„Viele reißen sich lange zusammen“

Corona und Winter: Tipps von Psychologen zum Umgang mit Depressionen

Häusliche Isolation kann Symptome psychischer Erkrankungen verschlimmern (Symbolbild).
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Häusliche Isolation kann Symptome psychischer Erkrankungen verschlimmern (Symbolbild).

Im Winter schleicht sich bei vielen eine sogenannte Winterdepression ein. Corona und Isolation können die Lage verschlimmern. Psychologen geben Tipps zum Umgang.

Hann. Münden/Göttingen – Nicht nur die Coronasituation, sondern auch der dunkle Winter kann für psychisch kranke Menschen eine Belastung sein. Weniger Aktivitäten im Freien und Vitamin-D3-Mangel kann vor allem Menschen mit Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen negativ beeinflussen, sagt Dr. Knut Schnell, Direktor der Asklepios Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen.

Umgang mit Depressionen: Sich jemandem anvertrauen

„Fühlt man sich traurig, antriebsarm, appetitlos und schläft schlecht, sollte man dagegen etwas tun.“ Denn das könnten Symptome einer Winterdepression sein, die nach der dunklen Jahreszeit aber meist wieder abklinge. Doch isolieren sich Betroffene, kann sich die Winterdepression auch verschlimmern, so Schnell. Die Einschränkungen wegen Corona könnten das noch verstärken.

„Viele reißen sich lange zusammen“

Dann sei es wichtig, sich jemandem anzuvertrauen. „Viele reißen sich lange zusammen.“ Bemerke man in seinem Umfeld jemanden, der unter depressiven Symptomen leide, sollte man demjenigen zuhören und Mut machen, einen Arzt aufzusuchen.

Nicht nur für Menschen mit Depressionen und Ängsten könnten Winterdepressionen und Kontaktbeschränkungen zum Problem werden. Auch für Suchtkranke ist das eine schwere Zeit, sagt Carsten Schmidt, Psychotherapeut bei der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention bei der Diakonie in Hann. Münden. Zur Suchtberatung kämen häufig Menschen, die Depressionen und eine Suchterkrankung haben. „Das kommt häufig zusammen vor.“

Isolation in der Corona-Pandemie: Für Suchtkranke großes Problem

Denn mit dem Konsum von berauschenden Mitteln dächten Betroffene, gehe es ihnen besser – doch wenn die aufputschende Wirkung nachlasse, dann fallen sie „zurück in ein Loch“. Auch deshalb seien die fehlenden sozialen Kontakte wegen der Corona-Regeln für psychisch Kranke schwierig. „Psychisch Kranke werden durch die Entwicklung wegen Corona vermehrt ausgegrenzt“, sagt Schmidt. Um dagegen etwas zu tun, müssten Patienten erst mal erkennen und akzeptieren, dass sie ein Problem hätten. Ob dann eine ambulante, teil-stationäre oder stationäre Therapie helfen könne, müsse individuell entschieden werden.

Veränderungen im Alltag könnten laut Schmidt auch dazu beitragen, den Gesundheitszustand zu verbessern:

Mehr Sport treiben

Sport helfe bei allen psychischen Erkrankungen, sagt Schmidt. Denn bei sportlicher Aktivität würden Hormone ausgeschüttet, die positiv auf die Stimmung wirken können. Vor allem Konditionssport sei da hilfreich. „Beim Sport gibt der Körper Rückmeldung.“

Das könne vor allem bei Depressionen helfen, denn Betroffene fühlten oft nichts. Trotzdem sei es für viele schwierig, überhaupt mit Sport anzufangen. Sich mit anderen zum Sport verabreden oder bestimmte Zeiträume dafür festzulegen, könnte das laut Schmidt erleichtern.

Ziele setzen

Nicht nur auf Regelmäßigkeit, sondern auch auf Ziele komme es an.

Wichtig sei aber, die eigenen Ziele nicht zu hoch zu stecken. „Es ist besser, nur ein bisschen zu machen, regelmäßig und mit einem konkreten Ziel“, rät Schmidt. Das könnte zum Beispiel bedeuten, zehn Minuten ohne Pause zu joggen. Wer nicht genau weiß, welchen Sport er ausüben möchte, kann sich auch an Freunden orientieren, sagt Schmidt.

Kontakte pflegen

Für Menschen mit psychischen Erkrankungen sei es häufig schwer, über ihre Probleme zu sprechen. Trotzdem seien soziale Kontakte wichtig. „Menschen mit Suchterkrankungen vereinsamen oft oder haben nur Kontakt zu Menschen mit einem ähnlichen Problem“, weiß Schmidt. Wer sich anderen anvertraut, mache oft positive Erfahrungen.

Nicht aufgeben

Dass süchtige Menschen während einer Therapie einen Rückfall erleiden, käme vor, sagt Schmidt. Viele dächten, die Therapie und die vorher erreichten Erfolge seien umsonst gewesen. „Wichtig ist, dass man daraus lernt und nicht weiter konsumiert.“ Bei einer Therapie würden deshalb eher wenige Ziele erarbeitet, da diese meistens leichter zu erreichen sind – dies helfe auch oft Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen. „Es geht nicht darum, alle Ziele zu erreichen, sondern in Bewegung zu kommen.“ (Natascha Terjung)

Die Zahl der Menschen mit psychischen Problemen steigt in ganz Deutschland, auch im Landkreis Göttingen.

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