Farbverbot in Tattoo-Studios

„Unangenehmer Schwebezustand“: Tätowiererin kritisiert EU-Regel für Tattoo-Farben

Seit Anfang des Monats hat die EU alle bisherigen Tattoo-Farben verboten. Die Europäische Chemikalienagentur glaubt, sie seien schädlich. Tätowiererin Sarah Howind aus Hann. Münden muss nun auf Ersatz-Farben zurückgreifen.
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Seit Anfang des Monats hat die EU alle bisherigen Tattoo-Farben verboten. Die Europäische Chemikalienagentur glaubt, sie seien schädlich. Tätowiererin Sarah Howind aus Hann. Münden muss nun auf Ersatz-Farben zurückgreifen.

Laut einer Umfrage hat jeder fünfte Mensch in Deutschland ein Tattoo. Das Farbverbot der EU führt nun zu Problemen. Eine Tätowiererin aus Hann. Münden berichtet.

Hann. Münden – Für Sarah Howind und ihr Mündener Tattoo-Studio „Golden Monkey Tattoo Parlour“ hat sich Anfang des Jahres etwas geändert. Seit dem 4. Januar gibt es eine neue EU-Verordnung (die REACH-Verordnung), die bestimmte Chemikalien, Konservierungs- und Bindemittel in den Tattoo-Farben verbietet.

Das heißt: Die Farben, die sie bisher immer benutzt hat, darf sie ab jetzt nicht mehr verwenden. Sogar der Besitz ist verboten.

Neues Farbverbot der EU: Tattoo-Studios bekommen teurere Ersatzprodukte

Laut Europäischer Chemikalienagentur (ECHA) würden die Farben „gefährliche Stoffe enthalten, die Hautallergien und andere schwerwiegendere Auswirkungen auf die Gesundheit wie genetische Mutationen und Krebs verursachen.“ Farbpigmente könnten über die Haut zudem in verschiedene Organe wie Lymphknoten und Leber gelangen. Ab 2023 sollen dann sogar die beiden Pigmente Blau und Grün verboten werden.

Mehr als jeder fünfte Mensch in Deutschland ist laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos mindestens einmal tätowiert. Gerade farbige Tattoos sind bei vielen Menschen sehr beliebt. Von den verschiedenen Herstellern kommen zwar Ersatzfarben, die erlaubt sind, aber „wir bekommen aktuell eine sehr abgespeckte Farbpalette“, sagt die 31-Jährige.

Einige Tätowierer hatten Angst, dass die Ersatzfarben nicht so gut sind, wie die alten Farben. Das kann Sarah Howind allerdings noch nicht bestätigen. Sie habe noch keinen Qualitätsverlust bemerkt. Was aber auffällig ist: „Die Ersatzprodukte kosten fast das Doppelte. Das muss ich jetzt natürlich auch an den Kunden weitergeben“, bedauert die Studio-Inhaberin.

Farbige Motive nun verboten: Besitzerin eines Tattoo-Studios kritisiert neue EU-Verordnung

Sie persönlich glaubt aber nicht, dass die alten Farben schädlich waren. „Ich tätowiere seit zehn Jahren und habe in dieser Zeit erst eine allergische Reaktion mitbekommen. Bei meinen Tätowierer-Kollegen ist es auch so.“ Selbstverständlich halte sie sich nun an die neuen Regeln, verstehen könne sie diese aber nicht. Es gebe nämlich keine handfeste Studie, die beweist, dass die Farben tatsächlich giftig seien.

Bundesinstitut für Risikobewertung hält Verbot für nicht angemessen

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält die Verbote der Farben für nicht angemessen. In einer Stellungnahme vom 8. September 2020 heißt es, dass „aufgrund der mangelhaften Datenlage“ keine abschließende Risikobewertung für die Verwendung der beiden Pigmente in Tätowiermitteln durchgeführt werden könne. Und weiter: „Aus Sicht des BfR ist bei der Bewertung der beiden Pigmente auch zu berücksichtigen, dass beide Pigmente seit über zehn Jahren in Tätowiermitteln eingesetzt werden, ohne dass Auffälligkeiten bekannt sind. (…) In der Literatur gibt es keine Berichte über Allergien oder Irritationen auf diese Pigmente. Beschriebene Allergien auf Tätowiermittel sind bislang überwiegend auf rote bzw. schwarze Farben zurückzuführen.“ Weil die derzeit verfügbaren Daten nur auf eine „vergleichsweise geringe Toxizität hindeuten“, sehe das BfR „keinen akuten Handlungsbedarf“.

Unklar ist bis jetzt auch, wer genau das Verbot bei den Tattoo-Studios überprüft. „Für die Farben ist eigentlich das Veterinäramt zuständig.“ Bisher habe sie aber noch niemand kontrolliert.

Tätowiererin aus Hann. Münden trotz EU-Verbot zuversichtlich: „Dieses Geschäft hat definitiv eine Zukunft“

Eine Bedrohung für die Tattoo-Szene sei die neue Verordnung aber nicht, findet Sarah Howind. „Tattoos gab es schon immer. Dieses Geschäft hat definitiv eine Zukunft. Die Farbfirmen haben es ja jetzt schon geschafft, verordnungskonforme Farben zu produzieren.“

Trotzdem sei die derzeitige Situation ein „unangenehmer Schwebezustand“ für alle Tätowierer, da die Farben im Moment noch knapp sind. „Für meine schwarze Farbe stand ich sechs Wochen auf einer Warteliste“, erinnert sich die Studio-Besitzerin. Aber sie bleibt optimistisch: „Wenn es ein Beruf schafft, sich anzupassen, dann ist es unser Beruf.“ (Clara Pinto)

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