„Man hört das Ticken nicht“

Stadtwald und Landesforsten fällen Bäume bei Hann. Münden

Baumfällarbeiten zur Verkehrssicherung zwischen Hedemünden und Meensen: Direkt an der Straße stellen kranke Bäume eine Gefahr dar.
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Baumfällarbeiten zur Verkehrssicherung zwischen Hedemünden und Meensen: Direkt an der Straße stellen kranke Bäume eine Gefahr dar.

Zwischen Hedemünden und Meensen musste die Straße gesperrt werden. Am Werk sind dort Forstwirte, die zahlreiche Bäume fällen müssen. Dabei kommt eine besondere Technik zum Einsatz.

Hedemünden/Meensen –Insgesamt 21 Leute sind im Einsatz, erklären die Försterinnen Annika Meier vom Stadtwald und Svenja Schmidt von den Niedersächsischen Landesforsten. In enger Absprache arbeiten sie mit Hochdruck in dem Gebiet, damit die Sperrung nicht länger als nötig andauert. „Wir machen das wirklich nicht, um jemanden zu ärgern“, sagt Meier, „es ist einfach notwendig, damit keinem was passiert.“

Das gilt auch, wenn gerade nicht gefällt wird – zum Beispiel nachts oder früh morgens. Es gäbe immer wieder Leute, die die Sperren wegnähmen, um sie herumführen oder -gingen. „Viele denken: Oh, ich höre nichts, dann kann ich da durch, aber das ist gefährlich!“, sagt Meier. Sie erklärt auch, warum: „Es können jederzeit Äste abfallen – auch, wenn es windstill ist. Das ist wie eine tickende Zeitbombe, nur, dass man das Ticken nicht hört.“

Aber warum sind viele der Laubbäume dort krank? Dafür seien Schäden durch den Klimawandel verantwortlich, sagt Meier, „Wasserstress und Sonnenbrand.“ Das sei besonders für Buchen schädlich. Die halten solche Bedingungen schlechter aus, werden vitalitätsschwach und weißfaul, ergänzt Schmidt.

„Das ist vergleichbar damit, wenn wir uns im Winter die Hände nicht eincremen. Dann wird die Haut schuppig und platzt auf. So ist das bei den Bäumen durch die Klimaschäden.“ Die schützende Borke werde porös, wodurch der Weg für Pilze frei sei. Das Resultat: Der Baum trocknet aus und stirbt ab.

Weil die Bäume durch das Austrocknen an Elastizität verlieren, kann das Holz splittern. „Wenn so ein Ast oder der Baum fällt, dann ist das, als würde man eine Rakete starten und überall Funken fliegen“, beschreibt es Meier.

Auch gesplittertes Holz könne weit fliegen. Um die Forstwirte bei ihrer Arbeit zu schützen, ist es daher wichtig, das Fällen mit möglichst wenig Vibration und Erschütterung im Baum vorzubereiten, solange er noch steht. Dabei verwenden sie je nach Beschaffenheit von Gelände und Baum unterschiedliche Sicherheitsfälltechniken.

Die Forstwirte von Stadtwald und Landesforsten schaffen je nach Fällmethode zwischen 12 und etwa 20 Bäumen am Tag, erklären die Försterinnen. Die Kosten für diese Arbeit könnten durch den Erlös, den die kranken Bäume als Industrieholz noch bringen, nicht gedeckt werden. „Die Buchenqualität ist hier eigentlich sehr gut, sodass 125 Euro pro Festmeter möglich sind“, sagt Meier, „bei den kranken Bäumen höchstens noch 40 Euro.“

Mit Sorge sehen die Försterinnen die weitere Klimaentwicklung: „Den Bäumen, die bisher von den vorderen Reihen verdeckt waren, fehlt nun der Schutz vor den Klimaeinflüssen“, erklärt Meier, „wenn es so weitergeht, gibt es einen Dominoeffekt und wir müssen immer mehr wegnehmen. Das will keiner. Dafür wird man nicht Förster.“

Leute mit leuchtender Sicherheitskleidung, Helmen und Ohrenschützern bahnen sich Wege die Böschungen hinauf und durchs Unterholz. Immer wieder sind kreischende Motorsägen und Geräusche von Holz, das über den Waldboden gezogen wird, zu hören. Die Forstwirte von Stadtwald und Landesforsten arbeiten zwischen Hedemünden und Meensen gemeinsam daran, die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Sie fällen kranke Bäume, die sonst auf die Straße fallen könnten.

Einige Forstwirte sind bepackt mit Motorsägen, Seilen oder einem wie ein Rucksack aufgeschnallten Gerät, an dem ein Metallkeil hängt. Andere fahren schwere Maschinen – Skidder und Vorhorder, die Baumstämme bewegen und transportieren.

„Es ist die gefährlichste Arbeit, die man machen kann“, sagt Forstwirt Christian Pape. Das wird deutlich, als ein Baum gefällt wird. Zuerst sägt Forstwirt Tim Koch einen Fallkerb in den Stamm, der angibt, in welche Richtung der Baum fallen soll. Die sogenannte Bruchleiste in der Mitte hält ihn bis zum Fällen aufrecht. Danach bereitet Koch den Fällschnitt vor und setzt den hydraulischen Funk-Fällkeil ein. Der Keil bringt den Baum nicht nur zu Fall, sondern sorgt auch dafür, dass der Forstwirt sich zuvor sicher entfernen kann.

Dann folgt der gefährlichste Teil: Das Halteband unterschneiden – also den Schnitt machen, der das Fallen ermöglicht. Wenn Koch das tut, darf niemand anders mehr unter dem Baum sein. Mit einem lauten „Achtung!“ gibt er das Signal, dass er beginnt. Dann bringt er sich in Sicherheit und es geht los: Per Knopfdruck setzt man den Keil in Gang. Alle Blicke sind auf die Baumkrone gerichtet.

„Es kann jederzeit noch ein Ast herunterfallen oder aus einer der anderen Kronen herausgeschleudert werden“, erklärt Annika Meier, Försterin vom Stadtwald. Es knackt – erst langsam, dann mehr, bis aus dem Knacken ein Rauschen wird und der Baum mit einem dumpfen Knall am Boden aufschlägt. Als die Kronen der angrenzenden Bäume wieder stillstehen, kann es weitergehen.

Je nach Geländebeschaffenheit und Baumzustand entscheidet der Forstwirt, welche Fälltechnik er anwendet. Ein Stück weiter oben im Revier der Niedersächsischen Landesforsten nutzen die Forstwirte Eike Windolff und Frank Götte eine andere: Mit einem Stahlseil werden die Bäume umgezogen.

Das nimmt mehr Zeit in Anspruch, ist ab der dort stehenden Baumstärke aber Vorschrift, erklärt Försterin Svenja Schmidt von den Niedersächsischen Landesforsten. Mit einer manuell ausfahrbaren Stange wird ein Dyneema-Seil (dickes Stoffseil) weit oben am Baum angelegt, das das Stahlseil vom Skidder um den Baum führt.

Auch bei dieser Variante braucht es Fallkerb und Fällschnitt – wieder das mahnende „Achtung!“ Der Skidder zieht, wieder Blick Richtung Krone, wieder knackt und reißt es, bevor der Baum aufschlägt. Beim Aufprall splittern Äste, der Stamm bricht. Holzsplitter und Bruchstücke fliegen. Gut, dass alle Sicherheitskleidung tragen und weit genug wegstehen.

Sarah Schnieder

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