Mündener Ansichten

Karl Laabs aus Hann. Münden rettete viele Juden mit drehbuchreifer Aktion

Karl Laabs fertigte 1972 einen Lageplan seines umfassenden Anwesens in Krenau an. Dort versteckte er Juden vor ihrer Deportation.
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Karl Laabs fertigte 1972 einen Lageplan seines umfassenden Anwesens in Krenau an. Dort versteckte er Juden vor ihrer Deportation.

Karl Laabs aus Hann. Münden. Der Mann rettet im Zweiten Weltkrieg viele Menschenleben. Und das, obwohl er Teil der Wehrmacht war. Sein Aktion war nicht ohne Risiko.

Hann. Münden – Die Aktionen erscheinen drehbuchreif: man kaufe ein rund 40 000 Quadratmeter großes unscheinbares Anwesen, errichte einen massiven Zaun, richte einen scharfen Wachhund ab, baue Verstecke und Bohlenpfade gegen Fußabdrücke bei Schnee und Matsch und spanne Stolperdrähte, um die unbemerkte Annäherung von Personen zu verhindern.

Karl Laabs plante gezielt und wurde zu einem Meister des Tarnens

Karl Laabs im Alter von 68 Jahren. Das Foto stammt aus dem Jahr 1964.

Dieses Grundstück entwarf und bezog der seinerzeitige Kreisbaurat des oberschlesischen Krenau (heute Chrzanów, Polen) Karl Laabs mit seiner Ehefrau und vier Kindern. Dieses Grundstück lag an der Auschwitzer Allee, rund 20 Kilometer von dem Ort der Vernichtung entfernt.

Karl Laabs plante gezielt und wurde zu einem Meister des Tarnens und Täuschens, seinen Häschern immer einen Zug voraus. Er hatte anhand der Leitung der Baustellen im Kreis Kenntnis von den mörderischen Arbeitseinsätzen an Juden und Polen. Sein Grundstück grenzte an eine Bahnstrecke, auf der die Züge überfüllt mit Todgeweihten nach Auschwitz fuhren und stets leer zurückkehrten. Auf diesem Grundstück gründete er einen landwirtschaftlichen Betrieb und forderte jüdische und polnische Arbeitskräfte an. Ausgestattet mit Arbeitskarten, entgingen sie zunächst der Deportation in die Vernichtungslager.

Er gewährte Juden Unterschlupf

Immer dann, wenn „Aussiedlungen“ anstanden, gewährte er Juden Unterschlupf, versah sie mit Kleidung und allem Lebensnotwendigen und ermöglichte die anschließende Flucht. Im Februar 1943 sollte die finale „Umsiedlungsaktion“ der jüdischen Bevölkerung Krenaus stattfinden. Laabs kam dem zuvor. Morgens um 3 Uhr trommelte Laabs rund 100 verbliebene Juden aus Krenau lautstark zusammen. Mit Wachhund und Sturmlaterne herrschte er sie laut an: „Schnauze halten!“.

Rettete Juden vor der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz: Karl Laabs, hier in der Uniform als Feldwebel. Das Bild entstand 1943. 

Laabs war mittlerweile zur Luftwaffe eingezogen und trug die Uniform eines Luftwaffenfeldwebels. Zivile Polizisten stoppten den Zug und stellten Fragen. Laabs antwortet schroff: „Nach Auschwitz! Wohin denn sonst? Ich habe keine Zeit mit Ihnen rumzuquatschen! Heil Hitler.“ Auf dem Grundstück von Karl Laabs warteten zwei LKW, deren mit „Geschenken“ überzeugte Fahrer nicht nach Auschwitz, sondern nach Myslowitz fuhren, wo sich die Juden zunächst in Sicherheit brachten.

Laabs flüchtete nach Hann. Münden

Besonders nach dieser Rettungstat musste Laabs auch an den Schutz seiner Familie denken. Die Gestapo erkannte „Unregelmäßigkeiten“ im Handeln von Karl Laabs und sah den „Osteinsatz“ für ihn vor. Laabs suchte Schutz unter dem Standartenführer des Nationalsozialistischen Fliegerkorps Sassmannshausen. Karl Laabs wurde Segelfluglehrer in Libiaz.

Nur sieben Kilometer von Auschwitz entfernt, war bei den Flügen der freie Blick auf die Stätten der Vernichtung möglich. Am 15. Januar 1945 flüchtete Karl Laabs mit seiner Familie vor der Roten Armee. Anlaufpunkt war das Haus der Familie Kattenbühl 14 in Münden.

Aufgewachsen und geprägt in Hann. Münden

Am 30. Januar 1896 wurde Karl Laabs in Hann. Münden als Sohn eines Lokomotivheizers und späteren Lokführers geboren. Dessen Vater wurde zeitweise nach Kassel und Göttingen versetzt.

Laabs schwärmte für die Wandervogelbewegung, schloss die Schule mit der mittleren Reife ab und meldete sich als Kriegsfreiwilliger im August 1914 zum Heer. 1919 studierte er an der Kunstgewerbeschule Kassel. Nachfolgend als Architekt tätig, engagierte er sich für den Ausbau der Burg Ludwigstein zur Jugendbegegnungsstätte. 1933 zerschlugen sich die Pläne zu promovieren, da er den Nationalsozialismus ablehnte.

Von 1933 bis 1935 war er Leiter des Bauamts des Kreises Münden und widmete sich dem Aufbau des Segelflugsports auf dem Fluggelände bei Lutterberg. Von 1935 bis Kriegsbeginn war er freier Architekt in Münden.

Israel: Laabs gilt als „Gerechter unter den Völkern“

Zur Bauleitung für Luftwaffenprojekte wurde er nach Hörnum/Sylt berufen und von dort zum 1. März 1941 zum Kreisbaurat des Kreises Krenau. Nach 1945 zog sich das Entnazifizierungsverfahren für ihn in die Länge. Erst ab 1949 galt Laabs als entlastet. Ihm half der Kontakt zu Ruth Weichmann, die als Jüdin der Vernichtung durch die Hilfe von Karl Laabs entgangen war.

Rettungsort: Das Gehöft von Laabs in Chrzanow (Krenau), Auschwitzer Straße, wo er Juden versteckt hatte.

Ungefähr 1971 brach Karl Laabs das lange Schweigen. In den Nachkriegsjahren fand in Deutschland kaum eine öffentliche Debatte über das Schicksal der Juden statt. Der damals in Vaake lebende Pensionär wurde 1972 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 1979 verstorben, wurde ihm postum 1981 die Ehrung „Gerechter unter den Völkern“ zuteil. Zudem soll ein Teil einer Bundeswehr-Kaserne nach ihm benannt werden.

Es ist der höchste Ehrentitel, den der Staat Israel Nichtjuden verleiht, die unter höchstem persönlichen Einsatz und ohne Gegenleistung, Juden vor der Vernichtung bewahrt haben. (Stefan Schäfer)

Buch zu Karl Laabs

Eine Biografie von Karl Laabs stammt von Reinhold Lütgemeier-Davin: Laabs - Ein Juden- und Polenretter in Krenau/Chrzanów. Schüren-Verlag. ISBN 978-3-7410-0268-7, 140 Seiten, 14,80 Euro

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