Er leidet noch unter Folgen

Mündener rettete Frau Leben und wurde angegriffen

Helfer: Dierk Gefroi aus Hann. Münden hat Zivilcourage geleistet und hat bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Foto: Nieswandt

Hann. Münden/Speele. Dierk Gefroi hat einer Frau das Leben gerettet. Als Konsequenz daraus kann er seinen linken Arm sein ganzes Leben lang nur noch bedingt benutzen.

„Ich werde quasi jeden Tag daran zurückerinnert, dass ich Zivilcourage gezeigt habe“, sagt der 45-Jährige, der in Hann. Münden wohnt. Bis heute ist er nur bedingt arbeitsfähig.

Rückblick: Es ist der 3. Dezember 2008, als Gefroi spät abends nach Hause kommt und ins Bett gehen möchte. Er wohnte zu dieser Zeit mit seiner Frau und seiner damals dreijährigen Tochter in Speele in einem Mehrfamilienhaus. „Ich hörte laute Stimmen auf dem Gemeinschaftsflur und wollte nur darum bitten, dass sie ein wenig leiser sprechen.“

Doch als er die Tür öffnet, erblickt er die Vermietern und den Ex-Freund ihrer Tochter. Er bedroht die Frau mit einem Klappmesser. Er habe wohl zu seiner Ex-Freundin gewollt. „Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass Uwe (Name geändert, Anm. d. Red.) zwei Promille Alkohol im Blut hatte. Mein erster Gedanke war, Uwe aus dem Haus zu befördern, damit er niemanden verletzt“, sagt Gefroi. Er habe ihn höflich gebeten, das Haus zu verlassen. „Ich habe mir gar keine Gedanken gemacht, was passieren könnte, auch das Messer habe ich nicht bewusst wahrgenommen. Ich wollte nur nicht, dass der Vermieterin etwas passiert.“ Dass Uwe zusticht, da sei er sicher gewesen. „Er war wie in Rage.“ Nachdem die Worte nicht zu Uwe durchdrangen, schob Gefroi ihn sanft zur Tür hinaus.

Er rief um Hilfe 

Dabei schnitt Uwe ihm mit dem Messer in die Hand. „Ich war so voller Adrenalin, dass ich den Schmerz nicht wahrgenommen habe.“ Draußen sei Uwe dann ausgerastet und habe Gefroi die Treppe hinabgeworfen. „Ich bin auf den Metallhalter für die Wäschespinne gefallen, er hat sich in meinen linken Arm gebohrt“, erinnert sich Gefroi.

Schläge ins Gesicht 

Uwe sei ihm auf den Rücken gesprungen und habe ihn ins Gesicht geschlagen. „In diesem Moment hatte ich wirklich Todesangst. Ich habe keine Luft mehr gekommen und war vor Schmerz fast vernebelt“, erinnert sich Gefroi. Er habe um Hilfe gerufen.

Erst der Sohn der Vermieterin habe ihm geholfen und Uwe von ihm herunter gestoßen. Er war es auch, der wegen der Lautstärke vorher die Polizei alarmiert hatte.

„Vier Polizisten waren nötig, um Uwe Handschellen anlegen zu können. Einen hat er in die Rippen getreten, zwei waren gebrochen“, sagt Gefroi. Er sei bei verschiedenen Ärzten gewesen, bis sie festgestellt haben, was er hat.

„Durch die Eisenstange ist mein Trizeps durchgerissen und oberhalb wieder zusammengewachsen. Ich kann keine schweren Dinge mehr heben“, sagt Dierk Gefroi. Seiner Arbeit als Kraftfahrer habe er nicht mehr nachgehen können. Bis heute ist er auf der Suche nach einem Job. Zwischenzeitlich hat er immer mal wieder gearbeitet.

„Ich bin noch immer in ärztlicher Behandlung und werde auch nicht mehr davon weg kommen. Aber ich bin bedingt arbeitsfähig“, sagt er. Mit 45 in Rente zu gehen, sei ihm zu früh, er wolle lieber wieder arbeiten gehen.

Nie ein Dankeschön bekommen

Dierk Gefroi hat nie ein Dankeschön dafür bekommen, dass er seine Vermieterin beschützt hat. „Nach einiger Zeit hat mich die Familie sogar beschimpft, ich sei faul und solle wieder an die Arbeit gehen“, sagt er. Er sei deshalb mit seiner Familie umgezogen.

Auch von Uwe, von dem er einen Brief erhalten hat, in dem dieser erklärt, dass er sich in seinem Verhalten selbst nicht wiedererkannt hat, hat er nie eine Entschuldigung erhalten.

Die Gerichtsverhandlungen haben sich vier Jahre lang hingezogen. „Zu Beginn lag die Forderung nach Schadensersatz bei 250.000 Euro, da ich viele Monate Arbeitsausfälle hatte. Die haben wir nicht bekommen. Die letzte Forderung lag bei 31.000 Euro“, sagt Gefroi. Bekommen habe er 11.000 Euro. „Um mir eine neue Existenz aufzubauen, war das zu wenig.“ Uwe habe eine Bewährungsstrafe bekommen, da er Student und mittellos gewesen sei. „Für ihn ging das Leben ganz normal weiter, ich werde wegen meines Armes jeden Tag daran erinnert“, sagt Dierk Gefroi. Trotzdem würde er wieder Menschen helfen, die in Not sind. „Auch wenn ich mich dabei wieder verletzten sollte, würde ich einer anderen Person helfen. Wenn es um die eigene Familie geht, dann hilft man auch. Warum sollte man das bei einem Fremden unterschiedlich handhaben?“

Dankeschön.

Von Leona Nieswandt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.