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Katharinenläuten in Hann. Münden: Zwischen christlichem Glaube und Tumult

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Dunkle Gestalten vor Rathaus und Kirche: Um 1900 griffen Postkartenverlage das „Schruppen“ auf. Mit dieser Karte konnte man seinen „Freund“ persönlich vorwarnen, dass eine „Schruppe“ als neckische Abreibung auf ihn warten könnte. repro: stefan schäfer/stadtarchiv hann. münden
Dunkle Gestalten vor Rathaus und Kirche: Um 1900 griffen Postkartenverlage das „Schruppen“ auf. Mit dieser Karte konnte man seinen „Freund“ persönlich vorwarnen, dass eine „Schruppe“ als neckische Abreibung auf ihn warten könnte. repro: stefan schäfer/stadtarchiv hann. münden © Repro: Stefan Schäfer/Stadtarchiv Hann. Münden

In Hann. Münden gibt es zwei Bräuche zur Weihnachtszeit, die in Vergessenheit geraten sind: das Katharinenläuten und das Schruppen. Die Suche nach den Ursprüngen führen bis ins Jahr 1798.

Hann. Münden – Wenn am Namenstag der heiligen Katharina (25.11.2022) um 21 Uhr eine Glocke an der St. Blasii Kirche ertönt, knüpft sie an einen seit Jahrhunderten gepflegten Brauchtum in Hann. Münden an. Täglich bis Weihnachten ist die Glocke zur gleichen Zeit zu hören.

Hann. Münden: Tradition zu Ehren der Heiligen Katharina

Wie alt dieses Läuten tatsächlich ist, lässt sich nur erahnen. Johann Heinrich Zacharias Willigerodt, Gerichtshalter und Rechtsanwalt, verknüpfte 1808 das Katharinenläuten mit der Prinzessin Katharina, die als Kind aus der Ehe von Herzog Erich I und Herzogin Elisabeth neben den Schwestern Elisabeth und Anne Marie sowie dem Bruder Erich, hervorgegangen ist. „Sie soll sich einstmals bey einem Spaziergange in dem nahe bey der Stadt belegenen Reinhardswalde verirrt haben. Schon war es Abends 9 Uhr, als die Prinzessin zufälliger Weise die Glocke der St. Blasii Kirche 9 schlagen hörte.

Sie geht dem Schalle nach und kommt glücklich hier wieder an.“ Ein Vermächtnis wurde gestiftet, wonach die Glocke jährlich in der genannten Zeit geläutet werden müsse. Eine Urkunde hierüber fehlte damals wie heute. So verband Willigerod dieses Läuten mit einem vorreformatorischen katholischen Brauchtum.

„Die Abstellung des Unfugs während des Katharinenläutens.“

Verlassen wir die nüchterne Analyse des Juristen, so wurde aus der Katharina eine Nonne des Stifts Hilwartshausen und die geriet in Not, weil sie einem armen und kranken Einsiedler im Reinhardswald zur Hilfe stand und auf dem Rückweg in der Dunkelheit des Waldes die Orientierung erst durch das Geläut wiederfand. Soweit die schöne Geschichte die als Sage von Generation zu Generation weitererzählt wurde.

Eine mehrere hundert Seiten dicke Akte, die von 1798 bis 1937 geführt wurde, führt den Namen, „Die Abstellung des Unfugs während des Katharinenläutens.“

Worauf sich das Katharinenläuten bezog, wusste man schon 1798 nicht mehr. Doch gegen einen höchst „strafbaren Aufruhr und Widersetzlichkeiten“ verbot die Kurfürstlich Hannoversche Regierung das „ganz unnütze Läuten“ der Glocke ab dem Katharinentage durch Erlass vom 19.03.1798. Wahrscheinlich, um dem Treiben der Vorjahre ein Ende zu bereiten. Doch das Verbot des Geläuts führte zum Gegenteil. Bereits am 8.12.1798 wurde vermerkt, dass sich ein Teil der Bürgerschaft der aufrührerischen Widersetzlichkeit schuldig gemacht hatte.

Im März 1799 reagierte die Kaufmannschaft und sämtliche Gildemeister in einer umfassenden Eingabe an die Stadt auf die Ereignisse. Statt sich fromme Gedanken zu machen, zogen vor allem junge Leute rufend und schreiend durch die Gassen, auch um fremde Handwerker und Dienstboten damit aufzuziehen, so die Verfasser. Eine Bestrafung der Übeltäter sei wirksamer, als das traditionelle Geläut zu verbieten. 1798 sei es mehrere Nächte lang zu unglücklichen Tumulten gekommen, die ein nachteiliges Licht auf die Gesinnung des größeren Teils der Bürgerschaft verbreite. Man muss sich in die Köpfe der repräsentativen Oberschicht der Stadt hineinversetzen.

Tradition in Hann. Münden zwischen christlicher Frömmigkeit und Tumult

Die Folgen der Revolution in Frankreich des Jahres 1789 steckte der spätabsolutistischen Gesellschaft auch in Münden noch in den Knochen. Die Herrschaft des Pöbels und sei es nur für wenige Augenblicke, waren ein Graus der etablierten Gesellschaft. Das soziale Gefälle kann in Münden als sehr hoch betrachtet werden. Einerseits reiche Kaufleute, ein Handwerk in zahlreichen Abstufungen. Eine Mehrzahl von Tagelöhnern, Dienstboten und „einfaches“ Volk auf der anderen Seite. Letztere entdeckten ein Ventil, ihren Unmut über die herrschenden Verhältnisse zur nächtlichen Stunde auf die Straße zu bringen. Am 25.11.1798 war der Zugang zum Kirchturm unverschlossen und so läuteten einige Eindringende die Glocke selbst. Am 26.11 war der Turm zunächst verschlossen. Bürgermeister Eike wurde aber zur Öffnung des Turmes genötigt und das Schreien und Johlen begann erneut. (Stefan Schäfer)

Glocke entging dem Einschmelzen

Wurde der Ruf nach Ruhe und Ordnung und nach einer patriotischen Gesinnung erhört? Ein Wunsch, der nicht in Erfüllung ging, immer wieder flackerte die Unangepasstheit der Mündener auf. Die später auch mit Ruß und Fett eine Schruppe zur Zeit des Läutens verpassten. „Hie hebbet se ne, hie schruppet se ne (hier haben wir ihn, hier schruppen wir ihn) lautete der Schlachtruf. Er verstummte erst zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, als 1941 die Glocken für Rüstungszwecke eingezogen wurden. Die Katharinenglocke entging dem Einschmelzen. Sie wurde dann wieder in den Glockenstuhl gebracht. 

Das Katharinenläuten war ein beliebtes Motiv. Es tauchte auf sogenannten Notgeldscheinen in der Zeit der Weimarer Republik auf.

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