Automotive IT

Kongress an Polizeiakademie Hann. Münden über Verkehrssicherheit

Gundolf de Riese-Meyer sitzt im Auto
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Wie Daten aus dem Auto ausgelesen werden können, zeigte Gundolf de Riese-Meyer von der nordrhein-westfälischen Polizei.

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr – das war das übergeordnete Thema des zweitägigen Kongresses „Automotive IT“ der Polizeiakademie Niedersachsen. Etwa 100 Verantwortliche für die Verkehrssicherheitsarbeit aus ganz Deutschland nahmen an dem Kongress teil, der in der Hann. Mündener Polizeiakademie stattfand.

Julia Semper vom niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport, erläuterte zu Beginn die „Fachstrategie Verkehr – wir wollen mehr“. Damit wurden Schwerpunkte festgesetzt, um die „Vision Zero“ zu erreichen. Das bedeutet: künftig keine Toten und Schwerverletzten mehr im Straßenverkehr. Dabei gehe es vor allem um präventive Arbeit, eine Optimierung der Verkehrsunfallaufnahme und ein stärkeres Zusammenarbeiten zwischen Verkehrswachen und Polizeidirektionen.

Bernd Scholten, Sven Steinebach und Gundolf de Riese-Meyer von der Polizei Nordrhein Westfalen sind Teil des zweiten Teils des Prodigi-Projekts der Polizei in Düsseldorf. Bei diesem Projekt geht es um die digitale Sicherung von Unfallspuren. Denn die Elektronik moderner Autos speichere wichtige Daten, die bei der Rekonstruktion eines Unfalls hilfreich sein können. Diese können mithilfe des Auslesegerätes Crash Data Retrieval (CDR) von Bosch aus dem Airbag-Steuergerät oder über die OBD-Schnittstelle, die die meisten Autos ab Baujahr 2004 haben, ausgelesen werden. Die Daten geben unter anderem Auskunft über die Geschwindigkeit und das Bremsverhalten zum Zeitpunkt des Unfalls, erklärten Scholten und Steinebach. Das helfe dabei, den Unfallhergang zu rekonstruieren und wenn nötig, die Unfallschuld zu beweisen.

Anhand eines Unfalls, der auf einer Autobahnraststätte passierte, erklärten die Polizisten diesen Vorgang genauer: Ein Autofahrer fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf eine Raststätte und prallte in einen Sattelzug. Der Autofahrer überlebte den Unfall nicht. Es habe sich die Frage gestellt, wieso er mit 120 km/h auf den Parkplatz gefahren sei. Mithilfe der Auswertung der elektronischen Daten habe man das Fahrverhalten und die gefahrene Strecke genau rekonstruieren können. Der Fahrer sei demnach direkt auf den Sattelzug gefahren und habe erst im letzten Moment versucht, zu bremsen. Das habe die Vermutung bestätigt, dass der Fahrer Suizid begehen wollte.

Doch nicht immer gelinge so eine Auswertung bei schweren Unfällen, vor allem dann nicht, wenn das Auto stark beschädigt wurde. Denn um Daten auslesen zu können, muss das Auto noch angelassen werden können. Doch nicht alle im Auto gespeicherten kann die Polizei auslesen, sagt Gundolf de Riese-Meyer. Denn die Autohersteller lassen nicht jedes System auf alle Daten zugreifen.

Im Prinzip könne man alle Steuergeräte eines Autos auslesen, also auch Daten der Assistenzsysteme und des Infotainments. Aber auch externe Geräte, wie Smartphones, Dashcams und Airbag-Westen, die Motorradfahrer verwenden. Die Daten können vor Gericht entschieden dazu beitragen, wer bei einem Unfall Schuld habe – vor allem, wann gebremst und beschleunigt wurde, könne ausschlaggebend sein. Allerdings könnten die digitalen Spuren eine herkömmliche Unfallaufnahme durch Polizisten vor Ort nicht ersetzen, denn die ausgelesen Werte müssten immer im Verhältnis zum Unfallhergang stehen.

Vortrag über das „Auto als Zeuge“

Beim Verkehrskongress an der Polizeiakademie in Hann. Münden stellte Peter Schlanstein, Dozent an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Münster, in seinem Vortrag die Frage, wem die Autodaten gehören und ob die Polizei darauf zugreifen darf oder gar muss.

„Das Auto als Zeuge“ war der Titel. Schlanstein stellte fest, dass ein Großteil der Unfälle im Straßenverkehr auf menschliches Versagen zurückzuführen sind und davon wiederum ein Großteil auf nicht angepasste Geschwindigkeit. Steuersysteme im Auto zeichnen Daten wie die Geschwindigkeit auf, moderne Autos wie der Tesla beobachten ihre Umgebung sogar mit Kameras. Das könne bei der Unfallaufnahme dazu führen, dass der Hergang nicht ablief, wie erwartet.

Ein Beispiel: In Berlin nimmt ein Autofahrer einem Motorradfahrer an einer Kreuzung die Vorfahrt. Der Fall scheint zunächst eindeutig. Allerdings hat das Auto Videoaufnahmen angefertigt. Bei deren Sichtung stellt sich heraus: Der Motorradfahrer ist etwa 150 km/h innerorts gefahren. Moderne Autos haben 50 bis 150 Steuergeräte, die Daten aufzeichnen, berichtet der Experte. Das ganze ist mit bis zu fünf Kilometern Kabel verdratet.

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