Porträt

Pflegekraft Heidi Engel ist täglich mit dem Tod konfrontiert

Mit der Dialyse-Maschine arbeitet Pflegekraft Heidi Engel täglich in der Uniklinik in Göttingen.
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Mit der Dialyse-Maschine arbeitet Pflegekraft Heidi Engel täglich in der Uniklinik in Göttingen.

Heidi Engel ist Pflegekraft auf der Dialysestation in der Uniklinik in Göttingen. Dort hat sie täglich mit chronisch- oder todkranken Menschen zu tun.

Göttingen/Hann. Münden – Ihre Hände stecken locker in den Taschen ihres blauen Kittels, mit schnellen Schritten läuft Heidi Engel die Gänge des Uniklinikums in Göttingen entlang. Ihre Wangen sind hochgezogen, die kleinen Fältchen an ihren Augen verdichten sich – trotz ihres Mundschutzes sieht man, dass sie freundlich lächelt. „Ich bin die Heidi. Wir können uns doch duzen, oder?“, fragt sie.

Die 49-Jährige ist Pflegekraft auf der Dialysestation in der Universitätsklinik in Göttingen. Für sie bedeutet ihre Arbeit, ihren Patienten die schwere Zeit ihrer Krankheit so schön wie möglich zu machen, sagt sie. Das sei nicht immer einfach. Denn Heidi Engel hat täglich mit chronisch- oder todkranken Menschen zu tun. „Ich habe meine Berufswahl aber bis heute nicht bereut.“

Man merke erst im Laufe der Jahre, ob man mit dem Leid, mit dem man täglich in der Pflege konfrontiert sei, klar komme. „Man darf das nicht mit nach Hause nehmen“, sagt die 49-Jährige. Für sie stehe der Gedanke, dass sie den Menschen mit ihrer Arbeit helfe, im Vordergrund.

Heidi Engel betreut hauptsächlich nierenkranke Menschen in der Uniklinik in Göttingen

„Ich bekomme auch viel zurück.“ Ein Lächeln der Patienten zum Beispiel, wenn sie den Raum betritt. „Da ist wieder meine Lieblingsschwester“, höre sie öfter – und das sei einfach schön. Auf der Dialysestation betreut Heidi Engel hauptsächlich Patienten, die nierenkrank sind oder eine Nierentransplantation brauchen. Sie benötigen eine Blutwäsche, also eine Dialyse, da die Nieren nicht mehr selbstständig arbeiten können.

Dass Patienten bei einer Dialyse sterben, komme auch manchmal vor. „Das Kreislaufsystem ist bei kranken Menschen sowieso schon geschwächt. Eine Dialyse ist noch eine zusätzliche Belastung für den Körper“, erklärt die 49-Jährige.

Was wäre, wenn der Tod nicht das Ende, sondern nur der Übergang in eine andere Dimension ist?

Heidi Engel, Pflegekraft

Mit dem Tod sei sie beinahe täglich konfrontiert. Angst habe sie davor nicht. Aufgrund ihrer Arbeit habe sie eine andere Einstellung dazu. „Was wäre, wenn der Tod nicht das Ende, sondern nur der Übergang in eine andere Dimension ist?“ Dieser Gedanke habe auch einigen ihrer Patienten dabei geholfen, die Angst vor der Endlichkeit erträglicher zu machen. Deshalb meint Heidi Engel: „Jeder Tag ist ein Geschenk.“

Trotz des Leids, das sie täglich im Krankenhaus sieht, gebe es auch schöne Momente. Mit einem sterbenden Patienten sei sie mit einem Krankenwagen und einem Arzt ein letztes Mal an die Ostsee gefahren. Auch „Wunder“ hat sie erlebt, erzählt sie. Ein junger Medizinstudent sei wegen eines schweren Unfalls im Klinikum behandelt worden.

Er sei so schwer verletzt gewesen, dass er Sprechen und Schreiben neu lernen musste. Ein Jahr habe er gebraucht, um wieder gesund zu werden. Später habe er Heidi Engel nach Abschluss seines Studiums mit seinem Sohn besucht. Dass er wieder komplett genesen würde, sei fast undenkbar gewesen, sagt Heidi Engel.

Medizin hat Pflegekraft Heidi Engel schon immer fasziniert

„So etwas vergisst man nie wieder. Es ist ein tolles Gefühl, daran beteiligt gewesen zu sein.“ Schon als sie sieben Jahre alt war, wusste sie, dass sie Ärztin oder Krankenschwester werden wollte. „Medizin hat mich schon immer interessiert. Die weißen Kittel der Ärzte und die Krankenschwestern, damals noch in ihren weißen Kleidchen – das hat mich fasziniert“, erzählt sie mit Begeisterung.

Auch Corona-Patienten hat Heidi Engel auf der Dialysestation – und das seit Pandemiebeginn fast täglich. Für sie gibt es einen speziellen Raum. Die Pflegekräfte dürfen diesen nur mit FFP-2-Maske, zwei Kopfhauben, einem speziellen Kittel und Schuhüberzügen betreten. Fünf bis sechs Stunden arbeite sie dann in diesem Raum, ohne ihn verlassen zu dürfen.

Auch auf der Intensivstation habe sie schon Corona-Infizierte behandelt. „Menschen, die sagen, das Virus existiere nicht, die haben noch nie neben jemandem gestanden, der keine Luft mehr bekommt.“ Um Menschen noch besser helfen und Personal besser anlernen zu können, hat sie beim Bildungszentrum der Davita AG in Hann. Münden während der beiden vergangenen Jahre eine Weiterbildung für Krankenpflege in der Nephrologie gemacht. Neben ihrer Tätigkeit in der UMG will sie 2022 Gesundheitsmanagement studieren. „Ich will mich in meinem Beruf weiterentwickeln und lerne einfach gerne Neues.“

Über Umwege zum Traumjob

Schon früh wusste Heidi Engel, dass sie in der Pflege arbeiten wollte. Dafür musste sie jedoch einen kurzen Umweg nehmen.

Denn Heidi Engel wuchs in der DDR auf und da sei es nicht so einfach gewesen, Krankenschwester oder Ärztin zu werden – dafür hätte sie auf die Oberschule gehen müssen und das wollte sie nicht. So machte sie zunächst eine Ausbildung im Einzelhandel und begann 1995 an der Uniklinik in Frankfurt am Main ihre zweite Ausbildung zur Pflegekraft. Danach arbeitete sie dort in der Dermatologie und auf der neurochirurgischen Intensivstation.

1999 zog es die gebürtige Thüringerin dann nach Witzenhausen – der Liebe wegen. Eine Stelle in der Region zu finden, sei damals nicht so einfach gewesen. „Ende der Neunziger gab es nicht so viele freie Stellen wie heute“, sagt Heidi Engel. Sie arbeitete im Dialysezentrum in Eschwege, bis sie 2003 an der Uniklinik in Göttingen anfing. Dort arbeitete sie zunächst in der Abdominal-Chrirugie und auf der IMC-Station, die damals aufgebaut wurde, erzählt die 49-Jährige. 2012 kam sie dann auf die Dialysestation.

„Eigentlich sollte das nur ein Sprungbrett sein“, denn Heidi Engel wollte Medizin studieren. Doch irgendwann wurden aus 30 Stunden 40 und das Gefühl, Menschen auf der Dialysestation wirklich helfen zu können, bestärkte sie darin, dort zu bleiben. „Ohne die Dialyse würden die Patienten sterben. Man hilft den Menschen also auf jeden Fall.“

Überlastung wegen Corona und Fachkräftemangel: Einige Pflegekräfte denken darüber nach, ihren Beruf aufzugeben

Sich genug Zeit für jeden Patienten nehmen zu können, sei momentan auf vielen Stationen schwierig. Das liege vor allem am Fachkräftemangel und an der Belastung durch Corona. Viele dächten deshalb sogar darüber nach, ihren Pflegeberuf aufzugeben oder hätten es schon getan. Und es kämen nur wenige nach.

Der Job müsse insgesamt attraktiver werden, mit besserer Bezahlung und Arbeitszeiten sowie Perspektiven zur Weiterbildung. „Sonst fahren wir mit voller Wucht an die Wand“, fürchtet Heidi Engel. In Deutschland komme etwa eine Pflegekraft auf drei Patienten. Das sei aber oft einfach nicht machbar. Patienten, die sich zum Beispiel nicht bewegen können, bräuchten mehr Hilfe.

„Pflege macht Spaß, wenn man genug Zeit hat.“ Und ohne die praktische Arbeit gehe es nicht, meint Heidi Engel. Das merke sie auch, wenn neue Ärzte auf der Dialysestation anfangen. Sie hätten zwar ein breites Wissen, aber die Erfahrung in der Praxis fehle.
Daher müssten Pflegekräfte und Ärzte immer im Austausch sein. Ohne genügend Personal werde es aber schwieriger, das umzusetzen. (Natascha Terjung)

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