„Planung muss früh starten“

Hann. Münden: Ingenieur Martin Holtgrewe über die ICE-Baustelle der Deutschen Bahn im Kreis Göttingen

Eindrucksvolles Bild aus der Luft: Zwischen Göttingen und Kassel befindet sich derzeit eine der größten Bahnbaustellen im Land. Das Drohnenfoto entstand bei Lippoldshausen.
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Eindrucksvolles Bild aus der Luft: Zwischen Göttingen und Kassel befindet sich derzeit eine der größten Bahnbaustellen im Land. Das Drohnenfoto entstand bei Lippoldshausen.

75 Kilometer Gleise, 72 000 Schwellen, 95 000 Tonnen Schotter: Die Sanierung der Schnellfahrstrecke zwischen Göttingen und Kassel besticht durch eine Reihe von Superlativen.

Altkreis Münden – Wir haben mit Martin Holtgrewe von der Deutschen Bahn über das Projekt gesprochen:

Um welche Arbeiten geht es auf dem Abschnitt?
Wir bauen den kompletten Bereich der Schnellfahrstrecke zwischen Göttingen und Kassel um, tauschen den Oberbau und die Weichen aus. Im Abschnitt Ihringshausen bis Kassel-Wilhelmshöhe müssen allerdings keine Weichen ausgewechselt werden. Der Grund für die Arbeiten ist, dass die Strecke nach jahrelangem Verschleiß saniert werden muss.
Was sind die Herausforderungen?
Ganz klar die Logistik. Viele einzelne Arbeitsschritte müssen aufeinander abgestimmt werden. Wir arbeiten an bis zu 20 Punkten gleichzeitig. Das muss koordiniert werden. Technisch unterscheidet sich die Sanierung einer Schnellfahrstrecke aber kaum von der einer normalen Bahntrasse.
Wo liegen denn die Unterschiede?
Die Qualität muss für hohe Geschwindigkeiten bis 280 km/h, die hier erreicht werden, eine andere sein: Die Abweichungen bei der absoluten Lage des Gleises dürfen nur im einstelligen Millimeterbereich liegen. Eine Schiene darf von der anderen nicht mehr als drei Millimeter abweichen. Außerdem kann man zur Baustelle nur von Norden oder von Süden Material heranführen, dazwischen gibt es wenige Möglichkeiten, Baustoffe zu lagern oder an die Strecke heranzukommen. Die Rettungsplätze dürfen dafür auch nicht genutzt werden. Sie müssen bereitstehen, falls bei den Arbeiten in den Tunneln etwas passiert.
Wie sieht es mit den Tunneln auf der Strecke aus?
Während der Arbeiten müssen die Tunnel bewettert, also mit Frischluft versorgt werden. Wir müssen dort den natürlichen Luftstrom mit technischen Hilfsmitteln verstärken, wegen der Dieselabgase der Baumaschinen- und Züge. Außerdem kann wegen der einzuhaltenden Arbeitsschutzvorgaben im Tunnel nur an einer Stelle gearbeitet werden. Die Arbeiter bleiben einen Großteil ihrer Schicht unter Tage. Das Arbeiten im Tunnel hat jedoch gerade im Sommer einen Vorteil: Die Temperaturen sind dort immer gleich kühl.
Wie läuft die Sanierung von Gleisen, Schotter und Schwellen ab?
Zunächst wird der Schotter mit einer speziellen Maschine aufgenommen und gereinigt, es folgt der Gleisumbauzug, der neue Schienen auf einer Länge von je 120 Metern legt, dann kommt die Gleisstopfmaschine. Sie verdichtet den Schotter wieder. Das Gleis wird auf eine gerade Ebene gebracht, alles wird „glatt gezogen“. Dann werden die Schienen endlos verschweißt. Das geschieht auf freier Strecke elektrisch, im Bereich der Weichen auch mit dem Thermitverfahren.
Wie ist der Arbeitsalltag auf der Baustelle?
Beim Gleisbau arbeiten wir sieben Tagen die Woche, 24 Stunden. Die Reinigungsmaschine schafft 200 bis 250 Meter Strecke pro Stunde, je nach Arbeitsgang.
Wie weit sind die Arbeiten bereits?
Wir gehen davon aus, dass die Strecke planmäßig zum 16. Juli fertiggestellt wird. Es kann jedoch immer etwas Unvorhergesehenes passieren.
Wie lange im Voraus plant die Bahn ein solches Projekt?
Die Planung muss früh gestartet werden, damit sich der laufende Bahnbetrieb darauf einstellen kann. Wir haben diese Baustelle bereits drei Jahre im Voraus angemeldet, ein Jahr vorher die Planungen verfeinert.
Wer übernimmt die Bauarbeiten?
Die Firma Spitzke und die DB Bahnbaugruppe haben sich für die Sanierung zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen geschlossen. Es gab für die Bauleistung eine europaweite Ausschreibung, bei der diese Arbeitsgemeinschaft das wirtschaftlichste Angebot abgegeben und den Zuschlag erhalten hat. Die Branche ist nicht allzu groß, es gibt einen überschaubaren Markt bei den Maschinen. Man kennt sich.
Hat die Corona-Pandemie einen Einfluss auf die Arbeiten?
Ja. Wir haben extra ein Testzentrum für die Baustelle errichtet für die Mitarbeiter, die näher zusammen arbeiten müssen. In den Büros gelten Abstandsregeln. Die Mitarbeiter sind angehalten, sich alle 48 Stunden testen zu lassen. Wir hatten auch einige positiv Getestete im weiteren Umfeld. Das hatte aber zum Glück keinen Einfluss auf das Projekt. Zu Beginn der Arbeiten, im April, war das Thema besonders brisant, zu der Zeit hatte gerade die dritte Coronawelle ihren Höhepunkt erreicht. (Thomas Schlenz)
Sanierung der Bahnstrecke Göttingen-Kassel: der Reinigungszug auf der Werratal-Brücke.
Gleisumbauzug: So einer kommt auch zwischen Göttingen und Kassel zum Einsatz.

Baustelle an der Bahnstrecke Göttingen-Kassel

Ein Reinigungszug auf der Werratalbrücke
Ein Reinigungszug auf der Werratalbrücke © Deutsche Bahn/nh
Ein Reinigungszug auf der Werratalbrücke
Ein Reinigungszug auf der Werratalbrücke © Deutsche Bahn/nh
Baustelle bei Lippoldshausen von oben gesehen.
Baustelle bei Lippoldshausen von oben gesehen.  © Tobias Siebert/agc göttingen gmbh/nh
Baustelle bei Lippoldshausen von oben.
Baustelle bei Lippoldshausen von oben. © Tobias Siebert/agc göttingen gmbh/nh
Baustelle bei Lippoldshausen von oben.
Baustelle bei Lippoldshausen von oben. © Tobias Siebert/agc göttingen gmbh/nh
Baustelle zwischen Göttingen und Kassel
Baustelle zwischen Göttingen und Kassel bei Lippoldshausen. © Tobias Siebert/agc göttingen gmbh/nh
Reinigungsmaschine
Reinigungsmaschine © Henning Hattendorf/Deutsche Bahn/nh
Reinigungsmaschine
Reinigungsmaschine © Henning Hattendorf/Deutsche Bahn/nh
So sieht eine Stopfmaschine aus
Stopfmaschine © Deutsche Bahn/nh
So sieht eine Stopfmaschine aus.
Stopfmaschine. © Deutsche Bahn/nh
So sieht ein Gleisumbauzug aus
Gleisumbauzug. © Deutsche Bahn/nh
Soe sieht ein Gleisumbauzug aus.
Gleisumbauzug © Deutsche Bahn/nh
So sieht ein Gleisumbauzug aus
Gleisumbauzug. © Deutsche Bahn/nh

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