Mündener Ansichten

Holocaust-Gedenktag: Die Vertreibung der Familie Graupe aus Hann. Münden

Einreisedokumente der US-Einwanderungsbehörde von Los Angeles dokumentieren die lange Reise der Familie Graupe von Deutschland in den Westen der USA.
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Einreisedokumente der US-Einwanderungsbehörde von Los Angeles dokumentieren die lange Reise der Familie Graupe von Deutschland in den Westen der USA. (Fotomontage)

Die Familie Graupe war eine viel beachtete Familie in Hann. Münden. Vater Dr. Walter Graupe war Rechtsanwalt und kämpfte im Ersten Weltkrieg aufseiten des Deutschen Reiches. Im Zuge des heutigen Holocaust-Gedenktages, an dem an die Opfer der Verbrechen gedacht wird, erzählen wir ihre Geschichte. 

Hann. Münden – Der heutige Holocaust-Gedenktag steht als Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus. Auf ein öffentliches Gedenken muss aus bekannten Gründen verzichtet werden. Tiefe Gräben hat das Zeitalter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft bis heute hinterlassen. Die folgende Schilderung betrifft das Wirken und Leben des Rechtsanwalts Dr.

Walter Graupe: Als Soldat im Ersten Weltkrieg

Walter Graupe und seiner Familie. Vom Kriegsende 1918 bis 1938 war Münden seine Heimatstadt. Der 1887 in Breslau geborene Walter Graupe studierte Jura und erhielt den Doktortitel. Dann brach der Erste Weltkrieg aus. Als Vizefeldwebel geriet er Ende 1914 in russische Kriegsgefangenschaft. Einen Großteil der Gefangenschaft verbrachte er im sibirischen Krasnojarsk. Erst am 15. November 1918 wurde er entlassen und in Münden betreut.

Walter Graupe entschloss, sich in Münden Fuß zu fassen. Er wurde Vorsitzender der Mündener Ortsgruppe der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener. Er galt als viel beschäftigter Notar und Anwalt. Er vertrat in rechtlichen Angelegenheiten oft die Interessen der Stadt, galt als integer und bürgerlich liberal.

Hann. Münden: Anwalt und Notar

Die Familienplanung, durch die Jahre des Krieges und der Gefangenschaft ins Stocken geraten, glückte 1923 mit der Eheschließung mit Anna Merten. 1924 wurde Annette, 1926 Renate geboren. In diesem Jahr erfolgte der Bezug des frisch renovierten Eigenheims, heute „Am Entenbusch 2“.

Bald verfinsterte sich die politische Lage. 1930 übernahm Otto Weber-Krohse die Mündenschen Nachrichten und gestaltete die Berichterstattung zu einem nationalsozialistischen Kampfblatt um. Die Stadt entzog der Zeitung die Eigenschaft, ein amtliches Mitteilungsblatt zu sein. In der Klage gegen diese Begebenheit vertrat Graupe die Interessen der Stadt.

Am 1. April 1933 führten die an die Macht gekommenen Nationalsozialisten einen Boykott gegen die Juden durch. So forderte Verleger Weber-Krohse, dem jüdischen Rechtsanwalt und Notar Graupe keine städtischen Prozesse mehr zukommen zu lassen.

Hetzte gegen Juden nimmt zu

„Es sei an der höchsten Zeit, dass diesem geistigen Führer des Mündener Judentums der Zutritt zum Amtsgericht untersagt wird.“ Im März 1936 erfolgte aufgrund des Reichsbürgergesetzes der Ausschluss vom Amt des Notars. Die Nürnberger Rassegesetze machten aus den Töchtern dieser christlich-jüdischen Ehe sogenannte Halbjüdinnen. Innerhalb der Familie Graupe spielte die Religionszugehörigkeit bis dato eine untergeordnete Rolle, die Kinder galten als evangelisch.

Am 9. November 1938 richtete sich der Hass auch gegen die Familie Graupe. Gewaltsam drang ein Trupp der SA in das Haus der Graupes ein, zerstörte das Mobiliar, schmiss eingekochte Lebensmittel gegen die Wände und die Kellertreppe hinab. Walter Graupe wurde mit Tritten und Schlägen „bearbeitet“.

In den Morgenstunden des 10. November sollte Walter Graupe, wie 50 000 andere Männer zur Abschreckung und Sühne verhaftet werden. Der übel zugerichtete Walter Graupe war nicht in der Lage, zum Sammeltransport eines Busses ab dem Rathaus zum Gerichtsgefängnis Göttingen zu gehen. Es musste ein Auto angefordert werden.

Familie Graupe flüchtet in die USA

Spätestens jetzt war jede Hoffnung auf ein auskömmliches Leben in Münden zerstört. Es gelang der Familie die Ausreise am 6. Dezember 1938 mit dem Schiff ab Bremen. Eine lange Reise stand bevor, denn die „Schwaben“ sollte erst am 24. Januar 1939 in San Pedro, Los Angeles an der US-Westküste in Kalifornien festmachen.

In der im Großraum Los Angeles gelegenen Stadt Glendale gelang der Familie ein Neuanfang. Beide Töchter konnten die High School besuchen. Walter Graupe starb 1958, Anna Graupe 1970. Sie liegen vereint in Santa Barbara. Ob sie Deutschland wieder besucht haben, ist unbekannt. (Stefan Schäfer)

Juristisches Nachspiel nach dem Zweiten Weltkrieg

In Münden wurde der Umgang mit der Familie Graupe Gegenstand von Entnazifizierungs- und Strafverfahren. Pastor Meyer äußerte sich über eine Klassenlehrerin von Renate Graupe, die die Klassenkameradinnen vor dem Hintergrund der Emigration zurechtwies: „Wie könnt ihr weinen? Renate ist keine Klassenkameradin. Denn Jüdinnen gehören nicht an eine deutsche Schule.“ Auch ein wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilter Polizist versuchte als Entlastung mehrfach anzuführen, dass es ihm peinlich gewesen sei, Graupe zu verhaften. Für die rücksichtsvolle Behandlung habe Graupe über einen Mittelsmann dem Polizisten einen Geldbetrag für den Kauf einer Flasche Cognac oder Rum zukommen lassen. Gerichtlich wurde das nicht als entlastend gewertet.

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