Auf Augenhöhe begegnen

Sorge für Behinderte: Mündener machte FSJ bei den Göttinger Werkstätten 

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Helfende Hände: Betreuerin Elvira Rein und FSJler Moritz Thiel.

Hann. Münden. 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen leben laut Statistischem Bundesamt in Deutschland. Trotz dieser hohen Zahlen haben nur wenige Kontakt zu Menschen mit Behinderung. Ein FSJler erzählt von seinem Jahr in einer Einrichtung für Behinderte.

Ein Jahr lang hat Moritz Thiel in der Tagesförderstätte der Göttinger Werkstätten in Gimte gearbeitet. Während seines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) hatte er zum ersten Mal Kontakt mit schwerbehinderten Personen.

„Es war mir wichtig, nicht von Schulbank zu Schulbank zu gehen“, sagt der 19-Jährige. Deshalb habe er sich für ein FSJ entschieden, wie viele andere in seinem Jahrgang auch.

Ziel des FSJ bei den Göttinger Werkstätten, so Betriebsstättenleiter Matthias Scholz, ist, dass junge Menschen erste Erfahrungen im Beruf und mit behinderten Menschen sammeln. „Unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit, behinderte Menschen zu inkludieren. Weil sie nicht mit der Andersartigkeit dieser Personen zurechtkommt. Alles ist auf Leistung getrimmt. Menschen mit Behinderung zu unterstützen kostet aber Geld.“FSJler lernten, mit dieser Andersartigkeit umzugehen, und dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt Leben können. „Die jungen Menschen kommen direkt aus der Schule, ohne Arbeitserfahrung, und wachsen unwahrscheinlich in ihrer Persönlichkeit.“

Das hat auch Moritz Thiel feststellen können. „Ich habe gearbeitet, gelernt, wie ein Betrieb funktioniert.“ Sein Tag beginnt um 7.30 Uhr. Zwei Erzieher und ein FSJler betreuen zehn geistig und teils körperlich behinderte Personen im Alter von 27 bis 61 Jahren. Vormittags stehen zumeist Aufträge der Göttinger Werkstätten an. „Meine Aufgabe ist es, die Beschäftigten in ihrer Arbeit anzuleiten, zu unterstützen und zu begleiten.“ Nachmittags steht basteln, spielen, kochen, backen oder spazieren gehen auf dem Programm.

Auch leichte pflegerische Tätigkeiten, wie die Begleitung zur Toilette oder Essen anreichen, gehören zu den Aufgaben des Freiwilligendienstlers. „Das ist mir zunächst schwergefallen“, gesteht Moritz Thiel. Doch mit Unterstützung seiner Anleiterin Elvira Rein habe er auch das gelernt. Die Kommunikation sei eine weitere Herausforderung gewesen. 

Erzieherin Elvira Rein hat in ihren 14 Jahren in der Tagesförderstätte beobachtet, dass es besonders Abiturienten zunächst schwerfällt, sich in leichter Sprache auszudrücken, sagt sie. „Ich habe gelernt, mich auf Augenhöhe zu begeben, meine Sprache an mein Gegenüber anzupassen“, so Moritz Thiel. Kommunikation und Konfliktlösung gehörten zu seinen wichtigsten Lernerfahrungen. Um 15.30 Uhr ist der Tag in der Förderstätte beendet. Bis Ende August wird Moritz Thiel noch in Gimte tätig sein. Dann will er ein Mathestudium beginnen. Auch wenn er eine naturwissenschaftliche Laufbahn anstrebt, seien die sozialen und pädagogischen Kompetenzen, die er sammeln konnte, Erfahrungen fürs Leben.

Information: Die neue FSJ-Stelle ab dem 1. September in der Tagesförderstätte ist noch nicht besetzt. Interessierte wenden sich an Matthias Scholz, Tel. 0 55 41 /98 66 10, E-Mail: m.scholz@goe-we.de.

Die Göttinger Werkstätten

Die Göttinger Werkstätten sind eine gemeinnützige GmbH, die 1973 gegründet wurde. Ziel der Einrichtung ist es laut eigenen Angaben, behinderte Menschen beruflich zu integrieren und sozial zu fördern. Aktuell werden fast 700 Menschen mit Behinderung in den Werkstätten beschäftigt, 150 davon in Gimte. Hinzu kommen 300 Angestellte, in Gimte sind es 34. Die Werkstätten sind in drei Zweige unterteilt: den Arbeitsbereich, den Berufsbildungsbereich und die Tagesförderstätte. Zu den Dienstleistungen der Werkstätten gehören zum Beispiel Holz- und Metallbearbeitung, Industrie- und Elektromontage, Verpackung und Versand oder Textilverarbeitung. Die Arbeit soll unter anderem die Leistungs- und Erwerbsfähigkeit der Beschäftigten fördern, zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen und die Beschäftigung des Personenkreises sicherstellen. Die Tagesförderstätte betreut Menschen, die die Voraussetzungen für eine Beschäftigung in der Werkstatt nicht erfüllen. Allen Beschäftigten ist es jedoch möglich, zwischen den Angeboten zu wechseln.

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