Interview mit drei ehemaligen Bundeswehroffizieren

Nach Fall des rechtsextremen Offiziers: Bundeswehr braucht mehr Zeit für Führung

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Drei ehemalige Bundeswehroffiziere: Von links die Oberstleutnante a.D. Hartmut Rohr, Franz von Luckwald und Wulf Richter. Hartmut Rohr und Wulf Richter leben in Hann. Münden, Franz von Luckwald in Reinhardshagen. 

Hann. Münden. Der Fall des rechtextremen Offiziers Franco A. sorgt für Diskussion über die Wehrmacht. HNA- Redakteur Helmut Krischmann sprach darüber mit den ehemaligen Bundeswehroffizieren Franz von Luckwald, Wulf Richter und Hartmut Rohr.

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen hat als Reaktion auf die Festnahme des rechtsextremen Oberleutnants Franco A. alle Kasernen nach Devotionalien der Wehrmacht und der NS-Zeit durchsuchen lassen. War das angemessen?

Wulf Richter: Das war angemessen, es war ein kräftiger Denkanstoß. Es ist aber nicht damit getan, Kasernen umzubenennen oder eine Wand zu übertünchen, sondern es gehört wesentlich mehr dazu. Man muss in der Truppe den Vorgesetzten wieder mehr Zeit für die Führung von Menschen geben, damit sie mit ihren Soldaten im Gespräch bleiben und führen können.

Die Innere Führung ist zu kurz gekommen?

Franz von Luckwald: Innere Führung kann auch zu kurz kommen, weil die Auslandseinsätze die Bundeswehr mit der damit verbundenen intensiven militärischen Ausbildung bis an die Grenze des Zumutbaren belasten. Unter dieser Belastung kann das Thema „Innere Führung“ schon mal zu kurz kommen.

2011 ist die Wehrpflicht ausgesetzt worden, seitdem ist die Bundeswehr eine Freiwilligenarmee. Im Zusammenhang mit dem Fall Franco A. wurden Forderungen laut, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Was meinen Sie?

Hartmut Rohr:Eine Wehrpflichtarmee beugt sicherlich nicht dem Terrorismus vor.

Warum nicht?

Rohr: Gegen terroristisches und extremistisches Gedankengut muss man politische Bildung einsetzen, Aufklärung betreiben. Auch bei einer Wehrpflichtarmee könnten solche Leute mit so krudem Gedankengut einsickern. Wir brauchen Aufklärung, Ausbildung, Sensibilisierung in der Truppe.

Die Bundeswehr-Universität, die nach Helmut Schmidt benannt ist, ließ ein Foto, das Schmidt in Wehrmachtsuniform zeigt, abhängen. War das richtig oder überzogen?

Richter: Das war eine überzogene Reaktion. Ich glaube, das hat man zu sehr an der Uniform festgemacht als sichtbarem Ausdruck der Wehrmacht, die als Gewaltpotenzial in dem NS-Staat agiert hat. Die Person Schmidt hat man überhaupt nicht berücksichtigt. In dem gleichen Zusammenhang könnte man auch den Oberst Graf von Stauffenberg nehmen, der trug ja auch die Wehrmachtsuniform. Da würde ich mich genauso wie bei Schmidt vehement dagegen wehren, dass man zwei Persönlichkeiten, die sich verdient gemacht haben und teilweise Schuld für uns auf sich genommen haben, in dieser Weise verunglimpft.

Verteidigungsministerin von der Leyen will als Reaktion auf den Fall Franco A. und das rechtsextremistische Netzwerk einen neuen Traditionserlass erarbeiten lassen mit dem Ziel, der Tradition der Wehrmacht ein Ende zu setzen. Soll man mit der Tradition brechen oder sie bewahren?

von Luckwald: Tradition kann nicht mit einem Erlass befohlen werden. Man kann Rahmenrichtlinien geben, eine Rahmenrichtlinie lässt immer Interpretationen zu. Auszuschließen ist so ein Vorfall wie der des rechtsextremen Franco A. nie, weil überall wo Menschen handeln auch Fehler möglich sind.

Richter: Ihre Aussage, mit der Tradition der Wehrmacht brechen, trifft so nicht zu. Wir leben in der Bundeswehr nicht in der Tradition der Wehrmacht.

von Luckwald: Wenn irgendwo ein Wehrmachtshelm in einem Besprechungsraum von Unteroffizieren oder Offizieren hängt, da denkt doch keiner, dass dieses Bataillon in der Tradition des Dritten Reiches steht. Wir müssen schon aufpassen, dass wir nicht zuviel politisch interpretieren.

Rohr: Tradition wird definiert als die Überlieferung von Werten und Normen, sie bildet sich in einem Prozess werteorientierter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Da kommen wir zu der Frage, welches Geschehen aus früherer Zeit einer werteorientierten Überprüfung standhält, sodass wir es heute als Tradition nutzen können. Das ist schwierig, wenn hervorragende Einzeltaten im Gesamtkontext mit dem Unrechtsregime des Dritten Reichs stehen. Die Frage lautet: Können Einzeltaten losgelöst von dem ganzen Geschehen betrachtet werden?

Was meinen Sie?

Rohr: Ich würde generell einen Strich drunter machen und auf das Besinnen, wofür die Bundeswehr steht: Über 70 Jahre Frieden in Mitteleuropa. Dabei hat sich die Bundeswehr als demokratiefest erwiesen und kann auf erfolgreiche humanitäre Hilfen im In- und Ausland verweisen. Es gibt genügend Anlässe, die sich zur eigenen Traditionsfindung eignen. 

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