1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hann. Münden
  4. Hann. Münden

Der enttäuschende Kronprinz: Besuch für eine Stunde im Jahr 1860

Erstellt:

Von: Sarah Schnieder

Kommentare

Vater und Sohn. König Georg V. von Hannover musste 1866 sein Königreich verlassen. Ernst-August folgte seinem Vater nach Gmunden in Österreich.
Vater und Sohn. König Georg V. von Hannover musste 1866 sein Königreich verlassen. Ernst-August folgte seinem Vater nach Gmunden in Österreich. Nach dem Tod des Vaters 1878 wurde er Thronerbe, ohne je den Thron in Hannover zu besteigen, das dem Land Preußen einverleibt war. Porträt um 1862 © Repro: Bernd Schwabe/Wikipedia gemeinfrei

Ernst-August besuchte die Stadt Hann. Münden für eine Stunde. Dabei hatte sich die Oberschicht doch extra in Schale geworfen. Gefeiert wurde dann trotzdem.

Hann. Münden – Vertreter der Königshäuser dieser Welten wissen: Alles, was sie tun, wird beobachtet, berichtet und abgedruckt. Das war im 19. Jahrhundert nicht anders. Der einzige Unterschied: Damals ging es nicht um royale Skandale und was die Hochherrschaftlichen alles falsch machen. Außer einmal im Jahr 1860, als ein jugendlicher Kronprinz die Mündener schwer enttäuschte.

Hann. Münden:: Kornprinz kam 1860 für eine Stunde in die Stadt

Aber wie kam es dazu? Ernst August – seines Zeichens Kronprinz des Königreichs Hannover, Prinz von Großbritannien und Irland, Herzog von Braunschweig-Lüneburg, dritter Duke of Cumberland and Teviotdale und dritter Earl of Armagh (1845-1923) – war im Mai 1860 auf einer Eisenbahnfahrt auf der gerade erst vier Jahre zuvor fertiggestellten Strecke Hannover - Kassel mit der Hannoverschen Südbahn. Bis nach Speele hatte ihn diese Reise geführt. Auf dem Rückweg machte er am 9. Mai gegen halb 12 mittags Halt in Hann. Münden.

In freudiger Erwartung hatten die Mündener die Stadt mit Girlanden, Fahnen und Blumen dekoriert. Am Oberen Tor stand ein Schmuckbogen (eine sogenannte Ehrenpforte), Mädchen streuten Blüten, das Musikkorps des dritten Göttinger Jägerbataillons stand ebenfalls bereits. Am Bahnhof wurde der Monarchenspross von Bürgermeister Retzmann und Regierungsrat Blumenhagen (als Amtmann des damaligen Amtes Münden) in Empfang genommen. Sie geleiteten Ernst-August Richtung Stadt. Der Weg führte sie über die Straße Am Feuerteich (damals die Bahnhofstraße) zum Oberen Tor, wo er von einem „donnernden Hurrah“ des Musikkorps willkommen geheißen wurde.

Zug für die Abreise stand am Questenberg schon bereit

Weiter ging es über die Lange Straße Richtung Werrabrücke. Zahlreiche Mündener kamen, um den jungen Thronfolger zu sehen. „Aus den Fenstern der Häuser winkten ihm die Damen mit Tüchern ihre Grüße zu, die er freundlich erwiderte“, hieß es dazu in der Presse. Die Prunkstücke St. Blasii, Rathaus und Welfenschloss (damals noch als Lagerhaus genutzt) konnten das Interesse des Prinzen aber kaum wecken. Stattdessen sputete er sich: Auf dem Questenberg stand der Zug für Ernst Augusts Abreise schon bereit.

Keine ganze Stunde war er in Münden zu Gast gewesen. Was der 14-jährige Prinz wahrscheinlich nicht wusste: Im seinerzeit beliebten Lokal Andree’s Berggarten am Blümer Hang hatte Mündens Elite im „schön und geschmackvoll decorirten Pavillon“ zum Essen geladen.

Die feine Gesellschaft wollte sich die Enttäuschung aber wohl nicht anmerken lassen und feierte dennoch den Kurzbesuch des Prinzen – nur eben ohne ihn.

Hann. Münden: Gefeiert wurde dann aber trotzdem

Man aß und trank auf das Wohl der Hannoverschen Königsfamilie um König Georg V. und Königin Marie. Am Abend wurde zur Feier des Tages schließlich sogar noch zum Ball geladen. Alles zu Ehren des – im wahrsten Sinne des Wortes – Kurzbesuchs des Kronprinzen Ernst-August.

Eindruck hat er dennoch gemacht, es hat schließlich nur knapp eine Stunde gereicht, um „bei uns durch sein leutselig und freundlich liebliches Benehmen die Herzen aller Einwohner“ zu erobern. (Sarah Schnieder)

Das Historische Rathaus in Hann. Münden war schon in den 1880er-Jahren ein Fall für den Denkmalschutz. Und: Die tragische Geschichte eines Mündener Original.

Auch interessant

Kommentare