Grenzöffnung

30 Jahre Mauerfall: Zeitzeuge aus Hann. Münden weint heute noch vor Freude

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Ungewohntes Bild: Massen von Fahrzeugen der DDR-Marken Trabant und Wartburg am Grenzübergang Wartha/Herleshausen am 10. November 1989. 

Thomas Tölle erinnert sich 30 Jahre später noch begeistert an den Mauerfall. Am 10. November 1989 fuhr er Richtung Grenze - mit einer besonderen Überraschung im Gepäck. 

Als Thomas Tölle die Grenzöffnung erlebte, krabbelte der Autor dieser Zeilen noch um den heimischen Wohnzimmertisch. Tölle (60) aber erinnert sich auch nach drei Jahrzehnten noch gut an den Tag, der für viele Deutsche alles veränderte. Das Wort „Wahnsinn“ lag in der Luft.

Im Gespräch ist Tölles Begeisterung noch heute deutlich zu spüren. Tölle ist leidenschaftlicher Motorradfahrer. Seine Touren führten und führen ihn immer wieder zur innerdeutschen Grenze. 

Als er am 9. November von der Grenzöffnung hörte, zog es ihn zunächst ins nahe Besenhausen. Eine riesige Autoschlange hatte sich vor der Grenze gebildet, aber an dieser Stelle ging es für ihn nicht weiter. 

Thomas Tölle heute in seiner Heimatstadt Hann. Münden. 

Daher entschied sich Tölle, am Folgetag, dem 10. November 1989, zum offiziellen Grenzübergang Wartha/Herleshausen an der A4 zu fahren. 

Kurzerhand lud er seine Mutter und seine Schwester ins Auto, um mit einem großen Satz Reisekarten in Richtung Grenze aufzubrechen. „Ich habe überlegt, was die Leute am dringendsten gebrauchen könnten. Da fielen mir spontan die Karten ein. 

Hann. Mündener brachte Karten für den Westen 

In der DDR gab es natürlich für die Bürger keine Straßenkarten von der Bundesrepublik“, erklärt Tölle. Die Besucher aus dem Osten seien darüber sehr dankbar gewesen. 

Selbst in die DDR zu fahren, gelang ihm aber auch an diesem Tag nicht. Zu dicht war der Verkehr. Das holte er später auf dem Motorrad nach.

Zudem erinnert sich Tölle an eine Anekdote aus der Mündener Altstadt, die sich in ähnlicher Form sicher häufiger ereignet hat: An einer der damals noch in der Stadt verteilten Telefonzellen stand eine Familie aus der DDR und rätselte. 

Der Grund: Sie hatten keine Pfennigstücke. „Ich habe ihnen etwas geliehen und sie später mit meinem Auto mitgenommen“, erzählt Thomas Tölle. 

Die innerdeutsche Grenze: aufgenommen in der Nähe von Etzenborn (Landkreis Göttingen) im November 1989. 

Beim Supermarkt in Hermannshagen habe er beobachtet, wie die Besucher ihr Begrüßungsgeld ausgegeben haben. Einen Andrang wie in Duderstadt, das scherzhaft in Trabitown umbenannt wurde, habe es in Hann. Münden nicht gegeben. 

Noch heute ist Tölle gern in den neuen Bundesländern unterwegs. Viele ehemalige und auch einige aktuelle Kollegen kommen aus Thüringen. 

Engagement in Hann. Mündener Geschichtsverein 

Regelmäßig stattet er ihnen einen Besuch ab. Tölle, der sich ehrenamtlich für den Geschichtsverein Sydekum in Hann. Münden engagiert, betont: „Ich habe bisher nur positive Erfahrungen mit Menschen aus der ehemaligen DDR gemacht.“ Manchmal, wenn er die Bilder von damals im Fernsehen sehe, weine er auch heute noch – vor Freude. 

Sein Sohn, der mittlerweile ungefähr so alt ist, wie Thomas Tölle damals, kenne die DDR nur aus Erzählungen. Aber: „Je älter er wird, desto mehr interessiert er sich dafür, was damals war“, freut sich Tölle.

Grenzmuseen in Südniedersachsen und Nordhessen

Wer sich über die ehemalige innerdeutsche Grenze und das Leben im einstigen Grenzgebiet informieren möchte, hat dazu Gelegenheit in einem der Grenzmuseen der Region. Das Grenzlandmuseum Eichsfeld am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt-Worbis bei Teistungen nimmt beispielsweise im ehemaligen Zollverwaltungsgebäude auf insgesamt 1100 Quadratmetern die Geschichte der Sperranlagen, das Leben im Grenzgebiet und die Massenflucht aus dem thüringischen Böseckendorf in den Blick. 

Das Grenzmuseum Schifflersgrund in Asbach-Sickenberg präsentiert unter anderem die Technik des Eisernen Vorhangs. Im Grenzlandmuseum Bad Sachsa geht es um den Verlauf und den Ausbau der Grenze im Harz. Dort kann unter anderem ein Beobachtungsturm der Grenztruppen besichtigt werden. 

Die Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön thematisiert die Geschichte eines bekannten amerikanischen Beobachtungsstützpunktes. In Marienborn-Helmstedt ist der ehemalige Übergang an der damaligen Transitstrecke nach Berlin zu sehen.

Kommentar: Freiheit ist nicht selbstverständlich

Für meine Generation ist es selbstverständlich, in einem vereinigten und freien Deutschland zu leben. Scharfe Grenzkontrollen, wie einst an der innerdeutschen Grenze, gehören in Mitteleuropa der Vergangenheit an. Das war nicht immer so. 

Viele Leser werden sich noch sehr gut an die oft schikanösen Kontrollen an der Transitstrecke – oder daran erinnern, dass Ausflüge in die Region oft am Eisernen Vorhang endeten. Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie ist Ergebnis eines täglichen Einsatzes jedes Einzelnen von uns.

 Der 9. November ist nicht nur ein Tag der Freude. Der 9. November 1938 mahnt uns, nicht auf politische Versprechungen von Demagogen hereinzufallen. Wir dürfen nicht wegschauen, wenn in unserem Land wieder Jagd auf Minderheiten und Andersdenkende gemacht, wenn rassistische Gedanken und Hetze wieder salonfähig werden. 

Angst und Ohnmachtsgefühle ob der Zukunft sind einerseits zutiefst menschlich. Wir sind aber andererseits tatsächlich keineswegs ohnmächtig. Ob im Sport- oder im Geschichtsverein: Es gibt viele Möglichkeiten, die Gesellschaft vor Ort mitzugestalten. Nutzen wir sie. Wir selbst haben es in der Hand.

Die Grenzöffnung wurde an vielen Orten in der Region gefeiert, wie beispielsweise beim Grenzlandmuseum Eichsfeld. 

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