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Junge Handwerkerin: Carolin Fette lernte Zimmerin bei Lotze-Franke in Hemeln

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Von: Hannah Köllen

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Sie ist Zimmerin: Carolin Fette absolvierte eine handwerkliche Ausbildung bei der Zimmerei Lotze-Franke. Auf unserem Foto steht sie vor einem Haus an der Straße Hinter der Stadtmauer in Hann. Münden, an dem sie mitgearbeitet hat.
Sie ist Zimmerin: Carolin Fette absolvierte eine handwerkliche Ausbildung bei der Zimmerei Lotze-Franke. Auf unserem Foto steht sie vor einem Haus an der Straße Hinter der Stadtmauer in Hann. Münden, an dem sie mitgearbeitet hat. © Hannah Köllen

Heute findet bundesweit der Tag des Handwerks statt. Die HNA sprach mit Carolin Fette, die ihre Ausbildung zur Zimmerin bei Lotze-Franke in Hemeln absolvierte.

Hann. Münden – Im Alter von 14 Jahren stand für Carolin Fette aus Imbsen fest, dass sie einen handwerklichen Beruf erlernen möchte. „Ich habe damals zusammen mit meinem Opa ein Gehege für meine Kaninchen gebaut. Das hat mir total viel Spaß gemacht“, sagt Fette.

Nachdem sie ihren Realschulabschluss in der Tasche hatte, macht sie ein Praktikum in einer Tischlerei und eines in der Zimmerei Lotze-Franke in Hemeln, ihrem späteren Ausbildungsbetrieb.

Erste Zimmerin in Firmengeschichte

„Die Arbeit während des Praktikums in der Zimmerei hat mir gut gefallen. Also habe ich da mit 16 Jahren meine Ausbildung begonnen“, sagt die heute 19-Jährige. Etwas Besonderes für den Hemelner Betrieb in seiner über 100-jährigen Tradition. In der gesamten Firmengeschichte wurde bisher lediglich eine Frau zur Zimmerin ausgebildet: Carolin Fette.

Die Zimmerer-Ausbildung dauert drei Jahre, die Theorie lernte Fette im Blockunterricht sowohl an einer Berufsschule in Kassel als auch in Göttingen. Zu ihren täglichen Aufgaben im Betrieb gehörte es, Wände einzuziehen, Dächer zu dämmen und Balkone zu bauen – alles Tätigkeiten mit starker körperlicher Belastung. „Am Ende des Tages war ich immer platt“, sagt Fette.

Keine Nachteile aufgrund ihres Geschlechts

Anfangs wohnte sie noch bei ihren Eltern, einer Einzelhandelskauffrau und einem gelernten Elektriker, in Wiershausen. „Ein Kollege hat mich mit zur Arbeit genommen. Ich war damals ja noch minderjährig und hatte keinen Führerschein“, sagt Fette. Im dritten Lehrjahr zog sie dann mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung nach Imbsen.

Dass sie als einzige Handwerkerin im Betrieb arbeitete, hat sie nie gestört. Auch in ihrer Kasseler Berufsschule war sie die einzige Schülerin. „Nachteile hatte ich dadurch keine“, sagt Fette. Blöde Sprüche wegen ihres Geschlechts habe es nie gegeben. „Ich habe es eher als Neugierde empfunden, wenn ich gefragt wurde, warum ich als Frau einen solchen Beruf erlerne.“

17,2 Prozent Frauenanteil im niedersächsischen Handwerk

Von ihrer Familie und Freunden habe sie überwiegend Rückendeckung für ihre Entscheidung erhalten. „Manche meinten, ich soll es mir doch noch mal überlegen. Die hatten Angst, dass ich es körperlich nicht packe“, sagt Fette. Diese Angst sei aber unbegründet: „Das ist alles eine Frage der Übung. Am Ende der Ausbildung konnte ich schon wesentlich mehr Gewicht tragen, ich bin stärker geworden.“

Hoch hinaus: Während ihrer Ausbildung war Carolin Fette viel auf Hausdächern tätig.
Hoch hinaus: Während ihrer Ausbildung war Carolin Fette viel auf Hausdächern tätig. © PRIVAT

Laut der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen liegt der Frauenanteil bei den Lehrverhältnissen im niedersächsischen Handwerk bei 17,2 Prozent. „Ganz ähnlich sieht es bei den eingetragenen Betriebsinhaberinnen und Geschäftsführerinnen aus“, sagt Dr. Dorothee Hemme von der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen.

Ein harter Job

Carolin Fette sieht die körperliche Anstrengung des Berufs und den manchmal rauen Ton auf dem Bau als Grund dafür, dass das Handwerk gemeinhin weiterhin als Männerdomäne gilt.

„Mir macht der Job viel Spaß, weil man sehen kann, wie etwas Neues entsteht“, sagt Fette. Aber: „Wir arbeiten viel draußen an der frischen Luft, auch viel auf Dächern. Und das sowohl bei extrem hohen Temperaturen als auch im kalten Winter.“ Viele Altgesellen hätten von der jahrelangen harten Arbeit Probleme mit ihren Gelenken.

„Das Gehalt ist eigentlich nicht schlecht. Aber es ist nicht angebracht für diesen harten Job“, sagt Fette. Schließlich sei auch das Risiko für einen Arbeitsunfall auf dem Bau höher als am Schreibtisch. All das seien Gründe, warum sich das Handwerk bei jungen Menschen keiner großen Beliebtheit erfreue.

Zimmerei findet keinen Nachwuchs

Dass der Nachwuchs fehlt, kann auch Meike Lotze-Franke, kaufmännische Geschäftsführerin in der Zimmerei Lotze-Franke, bestätigen. „Wir suchen Auszubildende, aber es wird zunehmend schwieriger, jemanden zu finden.“ Die Firma sei auf sämtlichen Ausbildungsplattformen vertreten und suche auch über die sozialen Medien nach Nachwuchs. „Für dieses Jahr haben wir keinen neuen Auszubildenden. Es hat sich einfach niemand beworben“, sagt Lotze-Franke.

Der Hemelner Betrieb wurde im Jahr 1913 von ihrem Urgroßvater Ernst Lotze gegründet. Seit 2013 leiten Meike Lotze-Franke und ihr Mann Michael Franke das Geschäft mit aktuell elf Mitarbeitern. „Leider ist es noch immer sehr selten, dass Frauen in diesem Beruf arbeiten“, sagt Lotze-Franke.

Eigene Firma ist das Ziel

Für Carolin Fette wäre eine Übernahme in ihrem Ausbildungsbetrieb möglich gewesen, vielleicht auch die Möglichkeit, einen Meister zu machen. Aber Fette entschied sich, nach Abschluss ihrer Ausbildung nun erst mal die Fachhochschulreife zu machen. Nebenbei jobbt sie in einer Möbel-Manufaktur. Später möchte sie Bauingenieurwesen studieren.

„Mein Freund macht gerade eine Ausbildung zum Dachdecker. Unser Wunsch ist es, gemeinsam eine Firma zu gründen.“ Die Entschlossenheit in den Worten der jungen Frau lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich diesen Wunsch eines Tages erfüllen wird.

272 freie Ausbildungsplätze

Die Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen zählt rund 40 000 Handwerkerinnen und Handwerker in ihrem Kammerbezirk, der die Landkreise Göttingen, Hildesheim, Holzminden und Northeim umfasst. Auch jetzt können sich Interessierte noch für das nun begonnene Ausbildungsjahr um einen Ausbildungsplatz bewerben. Laut Agentur für Arbeit waren im August noch 272 Ausbildungsplätze und 1100 offene Stellen im Handwerk im Bezirk Göttingen frei. 

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