Eine Tagesgage von fünf Mark

Polizeischüler spielten als Komparsen bei Filmen im Landkreis Göttingen mit

2004 liefen an der Weser in Hann. Münden die Dreharbeiten für den Tatort „Dunkle Wege“, in dem es um den Tod eines Mündener Polizeischülers geht.
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Licht, Kamera, Action: 2004 liefen an der Weser in Hann. Münden die Dreharbeiten für den Tatort „Dunkle Wege“, in dem es um den Tod eines Mündener Polizeischülers geht. Das THW half mit Booten. (Archivbild)

Als 1956 in Göttingen der Film „Der Etappenhase“ gedreht wurde, spielten auch einige Schüler der Landespolizeischule Niedersachsen in Hann. Münden als Komparsen mit.

Hann. Münden/Göttingen – Wolfgang Bury, der zwischen 1969 und 2012 an der Landespolizeischule und späteren Polizeiakademie beschäftigt war, erinnerte jetzt an diese Zeit. Er reagierte auf Artikel unserer Zeitung zum Thema „Hann. Münden als Filmstadt“.

Die Komödie „Der Etappenhase“ spielt während des Ersten Weltkrieges und handelt von den drei befreundeten Soldaten Hein, Gerd und Ummo, die gemeinsam mit ihrem Leutnant in die Etappe nahe der deutsch-holländischen Grenze verlegt werden.

Für die Polizeischüler seien die Drehs immer eine willkommene Abwechslung zum strengen Ausbildungsalltag gewesen, erzählt Wolfgang Bury. Außerdem habe es eine Tagesgage in Höhe von fünf D-Mark und ein warmes Mittagessen gegeben. Er kenne viele Geschichten aus dieser Zeit von älteren Kollegen.

Kommissare wurden zu Offizieren

Wie Bury sagt, hatten die Komparsen der Polizeischule für die Rollenvergabe immer genaue Vorstellungen: Die Beamten des Stammpersonals wollten nur die Rollen spielen, deren Dienstgrad sie bei der Polizei verkörperten – Kommissare standen also als Offiziere vor der Kamera und Polizeimeister als Feldwebel.

Das Filmset sei meist der damalige Göttinger Flugplatz gewesen, wo sich heute das Industriegebiet Grone befindet, erzählt Bury. Da Göttingen im Krieg relativ unzerstört geblieben sei und ohne Trümmer und Ruinen eine schöne Kulisse geboten habe, sei die Stadt ein sehr beliebtes Filmset gewesen, sagt der pensionierte Polizeibeamte.

Neben dem Etappenhasen sei beispielsweise auch der Film „Zu Befehl Frau Feldwebel“ mit Ruth Leuwerik und Dieter Borsche unter Mitwirken von Polizeischülern aus Münden gedreht worden.

Ein Sonntag, ein Besuch

Ein weiterer früher Film, für den die Dreiflüssestadt die Kulisse bot, war in den 1960er-Jahren „Ein Sonntag, ein Besuch“ von Hans Bachmüller und Sigrid Brunk. Wie Sven Schreivogel vom Filmbüro Göttingen berichtet, spielte dort auch ein Junge aus Münden mit.

Er sei in einer Szene am Bahnhof zu sehen, wo er laut Drehbuch mit anderen Kindern in einer Pfütze herumspringen sollte. Ein anderer Mündener könne sich auch an diese Aufnahmen am Bahnhof erinnern: Die Feuerwehr musste einen Regenschauer simulieren. Einer weiteren Zeitzeugen-Meldung zufolge, habe es auch eine Szene auf der Tillyschanze gegeben, in der ein Dialog zweier Personen stattfand – Die eine Person habe auf dem Aussichtsturm gestanden, die andere am Fuße des Turms.

Auch heute sind Göttingen, Münden und Umgebung noch beliebte Filmkulissen. Erst im vergangenen Jahr wurde im Kloster Bursfelde der Film „Mit Gott gegen Hitler: Bonhoeffer und der christliche Widerstand“ gedreht. Auch mehrere Folgen des Tatorts spielten in der Region: zuletzt im April 2020 in Göttingen, „National feminin“. 2004/2005 spielte mit „Dunkle Wege“ ein Tatort an der Polizeischule in Münden.

Bury erinnert sich gerne zurück

Als er 1996 die Feier zum 50-jährigen Bestehen der Polizeischule organisierte, zu der es auch eine Ausstellung über ihre Geschichte geben sollte, stieß Wolfgang Bury auf alte Plakate der Filmstudios Göttingen. Heute gebe es kaum noch Erinnerungsstücke, was er sehr schade findet.

Bei der Auflösung der alten Landespolizeischule Niedersachsen im Jahr 1997 seien die Unterlagen abhandengekommen, sagt er und ergänzt: „Wenn ich nicht mehr bin, geht viel Geschichtswissen über die Polizeischule verloren.“ Er selbst bewahre noch ein paar Relikte in seinem Keller auf, den Großteil habe er aber dem Polizeimuseum in Nienburg gespendet.

43 Jahre Polizeibeamter

Der heute 70-Jährige blickt auf 43 Jahre Berufstätigkeit zurück und ist nun seit neun Jahren im Ruhestand. Im Oktober 1969 trat er seine Ausbildung an der Landespolizeischule Niedersachsen an. Er war in unterschiedlichen Positionen bei der Polizei tätig: als Zuständiger für die Öffentlichkeitsarbeit und als Ausbilder.

Der erste Ausbildungslehrgang an der Polizeischule begann am 11. Juni 1946. Faktisch ist die Polizeiausbildungsstätte älter als das Land Niedersachsen, das erst im November 1946 begründet wurde. (Lea-Sophie Mollus)

„Der Agent“ und „Flussfahrt mit Huhn“: Hann. Münden als Filmset

Neben den bereits genannten wurden folgende Filme in Hann. Münden und Umgebung gedreht: „Zugvögel“, 1946, in der Weserlandschaft; „Tausend rote Rosen blühn“, 1952, im Klostergut Wiebrechtshausen und an der Werratalbrücke bei Hedemünden; „Die spanische Fliege“, 1954 bis 1955, in Adelebsen und Hann. Münden; „Der Jäger vom Roteck“, 1955, gedreht unter anderem in Hedemünden am Sägewerk Koppel; „Flussfahrt mit Huhn“ 1983, neben Hann. Münden und Umgebung wurde auch in Westberlin, Hoya, Bodenwerder und Bremervörde gedreht; „Der Agent“, 1986 bis 1988, an Bahnhof, Rathaus und dem Welfenschloss; „Imagor - Lass und spielen!“, Mitte der 1990er Jahre, in und um Münden und „Keine Lieder über Liebe“, 2004, unter anderem im Kurbelkasten in Hann. Münden. Die Liste wurde von Sven Schreivogel, vom Filmbüro Göttingen, zusammengestellt. 

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