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Kommunen und Protest in Hann. Münden: Als die Jugend politisch war

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Von: Thomas Schlenz

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Erlebte die politisierten 70er Jahre in Münden: Karl Hermann Amthauer.
Erlebte die politisierten 70er Jahre in Münden: Karl Hermann Amthauer. © Thomas Schlenz

Karl Hermann Amthauer erlebte die „Wilden 70er“ in Hann. Münden. In der kleinen Dreiflüssestadt gab es eine Kommune, Protest und Aufbegehren gegen das System.

Hann. Münden – Studentenunruhen, Demonstrationen, Kundgebungen: Was viele mit den 1960er und -70er Jahren in den Universitätsstädten in Verbindung bringen, hat der aus Witzenhausen stammende Karl Hermann Amthauer als junger Zivildienstleistender, der nach seinem Studium in Göttingen bis zur Pensionierung als Lehrer arbeitete und mittlerweile im Rheinland lebt, in der Dreiflüssestadt erlebt. Darüber hat er unserer Zeitung berichtet.

Hann. Münden: Kommunen, Sozialismus und Protest

Etwa ab 1973 habe sich in Hann. Münden so etwas wie eine politisch alternative Szene etabliert, die sich aus verschiedenen Milieus zusammengesetzt habe: der Gewerkschaftsjugend, der sogenannten alternativen autonomen Szene, Jusos und einem Kreis engagierter Schülerinnen und Schüler. Kristallisationspunkt dieser Bewegung sei dabei der gemeinsame Einsatz für die Errichtung eines selbstverwalteten Jugendzentrums in geeigneten Räumen gewesen, so Amthauer.

Es habe damals Verhandlungen mit der Stadt gegeben, die – nachdem als Provisorium Räume am Werraweg zur Nutzung zur Verfügung gestellt worden seien – den Prozess zunächst herausgezögert habe. Daraufhin habe die Jugendbewegung für ein unabhängiges Jugendzentrum in den Räumen des Lyzeums oder der Forstlichen Fakultät demonstriert.

„Als wichtiges organisatorisches Zentrum fungierte eine von den damaligen Akteuren als Kommune deklarierte Gruppe, die am Kattenbühl die erste Wohngemeinschaft in Hann. Münden begründete“, berichtet Amthauer. Zur damaligen Zeit war er Zivildienstleistender, erklärt der Witzenhäuser. Eine Kommune sei damals noch unüblich gewesen und man habe sich verdächtig gemacht.

Hann. Münden: Polizei kontrollierte die Kommune

„Nach einem Monat kam die Polizei ins Haus, um zu kontrollieren, ob die Bewohner und Bewohnerinnen aus geordneten Verhältnissen kommen“, so Amthauer.

Das sei aber der Fall gewesen, da einer von ihnen beispielsweise der Sohn eines Landtagsabgeordneten gewesen sei. „Dort wohnten ein Gymnasiast, eine angehende Studentin, zwei ehemalige Zivis, ein Lehrling und eine Erzieherin in einer Gemeinschaft“, so Amthauer.

Nach einem Monat kam die Polizei ins Haus, um zu kontrollieren, ob die Bewohner und Bewohnerinnen aus geordneten Verhältnissen kommen

Karl Hermann Amthauer 

Getreu dem Motto „Das Private ist politisch“ sei das Ideal, ähnlich der bekannten Berliner Kommune Eins, gewesen, Politik und Leben zu verbinden. „Man las und diskutierte die Texte der Berliner Kommune Eins“, erklärt Amthauer.

Die Bewohner hätten aktiv in der Verwaltung des Jugendzentrums mitgearbeitet und wichtige Impulse gesetzt. „Es gab Diskussionen, Filme wurden gezeigt“, beschreibt Amthauer. Freundlich und völlig problemlos sei der Kontakt zu anderen Jugendgruppen, etwa den „Rockern“ gewesen, die regelmäßig das Jugendzentrum besucht hätten. Für einige der Bewohner habe diese Lebensphase mit dem Beginn des Studiums geendet. Auch habe die Stadt Münden dann für eine Unterkunft gesorgt, die den Vorstellungen der damaligen Politiker nach Ordnung mehr entsprochen habe, so Amthauer.

Ziel: Bürger in Hann. Münden für linke Politik gewinnen

Der Versuch, die Mündener Bürger für linke Politik zu gewinnen, sei erst später gekommen, als eine kommunistisch orientierte Gruppe aus Göttingen das Potenzial der SPD-geführten Stadt Münden entdeckt habe. Regelmäßig habe es Stände in der Stadt gegeben. In diese Zeit fiel laut Amthauer auch eine Protestaktion linker Gruppen am damaligen Gymnasium gegen drei Lehrer, die man aus heutiger Sicht als rechts oder völkisch bezeichnen würde, so Amthauer. Aus diesen Erlebnissen und Erfahrungen habe er die Inspiration für einen Text bekommen, den er selbst in einer Schreibwerkstatt verfasst habe , so Amthauer.

Demonstration am Mündener Gymnasium aus Amthauers Sicht

Den folgenden Text hat Klaus Amthauer über die Ereignisse am Mündener Gymnasium in den 1970er-Jahren verfasst:

„[...] Es war in den 70er Jahren. Studenten aus der nahen Universitätsstadt Göttingen standen samstags hinter Büchertischen, auf denen rote Bücher und anderes Klassenkämpferisches auslagen, riefen Parolen aus einer Zeitung unter die Passanten, sprachen die Vorbeigehenden an.

Das hatte die Kleinstadt, obwohl seit Langem sozialdemokratisch regiert, noch nicht erlebt. Heftige Diskussionen entspannen sich, gerieten auch zu Schreiereien unter den Beteiligten. Die im Auftrag der Partei in alten Käfern angereisten jungen Revolutionäre waren geschult in den Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus. Es fehlte ihnen allerdings die in solchen Situationen nötige Standhaftigkeit; die gab ihnen Klaus (Name vom Autor geändert), der es als ortsansässiger Nichtakademiker verstand, nur diejenigen anzusprechen, die empfänglich für die Botschaften waren – und das waren gar nicht wenige.

Bei diesen wöchentlichen Auftritten sollte es nicht bleiben. Es galt, vom Denken zum Handeln zu kommen, diese Maxime stand doch schon in der 11. Feuerbachthese. Seit zwei Jahren hatte sich in Person von drei Obenstudienräten am kleinstädtischen Gymnasium ein Geist ausgebreitet, der von der Gruppe schnell als faschistisch oder zumindest faschistoid gebrandmarkt wurde und den es zu bekämpfen galt. Klaus, der die studentischen „Genossen“ einzuschwören hatte und sich in vielen Aktionen als unersättlicher Draufgänger dieser verkopften Avantgarde erwiesen hatte, war klar, dass etwas Spektakuläres zu geschehen hatte. Er fasste das Ergebnis in dem Satz zusammen. Das machen wir dicht.

Noch in der Nacht wurden alle Vorbereitungen getroffen und Arbeiten erledigt, die das Gelingen dieser antifaschistischen Manifestation garantieren sollte. Es gab Schmieresteher, diejenigen, die den Fluchtweg bereithielten, die Arbeiter nahe am Objekt. Und als am kommenden Morgen die 1000 Schüler und ihre Lehrerinnen und Lehrer die Treppen zum Schulgebäude emporstiegen, staunten sie. Kein Blick fiel mehr in die Klassenzimmer, die Büros, die Lehrerzimmer; überall nur Plakate – Plakate und Parolen, mit denen alle Glasflächen beklebt waren,, Rot auf Glas auf Braun.

Nur wenige stellten eine Verbindung zum Geschehen an der Schule her. Aber dafür war ja der Samstag am Stand da. Und es war Leidenschaft, die pure Leidenschaft.“ (Thomas Schlenz)

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