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Der Ansichtskartenverlag Carl Thoericht schuf zahllose Erinnerungen aus Hann. Münden

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Hotelier Theodor Melching ließ dieses stattliche Haus in den Jahren 1907/08 bauen. Es diente bis 1915 als „Luftkurort“ nachfolgend als Lazarett, bis der Reiffensteiner Verband ab 1918 hier eine Frauenschule errichtete. Heute fristet es ein verlassenes Dasein am Waldrand. Die Thoericht-Karte gratulierte 1909 der Empfängerin zum Geburtstag.
Hotelier Theodor Melching ließ dieses stattliche Haus in den Jahren 1907/08 bauen. Es diente bis 1915 als „Luftkurort“ nachfolgend als Lazarett, bis der Reiffensteiner Verband ab 1918 hier eine Frauenschule errichtete. Heute fristet es ein verlassenes Dasein am Waldrand. Die Thoericht-Karte gratulierte 1909 der Empfängerin zum Geburtstag. © Sammlung und Repro Stefan Schäfer

Der Ansichtskartenverlag Carl Thoericht schuf Tausende Motive als Ansichtskarten. Das Medium war sehr bliebt, Telefonzellen läuteten aber den Untergang der Postkarte ein.

Hann. Münden – „Lass Deine Freunde niemals warten schreibe Thoerichts Ansichtskarten!“. Etwa von 1896 bis 1982 wurden unter dem Namen Carl Thoericht Münden (CTM) Ansichtskarten in Hann. Münden verlegt. Das Jahr 1872 gilt als Gründungsdatum des Unternehmens. An der Tanzwerderstraße 3 übernahmen die Gebrüder Carl und Heinrich Thoericht ein Fotoatelier, das der Vater Wenzel Thoericht, der auch als Zeichenlehrer in Münden wirkte, schon 1860 aufgebaut hatte. 1896 trat mit Alfred Thoericht die nächste Generation in das Unternehmen ein, nachdem Carl und Heinrich bereits gestorben waren.

Hann. Münden: Seit 1896 voll auf Ansichtskarten gesetzt

Alfred Thoericht (1872-1960) setzte ganz auf das Medium Ansichtskarte, das, nachdem günstige Fotodruckverfahren entwickelt wurden, zu einem Massenmedium wurde. Bis weit in die 1930er-Jahre hinein, war das Anfertigen eigener Fotos ein zeitaufwendiges und kostspieliges Abenteuer. Eine Postkarte war für wenige Pfennige gekauft und als Reiseandenken sehr geschätzt. Ab 1905 durfte man sogar die Hälfte der Rückseite neben dem rechten Adressfeld mit kurzen Grußbotschaften an die Lieben beschreiben.

Die Firma Thoericht wurde von Fürst Friedrich von Waldeck-Pyrmont zur „Hof-Kunst-Anstalt“ im Jahre 1908 ernannt. 1913 wurde man am Hofe von Prinzessin Alexandra zu Schaumburg-Lippe als Hoffotograf akkreditiert. Titel, die dem Unternehmen zusätzliche Reputation verleihen sollten und nebenbei die chronisch klammen Kassen von Kleinfürstentümern aufbesserten.

Etwa ab 1900 wurden Ansichtskarten unter einer fortlaufenden Nummer verlegt, was die Nachbestellungen erleichtern sollte. Diese Nummerierung hilft heute bei der Datierung der Ansichtskarten. Doch kann ein unbestimmter Zeitraum zwischen der Aufnahme und der Produktion der Ansichtskarte liegen, ebenso bei der Versendung.

Meister der Retusche

Die Angestellten und Alfred Thoericht selbst waren Meister in der Retusche. Auf der abgebildeten Karte posieren Ricke und Rehbock vor der die zum 1. Mai. 1908 eröffnete Sommerfrische „Zur Rehbocksweide“ wohl kaum in natura.

Im Ersten Weltkrieg, der wehrfähige Männer in alle Himmelsrichtungen verschlug, wurden als Feldpost nach groben Schätzungen mehr als eine Milliarde „Kurznachrichten“ in Form von Ansichtskarten verschickt. Wenn ein Militärzug auf dem Mündener Bahnhof hielt, war die Nachfrage nach Ansichtskarten immer hoch.

Sie überdauerten oft gebündelt und liebevoll verwahrt ein ganzes Leben lang und sind unlängst zur Sammlerware geworden. Es wäre eine Lebensaufgabe, alle Ansichten Mündens, insbesondere die der anderen Verlage, zusammenzutragen. Ich schätze, es sind 25 000 bis 30 000 unterschiedliche Ansichtskartenmotive für Münden und seine Ortschaften versandt worden. Das Stadtarchiv stellt sich dieser Aufgabe.

Telefonzellen überholten die Ansichtskarten

1962 zum 90. Firmengeburtstag teilte Helga Debelius, geborene Thoericht (1922 – 2011) mit, dass von Mündener Motiven pro Jahr 150 000 Ansichtskarten verkauft würden. Seniorchefin Lina Musmann, verwitwete Thoericht, schied 1968 aus Altersgründen aus. Tochter Helga berichtete 1972, dass zwischen Rothenburg o.d. Tauber und Hamburg pro Jahr 1.5 Millionen Ansichtskarten den Namen Thoericht in die Welt trügen.

Doch gelbe Häuschen mit der Aufforderung „Ruf doch mal an!“ eroberten mehr und mehr die Innenstädte. Das Telefonat ersetzte die Ansichtskarte und so schrumpfte der Ansichtskartenmarkt. 1982 endete die Geschichte des Mündener Verlages, der an der Bahnhofstraße 39 beheimatet war. Der Markenname zog nach Bayreuth, doch bald wurde der Vertrieb von Ansichtskarten eingestellt. Folgt man der Nummerierung, so produzierte der Verlag rund 28 000 verschiedene Ansichtskarten. (Stefan Schäfer)

In Hann. Münden wurden nicht nur Ansichtskarten gedruckt, auch ausgiebig geschlemmt und getrunken wurde.

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