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Personalmangel: Gastronomie und Hotellerie schränken Service ein

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Von: Kim Henneking

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Auf einer Tafel vor einem Restaurant wird nach Mitarbeitern für den Service- und Küchenbereich gesucht. Die Gastronomie kämpft mit Personalmangel.
Servicekräfte werden in vielen Städten gesucht. © dpa/Jens Büttner

Wer durch die Fußgängerzone in Hann. Münden geht, dem fällt beim Blick in Cafés und Restaurants auf, dass Personal gesucht wird. Einige Läden schränken deshalb ihre Öffnungszeiten ein.

Grund dafür ist meist nicht die Pandemie, sondern der sich seit Langem anbahnende Fachkräftemangel, wie die Betroffenen berichten. „Buchungstechnisch können wir uns nicht beklagen“, sagt Guido Einecke, erster Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Hann. Münden und Inhaber des Ratsbrauhauses am Markt. Aber auch er habe zwei Ruhetage pro Woche einführen müssen, weil ihm Köche und Servicepersonal fehlen. „Die haben aber schon vor der Pandemie gefehlt“, sagt Einecke. Im Ratsbrauhaus habe es keine coronabedingten Kündigungen gegeben. Der Restaurantbetreiber sieht einen Grund für den Fachkräftemangel in den Arbeitszeiten der Branche: „Keiner will mehr abends und am Wochenende arbeiten. Alle suchen Work-Life-Balance.“

Ähnliche Erfahrungen macht auch Annette Rothweiler, Inhaberin des Flux-Biohotels und Restaurants in Laubach. Sie hat in allen Bereichen freie Stellen und Ausbildungsplätze zu vergeben. Trotz reichlicher Anfragen hat das Restaurant zwei Ruhetage und sogar Hotelzimmer sind für die Buchung gesperrt. „Nach so langer Schließungszeit würden wir gerne auf Volllast fahren. Das ist wirklich frustrierend.“ Aber sie wolle ihren Betrieb für alle angenehm gestalten – Kunden und Angestellte. „Wenn wir gestresst sind, haben die Gäste keinen guten Aufenthalt.“ Eine Veränderung in den Erwartungen an das Arbeitsleben beobachtet auch Annette Rothweiler: „Zu meiner Zeit waren die Arbeitsbedingungen alternativlos. Heute machen die jungen Leute nicht mehr alles mit.“ Um den Beruf attraktiver zu gestalten, versuche sie die Arbeitszeiten anzupassen, doch die Möglichkeiten sind in der Branche naturgemäß begrenzt. Auch die ländliche Lage und schlechtere Anbindung an den ÖPNV erschwere die Personalsuche. Umso mehr freut sie sich über zwei neue Auszubildende, die im Oktober zum Team stoßen.

Arbeitsagentur Göttingen: Personalmangel in allen Branchen

„Wir haben schon geraume Zeit nicht mehr nur einen Fachkräftemangel, in vielen Bereichen fehlen überhaupt Arbeitskräfte“, sagt Klaudia Silbermann, Chefin der Arbeitsagentur Göttingen. Es gebe in allen Berufsgruppen schwer zu deckende Bedarfe. Die freien Stellen alleine sagen laut Agentursprecherin Christine Gudd jedoch noch nichts über den Mangel aus: „Von einem Mangel an Fachkräften spricht man, wenn auf eine gemeldete Stelle weniger als drei Bewerber kommen.“ Denn eine Bewerbung garantiere noch keinen qualifizierten und passenden Bewerber. In der Altenpflege gab es beispielsweise durchschnittlich 26 Bewerber in den vergangenen zwölf Monaten für durchschnittlich 175 Stellen. Bei Klempnern, Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik waren es 18 Bewerber für 100 Stellen.

Für Agenturchefin Silbermann hat der Fachkräftemangel vielfältige Gründe. Zum einen gehen die geburtenstarken Jahrgänge aktuell und in den kommenden Jahren in Rente und hinterlassen viele freie Stellen. Die nachrückende Jugend lasse sich aber für viele „vermeintlich“ unattraktive Berufe nicht leicht begeistern. Die Coronapandemie habe diese allgemeine Entwicklung noch verstärkt. Beispielsweise weil der Personalbedarf höher geworden ist – wie im Gesundheitsbereich – weil Firmen in der Krise kein neues Personal angestellt haben und weil viele Fachkräfte sich während des Lockdowns neue Arbeitsstellen gesucht haben.

Dieser Entwicklung könne in einigen Bereichen eventuell durch Digitalisierung und Automatisierung kompensiert werden. „Technische Neuerungen und fortschreitende Digitalisierung bringen neue Möglichkeiten, um Personal anders einsetzen zu können und Standardprozesse zu automatisieren. Das kann Entlastung schaffen.“ Darüber hinaus könne sich der Arbeitsmarkt nur langsam anpassen, da Ausbildungen mehrere Jahre dauern. „Wir müssen mit allen Akteuren am Arbeitsmarkt Wege finden, mehr Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das kann auf verschiedene Weise geschehen, zum Beispiel durch gezielte Erwerbsmigration, durch Qualifizierung von Arbeitslosen und Beschäftigten sowie Chancen für Langzeitarbeitslose.“ Außerdem müssten Eltern und Jugendliche auch für Karrierechancen durch Berufsausbildungen sensibilisiert werden und Betriebe offen für Bewerber sein, „die erst auf den zweiten Blick überzeugen“. Als „Schlüssel“ bezeichnet sie lebenslanges Lernen sowie Umschulungsangebote für kranke und ältere Arbeitnehmer und ein leichter Wiedereinstieg nach einer Familienphase, beispielsweise durch flexible Arbeitszeitmodelle.

Das meiste Personal im Bezirk der Agentur für Arbeit Göttingen (Landkreise Göttingen und Northeim) wird laut Agentur mit Stand Juli 2022 bei wirtschaftlichen Dienstleistern, überwiegend Zeitarbeitsfirmen, gesucht (1967 freie Stellen). Darauf folgen freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen (834), Gesundheits- und Sozialwesen (834), Kfz-Branche (749) und verarbeitendes Gewerbe (678), Baugewerbe (368) und Gastgewerbe (311). 

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