Friede ist nicht selbstverständlich

Politisch, nachdenklich und aktuell: Volkstrauertag in Hann. Münden

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Am Ehrenmal an der Pionierbrücke: Oberstleutnant a.D. Gerald Brübach erinnerte daran, dass auch in der Gegenwart deutsche Soldaten sterben, obwohl in ihrem eigenen Land Frieden herrscht – in Auslandseinsätzen. Links Fahnenträger Dirk Bührmann, vorn der Bläserkreis der Stadtkirchengemeinde.   

Hann. Münden Über 70 Jahre Frieden in Deutschland, aber drumherum eine Welt voller Krieg und Terror. Vom Erinnern an die gefallenen Soldaten über den „Heldengedenktag“ der Nationalsozialisten ist der Volkstrauertag heute Mahnung, den Frieden zu erhalten, hieß es am Sonntag bei vielen Gedenkfeiern im Altkreis Münden.

Die Toten der Weltkriege seien kaum zu beziffern, das Leid nicht fassbar, sagte in der Kernstadt Münden Bürgermeister Harald Wegener, der an der Rotunde sprach. Der Volkstrauertag sei ein Aufruf zum Nachdenken und Handeln und gehe in diesem Sinne alle an, auch die jungen Menschen, die mit dem 1. Weltkrieg nichts zu tun hatten. 

Er zitierte den Philosophen Gabriel Marcel: "Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn." Man dürfe die Toten nicht schweigen lassen, das Vermächtnis der Opfer laute: Wir müssen Konsequenzen ziehen aus der vergangenheit und den Frieden und die Freiheit bewahren und sichern, auch wenn beide immer wieder neu erarbeitet werden müssten. 

Er wünsche sich, dass aus dem Volkstrauertag ein Volksfriedenstag werde.

Nachdem die Marinekameradschaft Münden, der Vdk, der Mündener Schützenverein, die Stadt und die Kameradschaft deutscher Pioniere Hann. Münden unter den Klängen des Bläserkreises der Stadtkirchengemeinde Kränze niedergelegt hatten, umrundeten die Besucher die Rotunde, um auf der anderen Seite Stadtarchivar Stefan Schäfer zuzuhören, der an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnerte.

Acht russischen Kriegsgefangene stellte er dabei in den Mittelpunkt: Sie wurden in Hann. Münden tot aus einem Gefangenentransport gezogen und auf dem jüdischen Friedhof vergraben. „Wahrscheinlich“, sagte Schäfer, „haben ihre Familien bis heute keine Nachricht, was aus ihnen geworden ist.“ Seine Mutter habe, wie andere Mündener auch, die Kutsche gesehen, die die nackten Leichen abtransportierte. Das Grauen mitten in der Altstadt. 

Mit einem kleinen Stück Pappe, kaum groß genug, um darauf zu stehen, machte Schäfer  deutlich, wie viel Platz ein Gefangener in jenem Zug hatte, der mit 2200 sowjetischen Kriegsgefangenen in Münden Halt machte: 0,22 Quadratmeter. 

Friede im eigenen Land, aber nicht in der Welt: Die deutschen Soldaten machen ihr Testament, bevor sie in den Auslandseinsatz ziehen. Seit 1993 müssen sich die Bundeswehrsoldaten mit Tod, Verkrüppelung und Verwundung beschäftigen. Das machte Oberstleutnant a.D. am Ehrenmal an der Pionierbrücke deutlich, wo Thomas Grömm, Vorsitzender der Kameradschaft deutscher Pioniere die Teilnehmer begrüßt hatte.

Trauernde Angehörige seien oft allein, viele in der Bevölkerung lehnten die Auslandseinsätze der Bundeswehr ab. Angesichts der Drohgebärden des amerikanischen Präsidenten Trump und des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un frage man sich: Was haben sie aus der Vergangenheit gelernt? 

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