„Dem Naturschutz die Hand reichen“

Interview: Landvolk-Vorsitzender Markus Gerhardy über Höfe im Altkreis Hann. Münden

Ein Mann macht mit einem Trecker Heu.
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Ein Nebenerwerbslandwirt beim Heumachen auf dem Feld.

Göttingens langjähriger Kreisbauernvorsitzender Hubert Kellner wurde im Dezember verabschiedet, an seine Stelle ist sein Stellvertreter Markus Gerhardy aus Gieboldehausen getreten.

Wir sprachen mit dem 49-Jährigen über die Perspektiven der Landwirtschaft in der Region, den weiter andauernden Strukturwandel und neue Bauerngruppierungen.

Herr Gerhardy, Sie sind neuer Vorsitzender des Kreisbauernverbandes. Wie ist die Landwirtschaft in der Region aufgestellt?

Wir leben in einer vielschichtigen, überwiegend vom Ackerbau geprägten Region mit meist guten Böden, ausreichend Niederschlag und relativ stabilen Erträgen. Während wir hier eine gute Mischung von Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben haben, ist die Tierhaltung leider in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen und die erneut verschärften Rahmenbedingungen werden diesen Trend eher noch verstärken.

Warum?

Ganz einfach weil die immer strengeren Auflagen besonders für kleinere Betriebe kaum zu erfüllen sind. Das führt häufig zur Betriebsaufgabe oder aber zumindest zur Beendigung der Tierhaltung. Erfreulich sind hingegen Entwicklungen, bei denen einzelne Betriebe Marktnischen nutzen und mit Direktvermarktung Wertschöpfung und damit Familieneinkommen erzielen, auch im Altkreis Münden etwa bei mobilen Hühnerställen oder Kartoffelverkauf.

...während man eine Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten in unserer Region vergeblich sucht...

Richtig, denn leider haben wir in der Region für unsere Produkte nahezu keine Verarbeitungskapazitäten mehr wie Molkerei, Schlachthof, Zuckerfabrik, Ölmühle und kaum Getreideverarbeitung. Das führt dazu, dass fast alle landwirtschaftlichen Produkte aus der Region heraus transportiert werden müssen.   Ein verändertes Bewusstsein für mehr regionale Produkte und ein konsequentes Verbraucherverhalten könnte aber Anreize schaffen, wieder mehr regionale Wertschöpfungsketten zu schaffen.   Wir zeigen als Landvolk heute schon auf www.land-direkt.de, wo man in der Region Produkte direkt beim Bauern kaufen kann.

Ihr Vorgänger Hubert Kellner hat lange Zeit die Geschicke der Landwirtschaft in der Region gelenkt. Was wollen Sie fortsetzen, wo wollen Sie neue Akzente setzen?

Die Darstellung der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit und die Wahrnehmung der Landwirtschaft als wichtiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor wurde von Hubert Kellner und unserem Geschäftsführer Achim Hübner entscheidend geprägt. Das wollen wir fortsetzen und weiterentwickeln. Neue Wege wollen wir beschreiten bei einem offenen, ehrlichen Dialog mit den Naturschutzverbänden, denn Landwirte können nicht nur Nahrung, Futtermittel und Bioenergie, sondern auch Naturschutz. Wir wollen versuchen, gemeinsam kooperative Ansätze zu finden, bei denen die Multifunktionalität unserer Landwirtschaft auch zu einem Einkommensbeitrag bei den Landwirtsfamilien führt. Wir leisten gerne unseren Beitrag, viele Landwirte setzen auf ihren Höfen Naturschutzprogramme um. Aber Landwirtsfamilien leben auch von ihren verkauften Erzeugnissen. Wenn wir mehr Naturschutz machen sollen und dafür auf Erträge verzichten, muss das am Ende auch irgendwer bezahlen.

Vor 30 Jahren noch undenkbar, gibt es heute im Altkreis Münden bereits Dörfer ohne einen einzigen Bauern. Der Strukturwandel in der Branche schreitet weiter voran...

...und wird sich nicht vollständig verhindern lassen. Solange er im technologischen Fortschritt begründet ist, müssen wir damit umgehen. Der starke Strukturwandel der vergangenen Jahre hat jedoch seine Hauptursache in den immer größeren Anforderungen an die landwirtschaftlichen Betriebe. Die verschärften Auflagen in der Tierhaltung werden zum Beispiel dazu führen, dass wir kaum noch Sauenhalter im Landkreis haben werden. Die Folge: Landwirte, die Schweine mästen, müssen ihre Ferkel aus anderen Regionen Deutschlands kaufen, teils über weite Strecken. Die aktuelle Ausweisung von sogenannten „roten Gebieten“ und die kaum noch überschaubaren Vorgaben bei der Düngung machen es den Landwirten sehr schwer, und das, obwohl in ganz Südniedersachsen alle Grundwasserkörper in einem guten Zustand sind.

Mit dem Strukturwandel gehen ihnen als Verband auch Mitglieder verloren. Wie gehen Sie damit um?

Ziel der Verbandsarbeit war und ist eine bestmögliche Arbeit für unsere Mitglieder. Dafür müssen wir kontinuierlich und selbstkritisch analysieren und offen sein für notwendige Veränderungen.

...in einer Zeit, wo es neben dem Bauernverband offenbar auch zunehmend andere Gruppierungen von Landwirten gibt, wie etwa „Land schafft Verbindung“, die derzeit mit Treckerdemos in den Städten und vor Discounter-Lagern auf sich aufmerksam machen.

Die vielschichtigen Protestbewegungen haben ihre Hauptursache in der Existenzangst und in der Perspektivlosigkeit vieler landwirtschaftlicher Betriebe. Dafür habe ich persönlich Verständnis und als Verband werden wir auf regionaler Ebene weiterhin einen guten und engen Kontakt zu den Aktivisten halten. Es handelt sich ja dabei auch weit überwiegend um Landvolkmitglieder.   Mit der Struktur unseres Verbandes und der Aktionsbereitschaft dieser Gruppierungen können wir uns wechselseitig befruchten. Eine echte Zersplitterung aber darf es nicht geben, das schwächt unseren gesamten Berufsstand.

Vom Volksernährer zum Prügelknaben der Nation: Wie gehen Sie mit Vorwürfen um wie Massentierhaltung, Vermaisung und Insektensterben?

Das sind Schlagworte, die einen perfekten Anlass bieten für einen direkten Dialog mit den Landwirten vor Ort. Egal ob beim Tag des offenen Hofes, in der Göttinger Innenstadt, auf dem Bauernmarkt oder direkt auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. „Redet mit uns statt über uns“ ist in jedem Fall der richtige Ansatz.   Das gilt für Verbraucher ebenso wie für Naturschützer, denen wir ausdrücklich unsere Hand zur Zusammenarbeit entgegenstrecken. Auch, weil wir gemeinsam mehr erreichen können. Als Landvolk haben wir zum Beispiel 2020 gemeinsam mit Blühpaten über 100 000 Quadratmeter zusätzliche Blühflächen im Landkreis Göttingen angelegt, darauf können wir aufbauen. Wer uns dabei unterstützen möchte, kann auch 2021 Blühpate für Flächen im Altkreis Münden werden, Infos dazu stehen auf unserer Internetseite landvolk-goe.de.

Warum brauchen wir auch künftig eine funktionierende Landwirtschaft in der Region?

Weil es ohne regionale Landwirtschaft zwangsläufig auch keine regionalen Lebensmittel gibt. Aber darüber hinaus ist die Landwirtschaft in ländlichen Räumen ein nicht zu ersetzender Bestandteil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens.

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