Einzelne Verhandlungen am Amtsgericht Münden 

Krankenkasse: Patienten melden häufiger Ärztepfusch

Landkreis Göttingen. Immer mehr Patienten machen nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) ihren Verdacht auf Behandlungsfehler in Niedersachsen öffentlich.

Einen Anstieg im Altkreis Münden gibt es jedoch nicht. Der Krankenkasse zufolge waren es 2017 insgesamt 494 Personen, die Rat bei der TK suchten – 64 Patienten mehr als im Vorjahr.

In Hessen seien es sogar 91 Patienten mehr als 2016 gewesen, die einen vermeintlichen ärztlichen Behandlungsfehler gemeldet haben. Die meisten Verdachtsfälle lagen dabei im chirurgischen Bereich (Niedersachsen: 154; Hessen: 145), im Bereich der Zahnmedizin (92; 99) und der Allgemeinmedizin (42;46). Dieser Zuwachs liege nicht an einer schlechten ärztlichen Versorgung, berichtet Medizinrechtsexperte Christian Soltau von der Techniker Krankenkasse. „Die Patienten sind heute informierter und deutlich kritischer“, so Soltau.

Fehler sind oft schwierig zu erkennen und zu beweisen

Für Patienten sei es oftmals nur schwer zu erkennen, ob eine Erkrankung schicksalhaft verlaufe oder ob Ärzte oder Pflegekräfte einen Fehler gemacht haben. Laut der Statistik der Krankenkasse wurden bundesweit voriges Jahr über 5000 Verdachtsfälle gemeldet. Nur jeder dritte Fall wurde nach Überprüfung bestätigt. „Aber wir vermuten zusätzlich zu den gemeldeten Fällen eine hohe Dunkelziffer“, meint Soltau.

Denn: Der Patient ist in der Beweispflicht. Fehlerhafte Medizinprodukte, wie etwa künstliche Gelenke sowie Ärztepfusch könnten viele Patienten oft gar nicht beweisen.

Insgesamt ist die Zahl der Ärztefehler zurückgegangen: Nach Angaben der Schlichtungsstelle der Ärztekammer in Hannover sind voriges Jahr 1264 Anträge wegen des Verdachts eines Behandlungsfehlers eingegangen, 6,6 Prozent weniger als 2016. Begründete Schadensansprüche habe es in 29 Prozent der 760 abgeschlossenen Verfahren gegeben.

Auch am Amtsgericht Münden wurden in den vergangenen Jahren einzelne Fälle von Arzthaftungssachen verhandelt. Die Zahl der Verhandlungen sei auf einem gleichbleibenden Niveau. Verhandelt wurden Fälle mit einem Streitwert von bis zu 5000 Euro.

Hintergrund: Was ist ein Behandlungsfehler?

Fehler können nie ausgeschlossen werden, auch ärztliche Behandlungen und Diagnosen können fehlerhaft sein. Nicht jede Therapie verläuft erfolgreich. Verletzt ein Arzt aber seine medizinische Sorgfalt und fügt dadurch seinem Patienten Schaden zu, spricht man von einem Behandlungsfehler. Das ist bei falschen Diagnosen, fehlerhafter Medikation und nicht fachgerechten Operationen der Fall. 

Weitere Fälle von Ärztepfusch sind: Verbleib von Fremdkörpern nach der OP im Patienten, unzureichende Hygiene im Krankenhaus oder in der Praxis, mangelhafte Aufklärung des Patienten über mögliche Risiken vor der Behandlung.

Bei einem Verdacht: Zweitmeinung einholen

Wird ein Behandlungsfehler vermutet, sollte man den zuständigen Arzt direkt darauf ansprechen und möglichst zeitnah ein Gedächtnisprotokoll des Behandlungsablaufs und der involvierten Ärzte und Pfleger erstellen, rät beispielsweise die Techniker Krankenkasse. Je genauer diese Informationen, desto größer sind die Erfolgschancen. 

Man sollte sich daher vom Arzt die Behandlungsunterlagen holen und eine ärztliche Zweitmeinung einholen. Betroffene sollten außerdem ihre Krankenkasse informieren, die Patienten bei Schadensersatzansprüchen unterstützt. 

Über den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung kann ein Sachverständigengutachten eingeholt werden. Auch Schlichtungsstellen wie die der Niedersächsischen Ärztekammer überprüfen Verdachtsfälle, die noch nicht vor Gericht verhandelt werden und die nicht älter als fünf Jahre sind. Ihr Ziel ist es, die Fälle aufzuklären und gerichtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden: www.schlichtungsstelle.de 

Ist der Schritt zum Gericht unvermeidlich, helfen Anwälte mit entsprechender Spezialisierung den Patienten, ihre Ersatzansprüche geltend zu machen.

Rubriklistenbild: © Friso Gentsch/dpa

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