Interview mit Mitglied der Kammerversammlung

Pflegekammer Niedersachsen: „Wir stehen auf der Seite der Pflegenden“

Seit Jahresbeginn protestierten Pflegefachkräfte mehrfach gegen die Pflegekammer Niedersachsen. Sie protestieren unter anderem gegen die Pflichtmitgliedschaft und hohe Mitgliedbeiträge. 

Landkreis Göttingen – Auch Pflegekräfte aus dem Landkreis Göttingen waren bei den Demonstrationen in Hannover dabei. 

Stefan Glahn, Pfleger am Universitätsklinikum Göttingen und Mitglied der Kammerversammlung, sitzt zwischen den Stühlen. Er versteht die Kritik seiner Kollegen – sieht aber auch die Notwendigkeit einer Kammer. Und er sagt: „Ich will in 20 Jahren ohne ein Kammersystem nicht gepflegt werden.“

Tausende gehen seit Jahresbeginn gegen die Pflegekammer auf die Straße ...

Stefan Glahn

Stefan Glahn: Ich finde es gut, dass meine Kollegen auf die Straße gegangen sind und ihren Unmut äußerten. Dadurch habe ich gesehen, dass Pflege noch etwas bewegen kann und sich gebündelt auf die Straße stellt. Denn eigentlich sind wir Pflegenden zerrissen: Wir sind Altenpfleger, Krankenpfleger, Kinderkrankenpfleger und noch vieles mehr – und so zerstückelt innerhalb der Berufsgruppe, dass wir keinen einheitlichen Stand mehr haben. Leider machen meine Kollegen die Pflegekammer für das Versagen der Politik der vergangenen 30 Jahre verantwortlich. Wir rasen währenddessen auf eine Alterspyramide zu. Die Pflege wird, wenn sich nichts ändert, kollabieren. Es wird zu einer Unterversorgung der Bevölkerung kommen, immer weniger Fachkräfte werden immer mehr Patienten betreuen. Die Zahl der Hilfskräfte wird voraussichtlich steigen, die Qualität der Versorgung abnehmen. Wir brauchen also jetzt eine Pflegekammer.

Mit fast 50 000 Unterschriften einer Petition gegen die Kammer haben sie kaum Rückenwind von ihren Mitgliedern.

Glahn: Diese zahlreichen Unterschriften verstehen wir Kammermitglieder als einen Auftrag. Die Kammer hat sich im August konstituiert. Sie baute sich quasi in einen luftleeren Raum ohne Rückmeldung auf. Als wir dann Rückmeldung bekommen haben, ist sie negativ ausgefallen. Aber ich bin glücklich, dass es jetzt zu einer Interaktion zwischen der Kammer und den Pflegenden gekommen ist. Wir puzzeln nicht mehr alleine vor uns hin, sondern werden jetzt an unseren Aufgaben und an dem, was wir schaffen, gemessen.

Welche Aufgaben hat die Kammer?

Glahn: Vorderste Kammerarbeit wird sein, die Belange der Pflegenden in die Politik zu transferieren. Dort gab es bislang kein Verständnis für uns. Für die Pflegenden muss ein gutes politisches Durchsetzungsvermögen geschaffen werden. Es geht darum, bei Gesetzgebungsprozessen mit eingebunden zu werden und diese mit zu beeinflussen. Denn bisher waren während dieser Prozesse Pflegende nicht vertreten. Es wurde alles über unsere Köpfe hinweg entschieden und wir wurden nicht gesehen und nicht gehört. Mit der Pflegekammer können Pflegende jetzt mitbestimmen, wie Pflege aussehen soll, wie sie mehr Verantwortung und Handlungsfreiheit bekommen und gleichzeitig entlastet werden. Und wie für den Beruf mehr Wertschätzung und Wertsteigerung geschaffen wird.

Wo will die Kammer zum Beispiel nachjustieren können?

Glahn: Konkret wollen wir beispielsweise an den Personaluntergrenzen arbeiten. Sie sollen nicht nur für besonders pflegeintensive Bereiche wie bisher gelten, sondern für alle Pflegebereiche. Wir sehen sonst die Gefahr, dass Fachkräfte abgezogen werden und die Versorgungsqualität darunter leidet.

Kritisiert werden die Mitgliedsbeiträge und die Pflichtmitgliedschaft.

Glahn: Es hat zu Beginn kein guter Transfer zu den Pflegenden über die Aufgaben und Abläufe der Kammer stattgefunden. Viele Pflegekräfte fühlten sich überrumpelt. Wir Pflegenden sind seit vielen Jahren die Prügelknaben für alles Mögliche: Kostensenkungen, die Erhöhung von Arbeitsdruck, mehr Dokumentationspflichten und und und. Wir sind am Limit, ich verstehe also die Kritik. Zur Gebührenordnung: Der Bescheid gemessen an 70 000 Euro Jahresgehalt wurde vom Errichtungssausschuss erarbeitet und bildete eine Obergrenze. Diese Obergrenze wurde nach unten korrigiert, die Selbsteinstufungen für 2019 können noch bis zum 30. April eingereicht werden. Es ist keine Entschuldigung, aber es gab eine Reihe interner Schwierigkeiten im Ablauf der Bescheiderstellung. Dadurch wurden diese spät verschickt und leider lag dem juristischen Bescheid beispielsweise kein erklärendes Beiblatt bei.

Und die Pflichtmitgliedschaft?

Glahn: Der Gesetzgeber, der die Kammer installiert hat, hat als rechtliche Form die verpflichtende Mitgliedschaft festgelegt. Wir sehen die Pflichtmitgliedschaft aber als notwendig an. So haben wir die Möglichkeit, die Pflegenden zu erreichen. Wir wollen nicht nur die Befürworter, sondern auch die Kritiker in der Kammer, damit wir zielgerichtet arbeiten können. Die Kammer lebt vom Mitbestimmungsrecht ihrer Mitglieder. Wir brauchen eine unabhängige Kammer mit Selbstverwaltung.

Es gibt die Annahme, dass die Kammer verpflichtende Weiterbildungen in der Freizeit und auf Kosten der Pflegekräfte einführen will.

Glahn: Der Gesetzgeber sieht Fort- und Weiterbildungen vor, sofern sie für die Praxis relevant sind. Viele Häuser bieten bereits Fort- und Weiterbildungen für ihre Mitarbeiter an, aber für besonders kleinere Einrichtungen ist dies eine Anstrengung. Im Moment ist es nicht geplant, dass Pflegende selbst in ihrer Freizeit Weiterbildungen machen müssen und das auf eigene Kosten. Und wir entziehen auch nicht die Berufsurkunde, wie uns vorgeworfen wird. Unser erklärtes Ziel wird es sein, dass die Arbeitgeber für die Pflegenden in ihrer Arbeitszeit die Fort- und Weiterbildungen anbieten, organisieren und fördern. Die Art und Weise der Umsetzung erarbeiten wir aber noch.

Wie wollen sie das Vertrauen in die Kammer wiederherstellen?

Glahn: Mit viel Arbeit. Das Vertrauen wieder zu gewinnen, ist recht schwer zu realisieren mit einem Gremium, das vor allem über Zeit wirken wird. Wir müssen aber ins Gespräch gehen und im Gespräch bleiben. Klar ist: Wir müssen in der Pflege etwas verändern und wir müssen das gemeinsam machen. Wir als Kammer müssen nicht nur hörbar werden, sondern auch zuhören, die Menschen ernst nehmen und ihre Leistung wertschätzen. Den Pflegenden muss aber auch klar sein: Wir stehen auf ihrer Seite. 

Rubriklistenbild: © Moritz Frankenberg/dpa

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