Museum, Rathaus, öffentliches WC

HNA-Selbstversuch mit Rollstuhl: Wie barrierefrei ist Münden?

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Abgeschlossen: Wer wie Redaktionspraktikantin Theresa Kolenics spontan das Rollstuhlfahrer-WC an der Mündener Rotunde nutzen will, steht vor verschlossener Tür. Der Schlüssel hängt im 600 Meter entfernten Rathaus und kostet 25 Euro Leihgebühr.

Hann. Münden. Heute ist Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung. Wir haben deshalb in einem Selbstversuch die Barrierefreiheit in Mündens Innenstadt getestet.

Irgendwann kann Theresa Kolenics nicht mehr anders. Sie steuert das Toilettenhäuschen an der Rotunde an - und steht vor verschlossener Tür. „Das gibt’s doch wohl nicht“, sagt sie, während sie vergeblich am Türgriff zieht. Ein Hinweis, warum das öffentliche Örtchen nicht geöffnet hat? Informationen, wie sich die Tür öffnen lässt? Beides Fehlanzeige.

Spätestens jetzt, zum Ende eines zweistündigen HNA-Praxistests quer durch die Dreiflüssestadt, wird der 19-jährigen Redaktionspraktikantin klar, dass das Leben im Rollstuhl immer noch alles andere als barrierefrei ist.

Türöffner 

Erstes Etappenziel beim Selbstversuch im Rolli war das Rathaus. Zwar lässt sich die grüne Tür zur Tourist-Information per Knopfdruck bequem auch im Sitzen öffnen. Doch nach wenigen Metern ist Schluss für Rollstuhlfahrer. Selbst zur fast ebenerdig gelegenen Tourist-Information müsste man eine Stufe überwinden - ohne Rampe unmöglich. Hinzu kommt, dass sich die schwere Tür zwar von außen, paradoxerweise aber nicht von innen automatisch öffnen lässt. „Und wie komme ich jetzt wieder raus?“, fragt Theresa Kolenics. Ein Tourist hilft ihr.

Passanten wollen helfen 

Ohnehin fällt bei der Tour durch Münden positiv auf, dass die Menschen auf der Straße sehr rücksichtsvoll sind. Sie machen Platz, grüßen freundlich und bieten Hilfe an, wenn Kolenics sich nur mit Mühe übers bucklige Kopfsteinpflaster schieben kann.

Nächste Station war das Städtische Museum. Per Fahrstuhl kommt sie problemlos bis ins Foyer. Anstatt regulär 2,50 Euro soll sie als Rollstuhlfahrerin nur 1,80 Euro Eintritt zahlen. Immerhin. Allerdings befinden sich die Ausstellungsstücke auf unterschiedlichen Stockwerk-Ebenen - für Rollstuhlfahrer unerreichbar. „Das ist enttäuschend“, sagt Kolenics.

Hindernis auf dem Gehweg 

Hindernis: An der Burgstraße versperrt ein Baucontainer den Gehweg. Menschen im Rolli sind in solchen Situationen oft gezwungen, die Straßenseite zu wechseln.

Weiter ging es am seit Kurzem mit einem Treppenlift ausgestatteten Amtsgericht vorbei, über die Burgstraße, wo ein Baucontainer den Weg versperrt - bei weitem nicht das einzige Hindernis auf Gehwegen, das Fußgänger zwar bequem passieren können, Rollstuhlfahrer jedoch oft dazu zwingt, die Straßenseite zu wechseln.

Schlüssel gibt’s im Rathaus 

Paradox: Ins Rathaus kommen Rollstuhlfahrer zwar dank eines elektrischen Türöffners problemlos hinein. Wer jedoch wieder hinaus möchte, muss die schwere Tür per Hand öffnen.

An der Rotunde naht dann doch noch Hilfe. Eine ältere Rollstuhlfahrerin kommt zufällig vorbei, sieht die ratlose 19-Jährige und erklärt ihr, dass man sich den WC-Schlüssel im 600 Meter entfernten Rathaus abholen müsse. Gegen 25 Euro Schlüsselpfand. Da die Frau jedoch selbst einen Zweitschlüssel besitzt, leiht sie ihn der Redaktionspraktikantin spontan aus.

Fazit: Mündens Innenstadt ist vielerorts alles andere als barrierefrei. Rollstuhlfahrer fühlen sich mitunter, wie an der Rotunde, im Stich gelassen oder, wie im Museum, nicht ernst genommen.

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