DAMALS IN MÜNDEN

Eine Woche Ungewissheit - Warten auf die Ankunft der Amerikaner

Diese Ansichtskarte aus den 1930er Jahren zeigt das Gasthaus Ammermann „Zum Anker“ mit der Gaststube, in der sich die amerikanischen GI´s auf ihrem Vormarsch eine Pause gönnten.
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Diese Ansichtskarte aus den 1930er Jahren zeigt das Gasthaus Ammermann „Zum Anker“ mit der Gaststube, in der sich die amerikanischen GI´s auf ihrem Vormarsch eine Pause gönnten.

Die Bombenangriffe vom 30. und 31. März 1945 waren der Auftakt einer Woche der Angst und Beklemmungen im Hinblick auf das, was in den kommenden Tagen passieren würde.

Als Reichsverteidigungskommissar war der Gauleiter Hartmann Lauterbacher eingesetzt. Dieser forderte zum fanatischen Widerstand auf und unternahm noch Ende März eine Inspektionsreise von Münden bis Minden. In der örtlichen Kampfkommandantur, gebildet aus Major Henn und nachfolgend Major Johe, mischten sich der NSDAP-Kreisleiter Edmund Reinschmidt und Bürgermeister Karl Dempewolf ein.

Der örtliche Volkssturm, also Männer von 16 bis 60 Jahren, war schlecht ausgerüstet. Sie sollten mit den zurückflutenden Soldaten und den Resten der hier bestehenden Ersatzbataillone eine Verteidigung organisieren.

Man erwartete stündlich den Vorstoß aus Richtung Kassel, das am 4. April 1945 ohne großen Widerstand von den Amerikanern eingenommen wurde.

Gertrud Zimmermann, geborene Neid (1927-2019), war die Tochter von Dietrich Neid, der das Gasthaus „Zur Hafenbahn“ auf der Blume betrieb. Sie gab 2016 ein Zeitzeugeninterview, hier die Zusammenfassung: „Auf der alten Werrabrücke wurden Steine herausgebrochen und Fliegerbomben für die Sprengung eingebaut. In unseren Gästezimmern und im Saal schliefen Soldaten. Dann wurde über einen Ausrufer mit Glocke bekanntgegeben, dass die Blümer ihre Häuser zu räumen hätten. Einige zogen in die umliegenden Dörfer, wir gingen auf den Blümer Berg und richteten uns auf der Kammhöhe in einem Fichtendickicht ein. Zelte hatten wir nicht, aber mit Decken und unter Zweigen war es auszuhalten. Es hatte in den Tagen nicht geregnet. So haben wir mehrere Tage zubringen müssen. Mich schickte man täglich kurz zu Fuß in die Stadt, um nach den Rechten zu sehen.

Wir hatten Hühner zu versorgen. Ich fand zwei Eier, die ich schnell kochte. Gas war noch vorhanden. Schnell machte ich mich mit Eingemachtem und anderen Vorräten für meine Mutter und meinem kleineren Bruder und mich auf den Weg in den Wald. Einmal war ich mit meinem Großvater Wilhelm Ammermann, Gastwirt des 'Ankers', in Gimte unterwegs. Ein Flugzeug kreiste über uns. Wir liefen einige Meter unterhalb der Eisenbahnunterführung Richtung Blümer Berg und schon machte es 'patsch, patsch, patsch' um uns herum.

Es waren Einschüsse der Bordwaffen. Erst in der Unterführung fühlten wir uns sicher. Mein Großvater meinte, es sei besser, wenn wir zu ihm nach Gimte gehen würden. Im Keller des „Ankers“ sei es besser. Mit einem Kuhgespann holte er uns vom Blümer Berg ab. Im Keller wurde ein Doppelbett aufgestellt.

Einige schliefen auch notdürftig auf Stühlen. Auch hier im Saal waren Soldaten untergebracht, auf dem Hof stand sogar eine Feldküche. Wir konnten uns an deren weißen Bohnen mit Speck bedienen. Am 7. April hörten wir Granateinschläge um uns herum. Wir hatten kein Wasser mehr im Haus und so musste ich zum Brunnen schräg gegenüber beim Gasthaus 'Zum Fisch'. Plötzlich schlug eine Geschossgarbe in eine Wand ein. Abgefeuert vom Waldrand oberhalb der Göttinger Straße.

Offensichtlich sahen die dort liegenden deutschen Soldaten in mir einen Amerikaner. Wieder im Keller angekommen, sagte jemand, dass die Amerikaner aus Richtung Hemeln kommend, nun in das Dorf kämen. Bald hörten wir Schritte über uns in der Gaststube. Sie klangen nicht so hart wie die genagelten Knobelbecher, dann erschien ein kleinerer, wie ein Mexikaner aussehender Soldat in unserem Keller, er schaute in die eingeschüchterte Menschenmenge. Wir kehrten nach oben zurück. Mein Großvater ließ mich in den nächsten Tagen zur Sicherheit auf dem Dachboden schlafen und legte sich mit einer Mistgabel in meine Nähe, damit sich kein Soldat an mir vergreifen würde.

Passiert ist mir nichts, im Gegenteil: Ich konnte einigen Soldaten von den Bohnen und dem Fleisch etwas anbieten, was die Deutschen dagelassen hatten, sie aßen es ausgelassen und gerne und ließen etwas von ihren Vorräten da.“

VON STEFAN SCHÄFER

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