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Am Ende blieb nichts mehr: Das Schicksal der jüdischen Familie Madelong

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September 1937: Noch dürfen Harry und Hertha Madelong Spaziergänge in die Umgebung unternehmen.
September 1937: Noch dürfen Harry und Hertha Madelong Spaziergänge in die Umgebung unternehmen. © Sammlung Erinnerung & Mahnung e. V. im Stadtarchiv. Repro: Schäfer

Am 9. November wurde den vertreiben und ermordeten Juden in Hann. Münden dem ganzen Land gedacht. Stadtarchivar Stefan Schäfer berichtete vom Schicksal der Familie Madelong. Sie wurden entrechtet, vertrieben, deportiert und ermordet.

Hann. Münden – Zusammengetrieben in Hannover, fuhren über 500 Jüdinnen und Juden aus dem Raum Südhannover einer ungewissen Zukunft entgegen.

Unter ihnen 15 Jüdinnen und Juden aus Münden, die, so der behördliche Sprachgebrauch, zur Aussiedlung in den Osten vorgesehen waren. Der Zug erreichte am 31. März 1942 Warschau. Die Menschen wurden in das Warschauer Ghetto gepfercht. Dieses ist die letzte Kenntnis von diesen Menschen. Ob sie im Warschauer Ghetto starben oder in einem Vernichtungslager, hier ist in erster Linie an Treblinka zu denken, wir wissen es nicht.

Hann. Münden: Jüdische Familie lebte assimiliert in der Stadt

Von Juli 1942 bis August 1943 wurden in Treblinka insgesamt etwa 700 000 bis zu 1 000 000 Jüdinnen und Juden, zumeist aus dem Warschauer Ghetto, dort unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Harry und Hertha Madelong und der 1933 in Münden geborene Sohn Gerhard, tauchten in den amtlichen Quellen ein letztes Mal auf, als ihre Namen für die Reise in den Tod in Hannover auf die Transportliste getippt wurden. Die Deutsche Reichsbahn gewährte hierfür einen Gruppenreisetarif.

Der Faden für die Geschichte der Familie Madelong soll im Jahre 1933 aufgenommen werden. Seit 1931 verheiratet, war Hertha Anfang 1933 in anderen Umständen, wie man damals eine Schwangerschaft beschrieb. Der erste April 1933 war der Moment des ersten Boykotts gegen jüdische Geschäfte und der Beweis, dass Hitlers NSDAP und dessen SA ihre Ankündigungen in die Tat umsetzen würden.

Seit 1902 betrieb die Familie Madelong ein von Vater Georg gegründetes Schuhgeschäft im Hause Lange Straße 84. Mit gerade mal 24 Jahren übernahm Harry 1924 das Geschäft. Über 100 Jahre lang hatten die Mitglieder der Familie Madelong einen guten Ruf in Münden genossen.

Hann. Münden: Geschäft musste schließen

Doch Hass und Hetze setzten jetzt besonders zu: Der Schuhhersteller Salamander entzog im Dezember 1935 das Vertriebsrecht seiner Schuhe durch jüdische Händler und zwang zum Abverkauf. 490 Paar Schuhe stellten einen Wareneinkaufswert von rund 3000 Reichsmark dar. Auch das Modehaus Rosenberg musste einen Totalausverkauf machen. Teile der Familie verließen Deutschland und gingen ins Exil. Familie Madelong blieb.

Am 30. Oktober 1937 teilte Harry Madelong mit, dass er ebenfalls seinen Geschäftsbetrieb auflösen müsse, da der Umsatz außerordentlich zurückgegangen sei. Bis Ende Januar 1938 lief der Schlussverkauf. Dann zog der Fischhändler Karl-Heinz Einatz in das Ladengeschäft als Pächter ein. Mit einem Antrag auf einen Reisegewerbeschein wird ein letzter Versuch unternommen, noch einen geringen Verdienst zu erzielen. Ein Erlass aus dem Reichswirtschaftsministerium führt zum Verlust der Gültigkeit dieser Gewerbescheine zum 30. September 1938 für alle jüdischen Geschäftsleute. Damit ist die Familie bereits vor der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 verarmt. In den Morgenstunden des 10. November wird Harry Madelong, wie alle erwachsenen jüdischen Männer in Münden, verhaftet und für mehrere Tage in das Gerichtsgefängnis Göttingen verschleppt. Die Wohnung wurde von den SA-Männern demoliert.

Spur von Familie Madelong verliert sich im Warschauer Ghetto

Am 1. September 1939 wurde darauf gedrängt, dass die Familie Madelong die Wohnung in dem von Karl-Heinz Einatz inzwischen gekauften Haus sofort räumen müsse. Am 7. März 1940 schrieb Einatz erneut an die Stadt, dass Madelong die Wohnung endgültig verlassen müsse.

Aufnahme fand die Familie bei der ebenfalls jüdischen Familie Sommerfeld in der Siebenturmstraße 3. Wie allen noch im November 1938 in Deutschland verbliebenen Familien, wurde auch der Familie Madelong das Konto gesperrt und aus dem Verkaufsvermögen des Hauses nur ein Handgeld freigegeben, das kaum zur Existenzsicherung ausreichte. Der Krieg erschwerte eine Ausreise. Drangsal wuchs: ab September 1941 zum Tragen des „Judensterns“ gezwungen, der Rundfunkgeräte beraubt und nur noch zu bestimmten Zeiten in bestimmte Läden zum Einkauf des Wenigen gezwungen, erhielt die Familie im März 1942 die Aufforderung zur „Ausreise“.

Ida Madelong, Mutter von Harry Madelong, erhielt die Aufforderung im Juli 1942. Ihre Reise endete, nach einem Zwischenaufenthalt in Theresienstadt, am 23. September 1942 in Treblinka, dort wurden die Ankommenden am gleichen Tag in den Gaskammern getötet. (Stefan Schäfer)

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