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Wegen Kündigung der Räume: Kinderarzt muss seine Praxis schließen

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Von: Christian Mühlhausen

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Letzte Aufräumarbeiten. Über 28 Jahre lang hat er die Kinderarztpraxis Am Entenbusch 68 betrieben, seit einigen Tagen ist damit Schluss.
Letzte Aufräumarbeiten. Über 28 Jahre lang hat er die Kinderarztpraxis Am Entenbusch 68 betrieben, seit einigen Tagen ist damit Schluss. © Christian Mühlhausen

Dr. Manfred Boltze schließt nach über 28 Jahren seine Praxis. Seine Räume wurden fristlos gekündigt. Gerne hätte er die 30 Jahre noch voll gemacht.

Hann. Münden – Die Möbel und Laboreinrichtungen sind weg, das Wartezimmer verwaist, die letzten Löcher in der Wand werden gerade noch zugespachtelt – von Dr. Manfred Boltze selbst. Über 28 Jahre lang hat er die Kinderarztpraxis Am Entenbusch 68 in Hann. Münden betrieben, seit einigen Tagen ist Schluss. Die Praxis ist Vergangenheit.

Der im Hann. Mündener Umland und weit darüber hinaus bekannte Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde macht keinen Hehl daraus, dass ihm dieser Abschied schwerfällt: „Ich fühle mich fit und habe viel Freude an meiner Arbeit, ich hätte die 30 Jahre gern noch voll gemacht“, sagt er. Aber eine fristlose Kündigung der Räume durch das vermietende Unternehmen mit Sitz in Hildesheim habe diese Pläne durchkreuzt.

Hann. Münden: Neuanfang war für Dr. Boltze keine Option

Boltze konnte zwar deutlich machen, dass eine fristlose Kündigung nicht möglich sei in einem laufenden Praxisbetrieb, ab September 2021 war jedoch das Ende bereits absehbar: Er musste seinen drei Mitarbeiterinnen kündigen, er informierte seine Kunden. Über 16.000 verschiedene Patienten waren es im Laufe der knapp drei Jahrzehnte. „Ich habe in den vergangenen Jahren dann bereits Eltern bei mir in der Praxis gehabt, die ich schon betreut habe, als sie selbst noch Kinder waren.“

Noch einmal komplett neu anzufangen sei allerdings auch keine Option gewesen: „Ich bin 70 Jahre und hätte vielleicht noch fünf Jahre weiter die Praxis betrieben. Noch einmal alles neu aufzubauen macht da wenig Sinn“, sagt er und ergänzt, dass es zudem derzeit schwierig sei, eine oder einen Nachfolger für die Praxis zu finden. Auch das habe er seit sechs Jahren – also vor der Kündigung der Räume – bereits versucht, quasi als Einstieg in den Ausstieg mit einem oder einer jungen Kollegin an der Seite.

Corona hat die Situation für Berufseinsteiger deutlich erschwert und das Interesse war gering.“ Die Praxis ist nun leer, einen Teil der Einrichtung hat er an Berufskollegen abgegeben, einen weiteren Teil jedoch zusammen mit Labor- und Verbandsmaterial für die Ukraine gespendet: „Dort wird es gerade ganz besonders gebraucht.“ Die Organisation und den Transport übernimmt eine Initiative um den Mündener Verein Rock for Tolerance. Für die Patienten heißt es nun, dass sie neue Wege gehen müssen. Der Kassenarztsitz für Kinder- und Jugendheilkunde, den Dr. Boltze innehatte, wurde je hälftig aufgeteilt zwischen den Kinderärzten Frau Dr. Stengel in Hann. Münden und Dr. Gemm in der Gemeinschaftspraxis Scheden. Es entsteht also kein Betreuungs- oder Versorgungsengpass, weil ausreichend Kinderarztkapazitäten vorhanden sind. „Das ist mir persönlich sehr wichtig, denn ich mag und schätze meine Patienten, ich will mich nicht einfach so aus dem Staub machen.“

Hann. Münden wurde zu seiner Heimat - Dr. Boltzes Werdegang

Dr. Manfred Boltze, der gebürtig aus Jena stammt, kam 1958 mit seiner Familie in den Westen und zog nach Köln. In Dortmund studierte er später chemische Verfahrenstechnik, Abschluss als Diplom-Ingenieur, ehe er an der FU Berlin sein Medizinstudium aufnahm. Nach Zeiten als Doktorand mit Promotion (1989) und Assistenzarzt machte er 1992 seinen Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde. Er außerdem Arzt für Rettungsmedizin.

Auf der Suche nach einem Ort für eine Kinderarztpraxis stieß er auf Hann. Münden. Nicht nur, weil dort gerade ein Kassenarztsitz frei war, sondern auch, weil die Dreiflüssestadt mitten zwischen seiner Familie in Köln sowie seiner Schwiegermutter in Jena liegt. Am 10. Januar 1994 wurde seine Praxis eröffnet.

Im Laufe der Jahre machte sich Dr. Boltze auch einen Namen bei der Behandlung von ADHS sowie in der Allergologie und im Ultraschall. Patienten nicht nur aus dem Altkreis Münden sondern auch Hofgeismar, Kassel und dem Werra-Meißner-Kreis fanden den Weg in die Praxis. Dr. Boltze zeigte sich offen auch für pflanzliche Behandlungsmethoden: „Es muss nicht immer gleich ein Antibiotikum sein.“ Ein Dogma allerdings machte er daraus nicht; er habe stets therapiert, wenn es dringend nötig war. Die Patienten hätten diese abgestufte und austarierte Vorgehensweise honoriert.

Hann. Münden: Dr. Boltze baut ärztliche Notdienstzentrale mit auf

Ein wichtiges Kapitel in seiner Dienstzeit war auch die Geburtshilfe am früheren Vereinskrankenhaus Hann. Münden, dort wurde die Geburtshilfe am 30. Juni 2013 geschlossen. Von 1994 bis dahin hat Dr. Boltze gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Ottweiler im wöchentlichenWechsel an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag, die Neugeborenen betreut. Die Kinderärzte waren zu jeder Tages- und Nachtzeit abrufbar.

„Wenn ein Kaiserschnitt durchgeführt wurde, war einer von uns anwesend, kritische Kinder mussten intubiert und vom Kindernotarztaus Göttingen oder Kassel abgeholt werden“, berichtet er. Jedes Neugeborene wurde versorgt, wenn es Probleme oder Infektionen gab.

2005 wurde die ärztliche Notdienstzentrale eröffnet, die Dr. Boltze mit gegründet und aufgebaut hat und immer noch verwaltet. Zu seinen Besonderheiten gehörte auch, dass er die „U2“, also die zweite medizinische Untersuchung des Babys nach der klinischen Untersuchung direkt nach der Geburt, in der Regel bei den Eltern zu Hause machte. Vor allem, weil aus seiner Sicht die soziale Betreuung von frisch gebackenen Eltern für das Kind eine wichtige Rolle spiele und er dazu das Kind mit seinen Eltern in ihrem häuslichen Umfeld sehen wolle. Überhaupt endete bei ihm das Kinderarzt-Sein nicht an der Praxistür.

Dr. Boltze aus Hann. Münden: Künftig die Enkel an erster Stelle

So war er unter anderem im Frühförderteam des DRK aktiv und setzte sich für Förderbedürftige ein. Geleitet wurde er dabei auch von seiner christlichen Weltanschauung, er leistete viele Jahre Jugendarbeit für den CVJM.

Seine Funktionen als Kinderarzt hat er nunmehr allesamt abgegeben, künftig stehen bei ihm seine drei Enkel an erster Stelle – das vierte Enkelkind ist unterwegs. Auch das Fahrradfahren und Wandern wird künftig einen noch größeren Stellenwert einnehmen. Der Region will er treu bleiben, über die vergangenen drei Jahrzehnte sei Hann. Münden ihm eine neue Heimat geworden. (Christian Mühlhausen)

Ein anderer Arzt ist seit über 40 Jahren in Hann. Münden aktiv.

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