1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hann. Münden
  4. Hann. Münden

Bomben treffen Hann. Münden: Opfer in der Böttcherstraße

Erstellt:

Kommentare

Verhängnisvoller Bombeneinschlag zwischen den Häusern Böttcherstraße 2 (damals Krüger, rechts) und 4 (Stöckel), dokumentiert aus dem Verwaltungsgebäude Böttcherstraße. Heute sind die Gebäude in ihrer alten Form aufgebaut.
Verhängnisvoller Bombeneinschlag zwischen den Häusern Böttcherstraße 2 (damals Krüger, rechts) und 4 (Stöckel), dokumentiert aus dem Verwaltungsgebäude Böttcherstraße. Heute sind die Gebäude in ihrer alten Form aufgebaut. © Stadtarchiv Hann. Münden/Repro: Stefan Schäfer

Krieg ist und bleibt schrecklich. Auch Hann. Münden wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen. Eine Spurensuche vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine.

Hann. Münden – Die Bilder des Krieges in der Ukraine lösen auch Fragen und beklemmende Erinnerungen bei den Nutzern des Stadtarchivs aus, in denen verhängnisvolle Ereignisse des Zweiten Weltkrieges eine Rolle spielten. Teilweise kann man sehr detailliert antworten, dann wiederum nicht. Es sind bisweilen die Enkel, die Fragen stellen.

Hann. Münden: Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg

Oft sind nur noch rudimentäre Kenntnisse aus den Erzählungen in den Familien vorhanden. Eine Anfrage betraf Ewald Eissing. Ende März 1944 zog das Ehepaar Ewald und Charlotte Eissing von Köln nach Münden. Als Beweggrund kann die wachsende Unbewohnbarkeit der Stadt Köln vermutet werden. Köln verwandelte sich mehr und mehr zu einer Trümmerwüste, nachdem am 31. Mai 1942 die britische Luftwaffe die Stadt mit über 1000 Bombern im Rahmen der „Operation Millenium“ angegriffen hatte.

Das Ehepaar fand Aufnahme im Haus der Familie Stöckel, dem Schwager von Charlotte Eissing, in der Böttcherstraße 4. Der Bombenkrieg sollte sie hier am 30. März 1945 einholen. US-Amerikanische Bomber warfen aus großer Höhe ihre tödliche Last ab. Der eine Zielpunkt war die Gneisenaukaserne im Gimter Feld, der Andere, der Bahnhof, vor allem um die Bewegungsmöglichkeiten der zurückflutenden Wehrmacht einzugrenzen.

In beiden Fällen lag der Bombenteppich weit um das Zielgebiet zerstreut, sodass es viele zivile Opfer gab. Eine bedeutende zeitgeschichtliche Quelle ist die Chronik der katholischen Gemeinde, die Pfarrer Lothar Grebe schrieb. Hier ein Auszug: „… ich erwachte erst kurz vor 3 Uhr aus dem Mittagsschlaf durch Voralarm. Motorengebrumm näherte sich schnell und entfernte Detonationen ließen mich auffahren. Ich stürzte die Treppe herab. Ich geriet im Parterre in einen Knäul von Menschen. „Hinlegen“ rief ich, als ich das Heulen der Bomben hörte. Explosionen in der Nähe, einen Augenblick Ruhe. Alles stürzt in den Keller. Neue Anflüge. Ich stehe am Kelleraufgang als Erster. Explosionen. Krachen in nächster Nähe, dann umgibt uns gelber, leuchtender Staub. […] Unmittelbar vor dem Haus lagen 5 oder 6 Leichen, furchtbar verstümmelt. Aus einer klaffenden Lücke des benachbarten Krügerschen Hauses im 2. Stock quollen Staubwolken. Im Nebenhaus [Böttcherstraße 4] sollen Tote und Verwundete sein. Ich lief in das nur durch Luftdruck beschädigte Landratsamt [heute: Stadtverwaltung] und sah, dass die ganze Böttcherstraße zerstört war. Dann brachten wir den alten Gewerberat Stöckel in unseren Keller, seine Frau bargen wir tot, auch deren herzensguten Schwager, Studienrat Eissing, mit dem ich so manchen Abend zusammengesessen, wühlten wir aus den Trümmern, seine leidende Frau hatte Schnittwunden im Gesicht, den Arm gebrochen usw.“

Opfer in der Böttcherstraße in Hann. Münden

Die Nachfahren der Familie Eissing berichteten, dass der Sessel, die Pfeife und die Zeitung unversehrt am Platze lagen, den er beim Alarm verlassen hatte. Eine Sprengbombe detonierte zwischen den Gebäuden Böttcherstraße 2 und 4 und drückte Teile der Kellerwände ein. Pfarrer Grebe: „Die übrigen meist älteren, besseren Pensionäre waren teils tot, 12 in diesem Haus, teils hilflos und fassungslos, wie Kinder.“

Etwa eine Woche später besetzten amerikanische Streitkräfte die Stadt nach Kampfhandlungen. Die Stadt versank im Chaos. Die durch die Brückensprengungen an unterschiedlichen Plätzen Notbestatteten wurden später, sofern sie nicht in Familiengrabstätten umgebettet wurden, auf einem Ehrenfeld auf dem Friedhof Neumünden bestattet. Neben Namensplatten erinnert eine Stele an die 154 bestatteten Personen aus den letzten Kriegstagen, so auch an Ewald Eissing.

Ein weiteres Schicksal konnte nur teilweise geklärt werden. Im heutigen Hause Beethovenstraße 6 lebte der über zwei Jahrzehnte in Münden praktizierende Hausarzt Dr. Otto Grahl mit seiner Ehefrau Hildegard. Lediglich die Einwohnermeldekarte vermerkt den Tod des Ehepaares mit Datum vom 05.04.1945. Eine Sterbeurkunde oder eine Bestattung lassen sich hier nicht nachweisen. Für die Angehörigen ist bis heute ungewiss, was aus dem Ehepaar geworden ist. (Stefan Schäfer)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion