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Mündener berichtet: Noch keine Normalität im Ahrtal in Sicht

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Von: Jens Döll

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Eine Straße im Ort Kreuzberg, einem Ortsteil der Gemeinde Altenahr. Selbst nach fast einem Jahr nach der Flut sind die Spuren noch deutlich zu erkennen.
Eine Straße im Ort Kreuzberg, einem Ortsteil der Gemeinde Altenahr. Selbst nach fast einem Jahr nach der Flut sind die Spuren noch deutlich zu erkennen. © Ute Assion

Im Juli 2021 änderte sich das Leben von vielen Menschen im Ahrtal und anderen Regionen Westdeutschlands drastisch. Tobias Roselieb hilft nun seit fast einem Jahr

Hann. Münden/Kreuzberg –Zahlreiche Freiwillige machten sich auf den Weg, um zu helfen, darunter auch Tobias Roselieb aus Wiershausen. Der Garten- und Landschaftsbauer war seit dem oft im Örtchen Kreuzberg im Ahrtal. Er hat die Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau begleitet, ist vor Ort gut vernetzt. In seinem heimischen Garten berichtet er von seinen Touren, bei denen er Baustoffe in das Gebiet bringt. Am Telefon hat er Jörg Pöstges. Ihn hat Roselieb vor Ort kennengelernt, er ist selbst Betroffener.

Hann. Münden: Tobias Roselieb hilft im Ahrtal

Pöstges berichtet von der Flutnacht, wie er und seine Frau Möbelstücke und ihr Hab und Gut in den ersten Stock gerettet haben. „Wir sind für jeden dankbar, der kommt“, sagt er. Das helfe, um nicht vergessen zu werden. Über seine Situation, fast ein Jahr nach der Flut, sagt er: „Man kriegt das gebacken, wir sehen ein Ziel“.

Helfer: Marion und Tobias Roselieb bei einem ihrer Einsätze in Kreuzberg.
Helfer: Marion und Tobias Roselieb bei einem ihrer Einsätze in Kreuzberg. © Tobias Roselieb

Das treffe natürlich nicht auf alle Betroffenen in Kreuzberg zu. „Man bekommt zwar 80 Prozent Wiederaufbauhilfe, aber 20 Prozent muss man selbst stemmen“, so Pöstges. Viele alte Leute würden aber keinen Kredit mehr bekommen, da selbst 20 Prozent schnell mehrere Zehntausende Euro seien.

Zudem sei das Geld an den Wiederaufbau gekoppelt. Allerdings wollen nicht alle in ihren Häusern wohnen bleiben, die Angst sei bei vielen groß, dass sich solche Katastrophen wieder ereignen können. Auch verstörende Erinnerungen an die Flutnacht spielen eine Rolle.

Nach der Flut lebte Pöstges in Bonn in der leer stehenden Wohnung einer Arbeitskollegin, danach in einer Ferienwohnung. „Wir sagten dann: Sobald wir wieder Wasser haben, kehren wir in unser Haus zurück“, berichtet er am Telefon. In zwei Kinderzimmern, auf etwa 30 Quadratmetern, haben er und seine Frau sich eingerichtet. „Man lebt, die Grundbedürfnisse sind gestillt“, so Pöstges. „Ich will aber nicht motzen“, fügt er hinzu.

Manche versuchen Leistungen zu erschwindeln

Schlimm sei es, dass manche die Not vor Ort ausnutzen. So haben immer wieder Leute versucht, Leistungen zu erschleichen. Das seien natürlich Einzelfälle, trotzdem sorgten sie für „böses Blut“ im Ort. „Das wird die Dorfgemeinschaft noch Jahrzehnte beschäftigen, man sieht das wahre Gesicht der Menschen“, sagt er.

An den Schlammspuren kann man sehen, wie hoch das Wasser stand.
An den Schlammspuren kann man sehen, wie hoch das Wasser stand. © Doris Pöstges

So hätten beispielsweise Einwohner, die versichert sind, versucht, Leistungen in Anspruch zu nehmen, die für Nichtversicherte vorgesehen seien. Mittlerweile verlangen ehrenamtliche Handwerker zum Teil eine eidesstattliche Versicherung. Ein anderes Extrem sei, dass manche wiederum die Hilfe nicht annehmen wollen. Von einem solchen Fall berichtet auch Roselieb. Ein Mann wollte ihm Geld zustecken, für die Baustoffe, die er ihm geliefert hat.

Momentan herrsche in der Region der Widerspruch, dass die Landesregierung langsam eine Rückkehr zur Normalität verkünde, während diese für viele Menschen noch weit weg ist. Zwar sei viel aufgeräumt, Straßen wieder passierbar und auch die Bahn fahre. Trotzdem sitzen die Wunden noch tief. Zudem warten viele Betroffene noch auf Gutachten. Die Wirtschaft soll wieder angekurbelt werden und die Gratisabgabe von Lebensmitteln und Benzin soll immer mehr zurückgefahren werden. „Ich sehe bis Ende des Jahres keine Normalität“, sagt Pöstges.

Kreuzberg im Ahrtal: In dem kleinen Ort wurden 85 Prozent der Häuser beschädigt. Manche müssen nun abgerissen werden.
Kreuzberg im Ahrtal: In dem kleinen Ort wurden 85 Prozent der Häuser beschädigt. Manche müssen nun abgerissen werden. Das Foto entstand wenige Wochen nach der Katastrophe im Sommer 2021. (Archivbild) © Tobias Roselieb

Helfer und Spenden werden weiter im Ahrtal benötigt

Zudem, so rufen Pöstges und Roselieb ins Gedächtnis, gebe es andere Orte, die auch stark betroffen waren, aber nicht so sehr im Fokus standen wie das Ahrtal. „Wir merken, dass nur noch der harte Kern an Helfern da ist.“ Roselieb war im Jahr 2021 zehnmal in Kreuzberg.

Insgesamt sei er bis jetzt 15- bis 16-mal in der Region gewesen. Am Anfang alle zwei Wochen, nun habe er seinen Rhythmus in alle drei bis vier Wochen geändert. „Ich merke die hohen Spritpreise“, sagt er. Trotzdem möchte er weiter helfen, er hat mittlerweile viele Kontakte in den kleinen Ort. „Wir möchten im Gedächtnis bleiben“, sagt Pöstges. Auf der Internetseite der Gemeinde sind Infos zu dem Spendenkonto der Ortschaft.

Kooperation mit Baustoffhandel ebsteht weiter

Tobias Roselieb aus Wiershausen hat eine Kooperation mit dem BHG Baumarkt in Hann. Münden. Mit dem Verwendungszweck „Spende Ahrtal“ kann man dort Baumaterial erwerben, das Roselieb dann ins Ahrtal bringt. Zudem kann auch Bargeld im Markt dafür gespendet werden und auf ein Konto der Sparkasse Göttingen (DE45 2605 0001 0000 0893 -83; Verwendungszweck: Spende Ahrtal KDNr. 133621). Im Frühjahr brannte es in der Mündener Filiale des Baustoffhandels. „Der BHG Markt in Göttingen ist dann eingesprungen“, berichtet der Garten- und Landschaftsbauer. Zur Not wäre auch der Markt in Kassel eingesprungen. In Kreuzberg hat Roselieb ein Lager aufgebaut. Zudem wirbt er für Handwerker, die ins Ahrtal kommen und helfen. „Das kann zu ganz normalen Preisen geschehen“, sagt er. Vor Ort herrscht, wie in vielen Regionen des Landes, mittlerweile Handwerkermangel. Viele Häuser gleichen noch Rohbauten.

Über den Winter seien viele mit Holz-, Gas- und Elektroheizgeräten gekommen, die auch gespendet wurden. „Mir wurde auch ein Hänger Brennholz vorbeigebracht, den ich mit nach Kreuzberg genommen habe“, berichtet Roselieb. Wer sich an der Spendenaktion beteiligen möchte, in der Region helfen oder Helfer vermitteln möchte, kann sich bei Tobias Roselieb melden. (Jens Döll)

Auch Knut Katzwinkel hat im Ahrtal geholfen. Was er erlebt hat, hat er unserer Zeitung geschildert.

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