Städtisches Museum

Der NS-Raubkunst auf der Spur: Göttinger Forscher findet Verdachtsfälle im Mündener Museum

Spürt in Museen der Region Nazi-Raubgut auf: Dr. Christian Riemenschneider geht auch der Herkunft der Marmorskulptur „Venus züchtigt Amor“ des Mündener Künstlers Gustav Eberlein nach.
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Spürt in Museen der Region Nazi-Raubgut auf: Dr. Christian Riemenschneider geht auch der Herkunft der Marmorskulptur „Venus züchtigt Amor“ des Mündener Künstlers Gustav Eberlein nach.

Ein Göttinger Forscher sucht in neun Museen in der Region nach Raubkunst aus der Nazizeit. Er untersuchte auch den Bestand des Städtischen Museums in Hann. Münden. Mit überraschendem Ergebnis.

Hann. Münden – Zinnfiguren und Fayencekrüge aus jüdischem Besitz, einen Tisch mit Stühlen aus der Freimaurerloge sowie zwei Schränke der Arbeiterwohlfahrt – eine Reihe von Objekten, die während des Dritten Reichs in den Besitz des Städtischen Museums Hann. Münden gekommen sind, hat der Göttinger Provenienzforscher Dr. Christian Riemenschneider aufgespürt.

Ethnologe forscht in neun Museen in der Region

Seit vier Jahren sucht der Ethnologe, der seine Doktorarbeit über die zwangsbekehrten Juden Mallorcas geschrieben hat, in neun Museen der Region nach Raubgut aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die notwendigen Mittel zur Finanzierung dieser Arbeit hat der Landschaftsverband Südniedersachsen im Auftrag der Museen bei der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste beantragt.

„Die Herkunft unserer insgesamt rund 10 000 Museumsobjekte ist vielfach nicht ausreichend dokumentiert“, berichtet die Mündener Museumschefin Martina Krug. Ein Grund: Jahrzehntelang hätten Ehrenamtliche die Sammlung gepflegt, denen es oft an Zeit und dem nötigen Fachwissen gefehlt habe. Dreiviertel der Bestände habe sie in den vergangenen 30 Jahren in einer Datenbank erfasst. Doch beim Aufspüren von Raubgut stoße auch sie an ihre Grenzen. Deshalb ergebe es Sinn, sich Hilfe von außerhalb zu suchen.

Akribisch die Inventarlisten durchgehen

Wissenschaftler Riemenschneider ging Eingangsbücher und Inventarlisten durch, wertete Aktenbestände in Archiven aus und recherchierte im Internet. Viele 100 Stücke nahm er in die Hand. In Hann. Münden konzentrierte er sich am Ende auf elf Objekte. In Detektivarbeit versuchte er herauszufinden, woher die Stücke stammten und wie sie in den Besitz des Museums gekommen waren. So verfügen die Mündener seit 1933/34 über eine Pergamenturkunde des Rats der Stadt aus dem Jahr 1598.

Der Augsburger Antiquitätenhändler Alexander Oberdorfer hat sie ihnen für 19 Reichsmark verkauft, ermittelte der Forscher. Das wären heute etwa 80 Euro. Von Oberdorfer erwarben die Mündener zudem Zinnfiguren. Akzeptabel war wohl der Preis, den das Museum 1933/34 der Münzhandlung Henry Seligmann aus Hannover für drei Fayencekrüge zahlte. Bei zwei Münzen, die später nach Hann. Münden kamen, war das dann aber wohl nicht mehr der Fall. Die Witwe des Münzhändlers floh 1939 vor der Verfolgung in die USA.

Aus dem Besitz des Berliner Verlegers Rudolf Mosse stammt wahrscheinlich die Marmorskulptur „Venus züchtigt Amor“ des Mündener Künstlers Gustav Eberlein. „Nach Recherchen der Mosse Art Research Initiative ging sie dem Berliner Anfang der 30er Jahre verloren“, berichtet Riemenschneider. Das Mündener Museum habe sie Anfang der 80er Jahre zunächst als Leihgabe, später als Nachlass erhalten.

Freimaurer in Hann. Münden wurden Opfer des NS-Staats

„Wie die Spenderin in den Besitz der Skulptur gekommen ist, können uns die Hinterbliebenen heute nicht mehr sagen“, berichtet Museumsleiterin Krug. Sie will nun Kontakt zur Initiative aufnehmen. Gegebenenfalls werde sie der Stadt die Rückgabe der Skulptur empfehlen.

Opfer des NS-Regimes wurden neben Juden unter anderem auch Freimaurer und Mitglieder der Arbeiterbewegung. „So erwarb das Mündener Museum 1936 sehr billig Bücherschränke, Stühle und einen Tisch der örtlichen Freimaurerloge Pythagoras zu den drei Strömen“, stellte Riemenschneider fest. Die Nazis hatten deren Auflösung erzwungen. Die Gebrauchsmöbel sind heute nicht mehr auffindbar.

Auch Vereine von Arbeitern waren betroffen

Verschwunden sind zudem zwei Schränke der Arbeiterwohlfahrt. Das Museum bekam sie 1933 „geschenkt“, nachdem die Nazis die soziale Einrichtung verboten hatten. Nicht klären konnte der Wissenschaftler, wie die Fahne des Mündener Arbeitergesangvereins Libertas in den Besitz des Museums kam. Der Verein wurde 1933 verboten, lebte nach dem Krieg aber wieder auf, um schließlich in den 60er Jahren im Mündener Gesangverein aufzugehen.

Das sagt: Die Museumsleiterin in Hann. Münden

„Wir haben die Erkenntnisse von Christian Riemenschneider in unsere Datenbank aufgenommen“, berichtet Hann. Mündens Museumsleiterin Martina Krug.

Gerne würde sie die Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit in Form einer Sonderausstellung präsentieren. Eventuell würden die Ergebnisse auch in der Ausstellung selbst aufgegriffen. Derzeit erarbeite eine Arbeitsgruppe, der sie angehöre, an einem neuen Museumskonzept. (Von Michael Caspar)

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