Widerstand im NS-Staat

Mündener Karl Laabs rettete 100 Juden vor dem Tod

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Präsentierten das Buch über Karl Laabs im Mündener Rathaus: Marlis Laabs, Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin, Frank Laabs. 

Schwarz und weiß lassen sich nicht immer trennen. Dass das Verhalten im Zweiten Weltkrieg auch von persönlichen Einstellungen abhing, zeigt das Beispiel Karl Laabs. Über ihn ist ein Buch erschienen.

„Wer einen Menschen rettet, rettet die Welt“, heißt es in einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, dem Talmud. Trifft dies zu, dann hat der Mündener Karl Laabs die Welt wohl mehr als 100 Mal gerettet.

Als Kreisbaurat und Feldwebel der Luftwaffe war Laabs im Zweiten Weltkrieg in Krenau/Chrzanów im damaligen Oberschlesien stationiert.

Hier sorgte er 1943 dafür, dass ein Treck mit knapp 100 polnischen Juden nicht nach Auschwitz, sondern zunächst zu seinem Grundstück und anschließend nach Mislowitz im heutigen Tschechien und damit zunächst in Sicherheit brachte.

In Yad Vashem, der „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ in Jerusalem wird der Judenretter aus Münden heute als einer von wenigen Deutschen als Gerechter unter den Völkern verehrt.

Über das Leben des gebürtigen Mündeners und Judenretters Karl Laabs hat der Historiker und pensionierte Studiendirektor Reinhold Lütgemeier-Davin kürzlich eine Biografie vorgelegt, die er nun in Hann. Münden vorstellte.

„Für mich war es interessant, mich mit dem Schicksal einer Person der damaligen Zeit zu beschäftigen, die menschliche Regungen zeigt“, erklärt der Historiker seine Motivation.

Karl Laabs sei eine willensfeste, mitunter rigoros und zugleich überlegt handelnde Persönlichkeit gewesen. Neben Selbstlosigkeit, Unerschrockenheit, Nächstenliebe und Ausrichtung an Prinzipien wie Anstand, Sittlichkeit, Moral und Menschlichkeit seien das wichtige Voraussetzungen für sein Handeln gewesen.

Laabs sei aber nicht sein ganzes Leben ein Held gewesen. Vielmehr habe er eingegriffen, als er gemerkt habe, dass es nötig sei.

Hinzu komme, dass sich Laabs nie selbst als Held gesehen, sondern über seine Rettungstaten eher geschwiegen habe. Erst ab 1971 habe er sich um Anerkennung seiner Taten bemüht.

Rettete Juden vor der Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz: Karl Laabs, hier in der Uniform als Feldwebel. Das Bild entstand 1943. 

Der Historiker hatte sich bereits vor knapp 20 Jahren mit Laabs für einen Aufsatz im Sammelband „Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht“ beschäftigt.

Zufällig entdeckte der geschichtsinteressierte Hann. Mündener Hermann Fricke diese Forschungsarbeit und regte an, weiter nachzuforschen und auch den lokalen Bezug zur Dreiflüssestadt in die Recherchen miteinzubeziehen.

Für diesen lokalen Bezug brauchte der Historiker weitere Quellen. Die fand er, unter anderem im Mündener Stadtarchiv: „Ich bekam die Anfrage, und mir war schnell klar: Den kenne ich, da können wir nachsehen“, beschreibt Stadtarchivar Stefan Schäfer.

Zusammen mit dem Archiv der deutschen Jugendbewegung auf der Burg Ludwigsstein, dem Kontakt zu Nachfahren, unter anderem Marlis und Frank Laabs aus Reinhardshagen-Vaake, verdichtete sich das Bild. „Ich danke der Stadt Hann. Münden für die gute und intensive Zusammenarbeit“, lobt Autor Lütgemeier-Davin.

Ihm falle auf, dass sich die Stadt Hann. Münden sehr vorbildlich für die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit engagiert.

Dabei verwies der Historiker auf die Erinnerungsplakette an der Rotunde und die Gedenkstele vor dem Rathaus.

Bürgermeister Harald Wegener möchte Karl Laabs und seinen Bezug zu Münden in Israel bekannter machen. Dazu habe er beim Besuch in Holon seinen dortigen Amtskollegen auf das Buch und das Thema angesprochen.

Er habe zudem Verantwortliche der Medienfördergesellschaft Nordmedia auf das Thema angesprochen, um die Stadt Hann. Münden mit diesem und möglicherweise weiteren Themen auch als Filmkulisse beliebter zu machen, so Wegener.

Ein Lebensweg mit Ecken und Kanten

Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin zeichnet in „Karl Laabs. Ein Juden- und Polenretter in Krenau/Chrzanow“ den Lebensweg des 1896 in Hann. Münden geborenen Karl Laabs nach. 

Schicksalhaft war für Laabs, dass er während des Zweiten Weltkriegs im Zuge der Germanisierungspolitik der Nationalsozialisten als Kreisbaurat und Feldwebel der Luftwaffe nach Krenau/Chrzanów im damaligen Oberschlesien abkommandiert wurde. Hier entschloss sich der Vater mehrerer Kinder aus zwei Ehen zu einer Aktion, die er offenbar nur mit sich selbst ausgemacht hatte: Er war mit einer als Umsiedlung getarnten Deportation von polnischen Juden beauftragt. 

Statt sie in den Tod zu schicken, brachte er sie aber in Sicherheit. Nach außen hin mimte er Gehorsam. „Ich habe keine Zeit mit Ihnen herumzuquatschen, Heil Hitler“, mit diesen Worten soll er Polizisten, die ihn stoppten, abgewimmelt haben. Den Treck führte er anstatt nach Auschwitz zu seinem Haus. Dort warteten als Gütertransporte getarnte Lastwagen. Sie brachten die knapp hundert Juden nach Mislowitz (heute Tschechien) „in der Gewissheit, dass sie dort fürs Erste sicher sind“. 

Abgesehen von der Zeit als Wehrmachtsoffizier hielt sich Laabs bis zu seinem Tod 1979 in Nordhessen und Südniedersachsen auf: Zwischen Göttingen, wo er eine Lehre als Steinhauer und Maurer gemacht, und Kassel, wo er an der Kunstgewerbeschule studiert hatte. 

Eine Anstellung als Gewerbelehrer war Laabs 1933 wegen antinationalistischer Haltung versagt worden. Später biederte er sich Vertretern der NSDAP an und machte in seinem Beruf Karriere: Sie begann als Bauamtsleiter in Hann. Münden. Noch bis Kriegsende lebte Laabs in Krenau, von wo aus er und seine Familie zum Kriegsende vor der Roten Armee in Richtung Westen flohen. 

Am Ende landete Laabs im Fliegerhorst Rothwesten und damit in seiner nordhessischen Heimat. Aus seinem Entnazifizierungsprozess in Hofgeismar ging Laabs als entlastet hervor. 

Laabs Geschichte erinnert ein wenig an die des Unternehmers Oskar Schindler (1908 – 1974). Schindler war ein deutsch-mährischer Industrieller, der während des Zweiten Weltkriegs mit seiner Frau 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in NS-Vernichtungslagern bewahrte. 

Auf Listen (Steven Spielberg Film, 1993, hieß „Schindlers Liste“) zählte Oskar Schindler Juden auf, die unabkömmlich für seine Fabriken seien und rettete deren Leben.

Service: Reinhold Lütgemeier-Davin: Karl Laabs, Schüren Verlag Marburg, 14,80 Euro, 140 Seiten.

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