Regionale Konjunktur

Insolvenzen für 2021 erwartet: Wirtschaftsexperten aus Südniedersachsen geben Einschätzung ab

Tische und Stühle sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt
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Die Gastronomie gehört zu den Verlierern der Corona-Krise.

Wie entwickelt sich die Wirtschaft 2021 im Landkreis Göttingen? Wie steht es um die Auftragslage, Arbeitslosigkeit und Insolvenzen? Dazu nehmen Vertreter von Industrie, Handel, Handwerk und Bank Stellung.

„Es hat noch nie einen nicht-ökonomischen Faktor gegeben, der die Konjunktur so stark beeinflusst, wie die jetzige Coronakrise“, sagt Dr. Martin Rudolph, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Göttingen. Die Entwicklung für 2021 sei daher „nicht seriös vorherzusagen“. Während Branchen wie Einzelhandel, Gastronomie, Reise- und Messewirtschaft litten und insolvenzgefährdet seien, erlebe die Industrie eine belebte Nachfrage.

Die Konjunkturentwicklung in Hann. Münden hänge „als Spiegelbild der nationalen und internationalen Wirtschaft“ von mehreren Faktoren ab, sagt Wirtschaftsförderer Tobias Vogeley. So habe die Wirtschaft mit den Lockerungen und Verschärfungen je einen Aufschwung und Einbruch erlebt. Im ersten Quartal erwarte er keine Änderung, „sehr wohl aber im restlichen Jahresverlauf“.

Die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen berichtet von positiven Aussichten. Das Handwerk habe „fast durchgehend gearbeitet“. Die meisten Betriebe seien gut durch das Coronajahr gekommen. Ausnahmen seien Gewerbe, die von Schließungen betroffen waren.

Klaus-Dieter Gläser, Chef der Agentur für Arbeit Göttingen, sieht die Möglichkeit steigender Insolvenzen bei Betrieben, die vom Lockdown betroffen sind. Von einem stabilen Verlauf der Arbeitslosenzahlen sei das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vor dem zweiten Lockdown ausgegangen.

„Wir gehen davon aus, dass 2021 deutlich besser wird als 2020“, sagt Folkert Groeneveld, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Südniedersachsen. Insolvenzen erwarte er in den Betrieben, bei denen das Kapitalpolster schon vor Corona gering ausfiel.

Wirtschaftsförderung Stadt Hann. Münden

Steigende Impfzahlen und sinkende Infektionszahlen könnten sich insofern positiv auf die Wirtschaft auswirken, dass die Bevölkerung an Zuversicht gewinne, schreibt Tobias Vogeley, Wirtschaftsförderer der Stadt Hann. Münden. Dies führe zu erhöhter Konsum- und Investitionsbereitschaft, sodass bei fortsetzender Entwicklung Ende des Jahres das Niveau vor der Pandemie erreicht werden könnte. „Es hat sich während der Pandemie auch viel Kaufkraft angestaut.“

Schulden hätten sich generell erhöht. Während es 2020 nur wenige Schließungen gegeben habe, könne sich das im laufenden Jahr ändern, da die Jahresabschlüsse das „ganze Ausmaß an Umsatzeinbrüchen“ des vergangenen Jahres zutage brächten. „Corona und dessen Auswirkungen wird auch 2021 das dominierende Wirtschaftsthema sein.“ Die Hoffnung den dauerhaften Ausnahmezustand zu beenden, schwebe über allem. Der Weg zur Normalität sei aber kein Selbstläufer und fordere alles ab. Wichtig sei dabei das Ausmerzen von Schwächen und Problemen, das Erkennen von Chancen, Risiken, Lerneffekten und neuen Ansätzen, die die Pandemie hervorgebracht hat.

Arbeitsagentur Göttingen

Die Arbeitslosenzahlen im Agenturbezirk Göttingen (Landkreise Göttingen und Northeim) lagen mit 14 545 Personen im Jahresdurchschnitt 2020 deutlich über denen des Vorjahres (plus 13,8 Prozent). Dennoch sei der Bezirk bisher einigermaßen gut durch die Corona-Krise gekommen, so Klaus-Dieter Gläser, Chef der Agentur für Arbeit Göttingen. Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit 2021 sei entscheidend abhängig von sinkenden Infektionszahlen und Lockerungen. In diesem Jahr könne die Zahl der Insolvenzen steigen, insbesondere bei den Betrieben, die vom Lockdown betroffen sind.

Ein schwieriges Jahr liege für den Ausbildungsmarkt vor uns. Durch fehlende Möglichkeiten in der Berufsorientierung seien viele junge Menschen verunsichert, wie sich ein möglicher Berufseinstieg realisieren lassen kann. Mit Blick auf den Fachkräftemangel appelliert die Arbeitsagentur an Betriebe, „wo es irgend geht, an ihre Ausbildungsleistung anzuknüpfen.“ Auch bei den Erwachsenen sei Weiterbildung für Arbeitslose und Beschäftigte Thema, da sich viele Arbeitsplätze in den Betrieben durch die Digitalisierung veränderten.

IHK-Geschäftsstelle Göttingen

„Für den Einzelhandel ist, mit Ausnahme der Supermärkte, Drogerien und Apotheken, der zweite Lockdown seit Mitte Dezember eine wirtschaftliche Katastrophe“, schreibt Dr. Martin Rudolph, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Göttingen. Das Geschäft zum Jahresende fehle allen stationären Händlern. Nur solche mit einem zweiten (online) Verkaufskanal hätten derzeit die Chance, ihre Kosten zumindest teilweise decken zu können. Es werde auf die Höhe der Bundeshilfen ankommen, inwieweit Händler eine Überlebenschance haben.

Die Insolvenzen auch großer Ketten zeigten, dass Mittelständler wie Großunternehmen zu kämpfen haben. Der Großhandel sei von der Schließung nicht direkt betroffen und habe sich im vierten Quartal positiv entwickelt. Die Geschäftserwartungen würden angesichts zurückhaltender Industriekunden und stockenden Konsums skeptisch bewertet. Die Industrie habe ihre Erholung im vierten Quartal fortgesetzt. Die gegenwärtige Geschäftslage liege knapp unter Vorkrisenniveau. Diese Entwicklung spiegelt sich in den höheren Auftragseingängen wider. Auch die Investitionsabsichten seien gestiegen und überträfen den Vorjahreswert.

Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen

„In einige Gewerken konnten wir in unserer letzten Konjunkturumfrage eine sehr gute Auftragslage verzeichnen, insbesondere im Bau- und Ausbaugewerbe und den Handwerken Elektrotechnik und Sanitär-Heizung-Klima“, schreibt Sprecher Stefan Pietsch für die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen. Einige Gewerke hätten nach wie vor mit starken Einschränkungen zu kämpfen. Deren Auftragslagen werden maßgeblich von der weiteren wirtschaftlichen und politischen Entwicklung abhängig sein.

Der Fachkräftebedarf sei nach wie vor hoch. In den Betrieben oder Branchen, die besonders durch die Coronakrise betroffen sind, zum Beispiel durch behördliche Auflagen, Einschränkungen oder Schließungen, stellt die Kurzarbeit weiterhin eine wichtige Säule dar. Steuerliche Erleichterungen für Betriebe, Investitionsanreize, leichterer Zugang zu Kapital, weniger Bürokratie für kleine und mittelständige Unternehmen, angemessene Hilfen bei weiteren coronabedingten Umsatzeinbrüchen, passgenaue Fortbildungen in den Berufsbildungszentren des Handwerks in Teilzeit- oder Online-Formaten seien Themen, die 2021 wichtig werden.

VR-Bank Südniedersachsen

Nennenswerte coronabedingte Insolvenzen hat die VR-Bank Südniedersachsen nicht zu verzeichnen, informiert Vorstandsvorsitzender Folkert Groeneveld. „Wir rechnen damit, dass wir 2021 Insolvenzen sehen werden. Die Problembranchen sind bekannt, nun kommt es darauf an, wie die Kapitalpolster aussehen.“ Bei Unternehmen, die bereits vor Corona überschuldet waren, habe die VR-Bank von Krediten abgeraten.

Schulden oder Überschuldung im privaten Bereich würden nicht vermutet. Hier wirke sich das Kurzarbeitergeld positiv aus. „In Krisenzeiten neigen die Menschen zum Sparen“, so Groeneveld weiter. Wo normalerweise etwa 11 Prozent gespart würden, seien es 2020 16 Prozent gewesen. Das wirke sich auf die Banken aus, die mit diesem Geld „nichts anfangen können.“ In der Finanzwelt werde 2021 unter anderem die Frage beschäftigen, wie die finanzielle Unterstützung durch staatliche Programme zurückgezahlt werden soll. „Die Wirtschaft wird sich erholen, der Staat muss zusehen, wie er das Geld zurückkriegt.“ Auch die Verschuldung und Leistungsfähigkeit der Kommunen werde ein spannendes Thema.

Ansprechpartner in der Krise

Für Gewerbetreibende und Selbstständige gibt es Ansprechpartner in der Coronakrise. Hier eine Auswahl: Landkreis Göttingen, Hotline für Gewerbetreibende: Tel. 05 51/ 400 27 67, Wirtschaftsförderung Region Göttingen, Tel. 05 51/525 49 80, corona@wrg-goettingen.de, Schuldnerberatung AWO Göttingen, Tel. 05 51/ 500 91 30, 0 55 41 47 39.

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