Fehrensen jun. die Verantwortung. Die unter dem Namen Mündener Gummiwerke, MGW agierende Firma wurde von den Phoenix Gummiwerken 1986 übernommen, die 2004/05 in der Continental AG aufgingen. Identifikation mit der Stadt und seinen Mitarbeitern spielen offenkundig für den Global Player mit weltweit etwa 190 000 Beschäftigten nicht mehr die zentrale Rolle vergangener Jahrhunderte. (Stefan Schäfer)

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