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Lohgruben gehörten zum Stadtbild in Hann. Münden - Bauarbeiten legen Fund frei

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Ausgrabungen auf Gelände Jerrentrup: Mitarbeiter der Firma Kirchner aus Hann. Münden haben eine der Lohgruben freigelegt.
Ausgrabungen auf Gelände Jerrentrup: Mitarbeiter der Firma Kirchner aus Hann. Münden haben eine der Lohgruben freigelegt. © Hannah Kölln

Bauarbeiten in Hann. Münden legen historische Lohgruben frei. In der Stadt hat das Ledergewerbe eine lange Tradition. Doch das stank, sprichwörtlich, zum Himmel. Auch Brände gab es immer wieder.

Hann. Münden – Bevor aus Tierhäuten Leder wird, ist eine Menge Arbeit zu erledigen. Dieses geschah in der Lohgerberei. Zunächst wurden die Felle nach der Schlachtung eingesalzen und so konserviert. Salz- und Schmutzteile mussten zuerst ausgewaschen werden. Das geschah anfangs an den Flüssen und sprichwörtlich konnten so einem die Felle davonschwimmen. Anschließend kamen die Felle in das Äscherbecken. Einst Pottasche, später Schwefelnatrium und Kalk, führten zum Aufquellen der Haut und ermöglichten die Entfernung der Haare mit dem Scherdegen.

Hann. Münden: Von den Lohgruben zum industriellen Betrieb

Besondere Haare wurden an Polsterer sowie Bürsten- und Pinselmacher weiterverkauft. Anschließend wurde die Fettseite auf dem Scherbaum abgeschabt. Sorgten die Gerber nicht für den sofortigen Abtransport der Abfälle, breitete sich ein unerträglicher Gestank aus. Enthaarungs- und Entfleischungsmaschinen sowie Trommel- und Bewegungsbäder verkürzten den Produktionsprozess später erheblich. Anschließend wurde die Haut in Oberleder und Unterleder gespalten.

Die Lohstraße 11 im März 1988, der heute dort liegende Platz war ursprünglich bis auf einen engen Hof vollständig überbaut. Hier konnten sich die 36 Bewohner nur mit größter Not vor dem Feuer des Jahres 1924 retten.
Die Lohstraße 11 im März 1988, der heute dort liegende Platz war ursprünglich bis auf einen engen Hof vollständig überbaut. Hier konnten sich die 36 Bewohner nur mit größter Not vor dem Feuer des Jahres 1924 retten. © Repro: Stefan Schäfer

Nun beginnt die eigentliche Gerbung. Über Stangen wurden die Häute vollständig in die Gerbbrühe eingelegt und regelmäßig gewendet. Der Gerbstoff aus Eichenrinde wurde in der Lohmühle an der Werra zerkleinert und dem Wasser der Lohgrube zugegeben. Früher mussten die Häute teilweise bis zu einem Jahr dort verbleiben, anschließend erfolgte eine Beizung mit Vogelkot oder Urin, um die Gerbstoffe auszuschwämmen. Die anschließende Nachgerbung diente einer gleichmäßigen Färbung und Konservierung. In einer Trommel wurden die Lederstücke in warmem Wasser gewalkt, wenn das Leder geschmeidig aufbereitet werden sollte. Dann erfolgte dann das Trocknen und Zurichten des Leders.

Immer wieder Brände in der Stadt „Es brennt bei Haase!“

Zweifelsohne eine in vielerlei Hinsicht anstrengende und nach heutigen Gesichtspunkten unvorstellbare Arbeit. 1730 arbeiteten in Münden neun Lohgerbermeister. Den Sprung in das Industriezeitalter schafften die Gebrüder Wentzler in der Siebenturmstraße, sowie Gustav Becker und Friedrich Haase jeweils in der Lohstraße. Der 1844 in Münden geborene Lohgerbermeister Friedrich Haase erweiterte sein Unternehmen ab 1873 vom Handwerks- zum Industriebetrieb. Am 13. März 1880 läutete gegen 1 Uhr morgens die Feuerglocke von St. Blasii. „Es brennt bei Haase!“ Trockene Eichenlohe feuerte die Flammen an. Zwei Häuser und weitere Nebengebäude gingen verloren. Haase kaufte ein beschädigtes Nachbarhaus und ließ eine erweiterte Produktionsstätte in Ziegelbauweise entstehen.

1921 war der 1879 geborene Sohn Georg Haase an der Seite seines Vaters in das Unternehmen eingestiegen. Er beantragte den Einbau einer Dampfkesselanlage. Am 9. September 1924 brach in den frühen Morgenstunden erneut ein Feuer aus, zunächst im Kesselhaus. Statt des Turmwächters, der war zu dem Zeitpunkt abgeschafft, bemerkte eine stillende Mutter in der Kiesau das Feuer. Ihre Wachsamkeit rettete Leben. Denn aus den Hintergebäuden konnten, sechs Familien mit insgesamt 36 Personen fliehen. Das Mündener Tageblatt berichtete, anders als die Mündenschen Nachrichten, die die Schäden der Fabrik schilderten, über die Lebensverhältnisse der Anwohner:

Bauarbeiten in Hann. Münden legen alte Lohgruben frei

„Viel verloren ist allerdings in diesen Wohnungen nicht, denn ihr Zustand spottete jeglicher Beschreibung. So hausten drei Familien in einen licht- und luftlosen Anwesen, daß zur Gerberei mitgehörte, wobei festzustellen ist, daß von den drei Räumen, die von der siebenköpfigen Familie Hartmann bewohnt waren, dass sie, kaum zwei bis drei Meter im Quadrat messend, nur nötigsten Hausgerät aufnehmen konnten. Trotzdem soll Lohgerber Hartmann pflichtgetreu erst zur Rettung der Gerberei geeilt sein um dann erst nur noch geringe Teile seiner Habe zu retten.“

Nach Aufbau der Fabrik lief die Produktion 1925 wieder an, um letztlich 1952 der Betriebsstilllegung entgegenzusehen. 1990 wurden die Häuser nebst Hintergebäuden abgerissen. Die drei jetzt in der Baulücke ausgebaggerten Reste dreier Lohgruben erinnerten an eine Zeit, die sich niemand für Münden zurückwünscht. (Stefan Schäfer)

Baufirma informierte Stadt über Fund

Mit den Arbeiten auf dem Gelände der Praxis Jerrentrup ist die Baufirma Kirchner aus Hann. Münden betreut.
Mitarbeiter der Firma sind bereits seit einer Woche mit den Arbeiten auf dem Gelände beschäftigt. Am Dienstagvormittag machten sie dann den ungewöhnlichen Fund.
„Als wir entdeckten, was da unter der Erde liegt, haben wir sofort die Stadt informiert“, sagt Mitarbeiter Ralf Franklin. Die wiederum habe die Archäologen hinzugezogen. „Gemeinsam haben wir dann den Bereich freigelegt“, sagt Franklin.

Insgesamt drei Kisten hätten sie aus dem freigelegten Bereich rausgeholt. „Das hat ordentlich gestunken. Die Leute in den umliegenden Wohnungen haben sofort ihre Fenster verschlossen“, sagt Franklin. Die Arbeiten der Archäologen seien am Dienstagnachmittag abgeschlossen gewesen. Am Mittwochvormittag wurde die Grube dann wieder zugeschüttet.

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