Mündener Ansichten

Elend statt Pathos: Der Krieg von 1870/71 und Hann. Münden

Mundenia auf einer Lithographie von Robert Geissler. Stadtchronist Wilhelm Lotze bezifferte die Aufwendungen mit 1393 Taler von denen 1226 Taler gespendet wurden.
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Mundenia auf einer Lithografie von Robert Geissler. Stadtchronist Wilhelm Lotze bezifferte die Aufwendungen mit 1393 Taler von denen 1226 Taler gespendet wurden. (Repro)

Der Deutsch-Französische-Krieg von 1870/71 zeigte viele Facetten, eines „modernen“ Krieges. Auch in Hann. Münden zeigten sich die Auswirkungen. Krankenhaus oder Denkmal war die Frage.

Hann. Münden – Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg und am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich gegründet. An der Spitze stand mit Kaiser Wilhelm I der preußische König. Der Bund deutscher Fürsten führte in Frankreich zur Gründung des zweiten Deutschen Kaiserreichs. Kein durch die 1848er Revolution geschaffener Nationalstaat, sondern in Einigungskriegen der Jahre 1864 bis 1871 „durch Blut und Eisen zusammengeschmiedetes Staatsgebilde“ unter der Vorherrschaft Preußens.

Folge zahlreicher Schachzüge des späteren Reichkanzlers Bismarck, der die Politik des Landes bis zum Jahre 1890 maßgeblich prägen sollte.

1870/71: Soldaten wurden zu „tapferen Kriegern“

Die Bedrohung durch den Erzfeind Frankreich und der schnelle Sieg, die deutsche Einigung, das alles wurde zu einem Erzählstoff, einem nationalen Mythos, der in jede Stadt, jedes Dorf getragen und in jedem Schulbuch eindrucksvoll zu lesen war. Glanz und Pathos prägten das Deutsche Kaiserreich bis zu seinem Untergang am Ende des Ersten Weltkriegs.

Im Mittelpunkt dieser Heldenerzählungen standen die Krieger, die tapfer, mutig und froh in den Kampf hinauszogen und siegreich heimkehrten. Dieser Krieg war aber nicht allein der Krieg der Tapferen, es war ein Krieg der industrialisierten Waffengewalt und Vorbote „moderner“ Kriege.

Neun Mündener verloren ihr Leben im Krieg

Neun Mündener Männer ließen ihr Leben: Leutnant Adolf Wissmann, der Kanonier Lobenstein, Hauptmann Walden, Hauptmann Blumenhagen, Vicefeldwebel Mentzer, Kanonier Knüppel, Unteroffizier Carl Isenberg, Musketier H. Vieth und Hauptmann B. Walden. Zahlreiche Verwundete kehrten wieder zurück oder erkrankten an Typhus, Cholera und anderen Seuchen. Auch in Münden blieb man nicht verschont. Ab Mai 1871 grassierte eine „Blattern-Epidemie“, also die Pocken. Bis zum 21. Juni erkrankten 47 Personen, 18 galten als genesen, 13 starben und 16 blieben noch in ärztlicher Behandlung. Bis in das Jahr 1872 wurden die Erkrankten in einem Hause in Altmünden von dem Rest der Bevölkerung isoliert.

Vier von Gustav Eberlein gestaltete Reliefplatten konnten der Verschrottung entgehen und befinden sich im Museumsdepot des Stadtmuseums.

Mit der Gründung eines Denkmal-Komitees im Februar 1872 entbrannte ein Streit. Münden verfügte über kein Krankenhaus. So formulierten „einige Bürger“, dass ein Krankenhaus notwendiger sei, als ein Kunst-Denkmal aus Stein. „Mancher kranke Invalide, der fast vor Hunger und Kälte verkommen, … würde für hier gefundene Pflege den Stiftern von Herzen danken!“

Krankenhaus oder Denkmal für Hann. Münden?

Der Bau eines Krankenhauses am Vogelsang sollte bis in das Jahr 1878 auf sich warten lassen. Ein Kriegerverein formierte sich im Oktober 1872.

„56 Krieger seien bereits für die Gründung eines Vereins zusammengetreten.“ Das Denkmal-Komitee sammelte indes stattliche Geldbeträge. Der in Münden aufgewachsene Künstler Gustav Eberlein erhielt den Zuschlag zur Schaffung des Denkmals „Mundenia“, das neben der weiblichen Figur am Sockel auch vier Ehrentafeln trug. Die feierliche Enthüllung erfolgte am „Sedan Tag“ dem 2. September 1873, der die Rolle des Staatsfeiertages einnehmen sollte. Innerer Frieden kehrte hingegen in der Stadt nicht ein. Mitglieder des Kriegervereins schrieben in den Mündenschen Nachrichten vom 9. Oktober 1873, dass sie in einem Organ der Sozialdemokraten als „Massenmörder“, „Sauhirten“, und „Raufbolde“ tituliert wurden und erklärten diese postwendend als „Auswurf unserer Gesellschaft“.

„Mundenia“ stand bis 1955 auf einen Sockel an der Bahnhofstraße in den Wallanlagen, wo heute die Litfaßsäule zu finden ist. Nur als Zinkguss ausgeführt, ging die Figur 1962 an einen Schrotthändler. Die vier Zinkgusstafeln überdauern im Städtischen Museum. (Stefan Schäfer)

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