Abhängig vom Stress

Es kann überall passieren: Julie Börner leidet an Epilepsie

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Julie Börner

Hann. Münden. Julie Börner ist eine aufgeweckte junge Frau. Mit ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur und blitzenden grünen Augen erzählt sie völlig ungezwungen über ihre Krankheit.

Die 22-Jährige ist Epileptikerin. „Ein neuer Anfall kann immer und überall auftreten“, sagt sie. So locker ist sie damit im September vergangenen Jahres, als sie ihre Diagnose bekam, noch nicht umgegangen. „Den ersten Anfall hatte ich mit 15. Da hat aber niemand an Epilepsie gedacht“, sagt Julie Börner, die zurzeit die Berufsbildende Schule in Hann. Münden besucht und in Oberode wohnt. Im September 2013 bekam sie den nächsten.

„Es hängt davon ab, wie viel Stress ich habe. Komme ich zur Ruhe, kommt auch der Anfall.“ Ihr werde dann schwindlig und sie bekomme einen glasigen Blick. „Von den Anfällen selbst bekomme ich nichts mit“, sagt sie. Obwohl sie besonders schwere Krämpfe bekommt und bis jetzt jedes Mal ins Krankenhaus gebracht worden ist.

„Es ist unbeschreiblich, wie sich ein Körper verrenken kann und welche Kraft er entwickeln kann“, sagt Beate Börner, Julies Mutter. Sie war bis jetzt bei jedem der vier Anfälle dabei. „Das Wichtigste ist, darauf zu achten, dass sie sich nicht den Kopf stößt. Ich polstere ihn immer gut“, sagt sie.

Julies Anfälle dauern häufig länger als 90 Sekunden. „Zuerst krampft mein Kopf zur Seite und ich habe wohl auch immer Schaum vorm Mund“, sagt die 22-Jährige. Der Notarzt gebe ihr eine Spritze und sie müsse eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Woher die Anfälle kommen, wissen Mutter und Tochter nicht genau. „Im März haben sie festgestellt, dass ich einen gutartigen Hirntumor habe. Den haben sie nur gefunden, weil sie mich wegen meiner Epilepsie untersucht haben“, sagt Julie Börner. Der Tumor wurde im Uniklinikum in Göttingen entfernt. Sicher, ob er der Auslöser war, sind sich die Ärzte aber nicht. „Direkt nach der Operation habe ich noch einen starken Anfall bekommen. Die Ärzte haben danach gemerkt, dass der Tumor nicht komplett weg ist.

Also musste ich nochmal operiert werden und ein weiterer Anfall kam“, sagt sie. Jeder der Anfälle kann bleibende Schäden verursachen, da der Kopf während des Anfalls nicht mit Sauerstoff versorgt wird.

Julie Börner muss ihr Leben lang Tabletten einnehmen, die auch die Leber oder Niere schädigen können. Damit hat sie sich abgefunden, genau wie mit ihrer Epilepsie. Aufgeben kommt für die 22-Jährige nicht in Frage. „Ich mache jetzt erstmal meinen Realschulabschluss nach und möchte dann eine Ausbildung zur Konditorin machen. Das kann mir keiner nehmen, auch die Krankheit nicht.“

Julie Börner schämt sich zwar manchmal für ihre Krankheit. Aber sie hat sie auch stark gemacht. Stark, darüber zu reden und anderen näher zu bringen, was Epilepsie überhaupt ist.

„Ich habe Angst davor, dass ich alleine unterwegs bin, einen Anfall bekomme und mir keiner helfen kann, weil die Menschen nicht wissen, was sie machen sollen“, sagt sie. Auch ihre Freunden haben Angst, dass es passiert. „Bis jetzt passierten alle Anfälle Zuhause, aber ich habe gelernt, damit zu leben, dass es auch im Bus oder in der Schule soweit sein kann“, sagt sie. Ihre Freunde unterstützen sie.

Einen großen Halt in ihrem Leben gibt ihr auch ihre Lebensgefährtin. „Sie möchte alles über die Krankheit lernen und Seminare besuchen. Das gibt mir Sicherheit“, sagt Julie Börner.

Auch die Berufsbildende Schule Hann. Münden hat etwas zur Aufklärung beigetragen. Zum Thema Epilepsie trugen der Psychologe Dr. Michael Lingen vom sozialpädiatrischen Zentrum der Universitätsmedizin Göttingen und der Arzt Dr. Gregor Herrendorf von der Epilepsieambulanz in der Asklepios-Klinik in Seesen etwas zur Entstehung der Erkrankung, ihr Vorkommen und ihre Auswirkungen auf das Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vor. „Nach diesen Vorträgen wissen alle, wie sie sich verhalten müssen, wenn jemand in ihrem Umfeld einen Anfall hat,“ sagte Brigitte Wimar als Vertreterin des Fachbereiches Pflege-Therapie-Hauswirtschaft der BBS. Julie Börner war von Anfang an offen und ehrlich mit ihrer Krankheit.

„Dadurch ist es mir viel leichter gefallen, damit umzugehen und die dauernde Angst zu besiegen“, sagt sie. „Ich schätze und genieße jeden Tag. Und die Dinge, die mir Spaß machen, wie Fußball, Zeichnen oder Backen kann ich ja immer noch ausüben“, sagt sie.

Fragen und Antworten: Das ist Epilepsie

Was ist Epilepsie und wie entsteht sie? 

Eine Epilepsie ist eine Hirnrythmusstörung. Es handelt sich um eine Krankheitsgruppe. Es kommt dabei wiederholt zu Anfällen, bei denen sich die Nervenzellen im Kopf gleichzeitig entladen. Epilepsie hat eine genetische Ursache, sie findet ohne äußere Einwirkung statt. Bei jedem Menschen sind die Anlagen für die Krankheit im Körper vorhanden, aber nicht bei allen bricht sie aus.

Wie viele Menschen sind davon betroffen? 

Von 1000 Kindern sind vier bis fünf von einer Epilepsie betroffen. Bei Erwachsenen ist die Zahl niedriger, dort erkrankt einer von 1000 Menschen.

Wie läuft ein epileptischer Anfall ab? 

Es gibt verschiedene Anfallarten. Die Schwere hängt davon hängt davon ab, wie viele Nervenzellen sich im Kopf bündeln und sich gleichzeitig entladen. Der Ablauf hängt vom Typ der Epilepsie ab. Es gibt Anfälle, bei denen der Betroffene häufig das Bewusstsein verliert, Schaum vor dem Mund und Muskelkrämpfe hat. Bei anderen Anfalltypen behält der Betroffene das Bewusstsein, weiß genau, wann der Anfall auftritt und wie lange er dauert. Es gibt auch Fälle, in denen Menschen während eines Anfalls kurz schmatzen oder wie weggetreten sind.

Welche Länge hat ein Anfall? 

Im Durchschnitt dauert er etwa ein bis zwei Minuten.

Was können Helfer machen?

Sie können aufpassen, dass der Epileptiker sich nicht verletzt, also seinen Kopf polstern. Auf keinen Fall sollten sie ihm in den Mund fassen, um die Zunge nach vorne zu ziehen. Sie sollten ihr Mobiltelefon bereithalten, um im Notfall den Arzt rufen zu können.

Kann ein Epileptiker geheilt werden? 

Epilepsie ist nicht heilbar, kann durch Tabletten aber unter Kontrolle gebracht werden. (lin)

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