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Die tragische Geschichte eines „Mündener Originals“

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Von: Sarah Schnieder

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Das als Zollhaus errichtete Gebäude und die vormalige Löwenbrücke. Hier befanden sich zeitweise Armenunterkünfte der Stadt.
Das als Zollhaus errichtete Gebäude und die vormalige Löwenbrücke. Hier befanden sich zeitweise Armenunterkünfte der Stadt. Foto um 1965 vor dem Abriss des Gebäudes zugunsten des Straßenausbaus. Repro. © Repro: Stefan Schäfer

Juliane Berkefeldt war stadtbekannt in Hann. Münden. Sie galt als Frau mit besonderem Stil. Nicht jedem gefiel das. Ihre Geschichte endete aber tragisch.

Hann. Münden – Bekannt wie bunte Hunde – solche Persönlichkeiten gibt es in jeder Stadt. Egal ob wegen großer Taten oder schlicht interessanten Gesprächsstoffs, eins haben solche Persönlichkeiten gemein: Man kennt sie im Ort.

Und genau so jemanden gab es auch in der Rosenstraße. Dort, wo das Haus mit der Nummer 16 steht, das derzeit zu einem Bistro umgebaut wird, befanden sich einmal zwei Häuser. 1875 hatte Kaufmann August Spielmann diese beiden Häuser abreißen lassen, da sie baufällig waren. Eines davon kam aus dem Familienbesitz von Spielmanns Frau.

Hann. Münden: Juliane Berkefeldt war stadtbekannt

Ihr Vater, Schlossermeister Geissler, hatte es seinerzeit von seinem Schwiegervater, Schlossermeister Kaiser, erhalten. Und hier beginnt unsere Geschichte, im 1875 abgerissenen Vorgängerhaus. Zu jener Zeit hatte ein Zimmer im Erdgeschoss eine ganz besondere Bewohnerin. Chronist Gustav Blume beschrieb sie als „recht absonderliche Frau“ und sogar S. Georg Fischer (Hellenberg) wusste noch von ihr zu berichten. Er brachte seine Erinnerung in den „Heimatklängen“ zu Papier und zeichnet darin ein interessantes Bild von Juliane Freifrau zu Berkefeldt.

In der in Münden verbreiteten Ironie bekam Juliane Berkefeldt einen Adelstitel angehängt. „Nicht ohne Lächeln vergegenwärtige ich mir das Bild jener Frau“, schrieb er, „die es verstand, ein Menschenalter hindurch die Mündener Frauen für sich und ihr vermeintliches Geschick einzunehmen.“ Doch was ist damit gemeint?

Juliane solle eine Liebschaft mit einem Herrn von Berkefeldt gehabt haben, dieser sie jedoch schändlich und treulos verlassen haben. Dieses Schicksal habe Juliane für sich zu nutzen gewusst. „Nun, sie hat sich nicht schlecht dabei gestanden und ich glaube, daß ihr so erfolgreich verlaufenes Auftreten nachher zu absichtlicher Berechnung führte“, schreibt Fischer. Sie habe zumeist Ballkleider in möglichst hellen Farben und dazu eine Vielzahl bunter Schleier getragen. Mit dieser derart extravaganten Bekleidung soll sie die Mündener Damenwelt versorgt haben.

„Der Theaterflitter in meißt grellster Zusammenstellung“

Aufgenommen wurde Julianes besonderer Stil jedoch offenbar nicht überall gut. „Der Theaterflitter in meißt grellster Zusammenstellung, mitunter aber auch ansprechend gehaltene Aufputz dieser Frau war meistens so auffallend und herausfordernd, daß ihr mancher Schleier von der Mündener Jugend zerzupft worden ist – wussten wir doch, daß Juliane am anderen Tage für den alten irgendwo einen neuen Flitter gestiftet erhielt“, so Fischer weiter, denn: „sie kannte ihre Mündener Pappenheimerinnen“. Nicht ohne Unterton beschließt er seine Erzählung: „Abgesehen von dieser mehr oder weniger krankhaften Putzschwäche war sie ein äußerst sauberes Frauenzimmer, das ihr mit Blumen mancherlei Art geschmücktes Stübchen musterhaft in Ordnung hielt und, wenn das Schnurren mal nicht ausreiche, zum Lebensunterhalt Strümpfe auf Bestellung strickte.“

Georg Fischer, der sich zusätzlich den Namen Hellenberg zulegte, zeichnete ein Bild kurios anmutender Menschen, die man gemeinhin als „Originale“ bezeichnen könnte. Hinter Juliane Berkefeldt steht eine unverheiratete Frau, deren Glück nach Liebe und Partnerschaft sich offenkundig nicht erfüllte und die für ihren Lebensunterhalt alleine aufkommen musste. 1875 starb sie im Alter von 73 Jahren im Mündener Armenhaus. (Sarah Schnieder)

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