Wie Radtouren das Leben verändern

Leser erinnert sich an eine Abenteuerreise durch Hann. Münden in den 1950ern

Der Weserstein in Hann. Münden
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Der Weserstein lag auf dem Weg einer abenteuerlichen Fahrradreise, über die unser Leser Gerhard Hente berichtet.

Der Bericht über den zweiten Weserstein in Nordenham hat bei HNA-Leser Gerhard Hente Erinnerungen an seine Tour in den 1950er-Jahren wachgekitzelt. Uns hat er von dem Abenteuer erzählt.

Hann. Münden – Vier Freunde der Evangelischen Jugend St. Jacobi Göttingen waren bei zwei einwöchigen Radtouren in den Pfingstferien 1950 und 1951 zum Steinhuder Meer auf den Geschmack gekommen. So machten sich Gerhard Hente und seine Freunde sich in den Sommerferien 1951 auf zu einer großen fünfwöchigen Radtour durch Norddeutschland. Von Göttingen ging es über Hann. Münden die Weser abwärts nach Bremerhaven.

Natürlich kann man eine Radtour damals nicht mit einer heutigen Komforttour vergleichen: „Radwege fehlten völlig, wir fuhren auf den Bundesstraßen und mussten auf den schon erheblichen Verkehr Acht geben“, schreibt Gerhard Hente.

Im Nachhinein wundere er sich, dass er und seine drei 15-jährigen Freunde von den Eltern die Erlaubnis bekamen, bei einer Korrespondenz nur mit Postkarten für etliche Wochen durch die Lande zu ziehen. „Natürlich waren unsere finanziellen Mittel begrenzt. Für die Übernachtungen mussten wir aus unseren sechs Dreieckszeltplanen noch aus Wehrmachtsbeständen zwei einfache Zelte bauen und dafür ein passendes Fleckchen Ödland suchen“, beschreibt Hente die damaligen Umstände.

Knecht stiehlt das Ersparte

Etwas nördlich von Hameln sei die Tour dann sogar fast zu Ende gewesen: „Wir waren nach einem Regenguss völlig durchnässt und waren froh, bei einem Bauern im Kuhstall unterzukommen. Der Bauer brachte unsere nasse Kleidung in die Küche zum Trocknen.“ Leider sei die Versuchung für den landwirtschaftlichen Mitarbeiter des Bauern – damals sprach man noch vom „Knecht“ – zu groß gewesen, er nahm über Nacht die sparsam gefüllten Portemonnaies der Jungen an sich.

„Als wir am nächsten Morgen dem Bauern Bericht erstatteten, fiel sein Verdacht gleich auf den Mitarbeiter. Er und der eingeschaltete Dorfpolizist – so etwas gab es damals noch – haben den jungen Mann den ganzen Tag bearbeitet, bis er am Abend das Geld wieder herausgab.“

„Dort sahen wir Landratten zum ersten Mal das Meer“

Nach einer weiteren Nacht im Kuhstall konnte die Gruppe ihre Tour über Bremen nach Bremerhaven fortsetzen. „Dort sahen wir Landratten zum ersten Mal das Meer“, erinnert sich Gerhard Hente. Von Bremerhaven ging es weiter nach Cuxhaven zur ersten Seereise mit der Fähre nach Brunsbüttel.

„In Wesselburen konnten wir unsere Börsen etwas auffüllen. Die Eltern hatten per Postanweisung übermittelt.“ Dort hatte er dann selbst einen Konflikt mit der „Obrigkeit“: „Wir hatten unsere Zelte am Fuß des Deiches errichtet und dabei die Grasnarbe beschädigt. Nach einem Donnerwetter und der fälligen Reparatur wurden wir von der Deichaufsicht zum Mittagessen und einer Plündertour durch den Garten eingeladen.“

Für die Weiterfahrt Richtung Kiel und Laboe bekam die Gruppe eine Flasche selbst gemachten Fruchtsaftes mit. Diese Flasche hätten die Jungs dann in der Nähe von Laboe als Flaschenpost der Ostsee übergeben. „Wir bekamen tatsächlich nach unserer Rückkehr von einem dänischen Fischer die Nachricht, dass er die Flaschenpost im Großen Belt im Netz hatte.“ Die Radtour ging weiter über Hamburg und durch die Lüneburger Heide zurück nach Göttingen.

Verbindung zu Dänemark besteht bis heute

Der Fischer, der die Flaschenpost fand, habe ihn später nach Dänemark eingeladen. „So machten mein Freund und ich uns 1952 auf nach Seeland/Dänemark, natürlich auch mit dem Rad. Nach unserem 10-tägigen Aufenthalt in Dänemark waren wir Dänemark-Experten.“ Später habe der Göttinger Jugendpastor den Briefwunsch eines dänischen Mädchens an Gerhard und seine Freunde weitergegeben.

„Heute sind mein Freund und seine dänische Briefpartnerin ein Ehepaar mit zwei Kindern, die in Dänemark leben. Welche Zufälle das Leben manchmal bereithält und wie manchmal Radtouren solche Lebenswege beeinflussen“, freut sich unser Leser Gerhard Hente. (Thomas Schlenz)

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